«Ein Trend zur Protestmüdigkeit auf der linken Seite»

Einst gab es am WEF Krawalle, nun wird es von Jahr zu Jahr leiser. Sind die Jungen zu faul geworden? Politologe Michael Hermann liefert Erklärungen.

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Die Anti-WEF-Demonstrationen in Davos nehmen von Jahr zu Jahr ab. 2005 gab es Krawalle, 2009 noch eine friedliche Demonstration und dieses Jahr tanzte ein Roboter für das bedingungslose Grundeinkommen. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Es ist eigentlich eher erstaunlich, dass die Anti-WEF-Bewegung so lange aktiv geblieben ist. Zum einen ist Davos schwer zu erreichen und zum anderen haben soziale Proteste immer eine begrenzte Lebensdauer. Und die Antiglobalisierungsbewegung hatte ihren Höhepunkt bereits um die Jahrhundertwende.

Also hat die Kritik an der Globalisierung abgenommen?
Ich würde sagen, die Themenlage hat sich verschoben. Die Globalisierung wurde in den Neunzigern von Politik und Konzernen euphorisch vorangetrieben, das weckte linken Widerstand. Heute sind die Globalisierungsanhänger stiller geworden, zugleich ist vieles davon Alltag. Die Kritik am Kapitalismus bekam mit der Finanzkrise ab 2007 neuen Aufschwung, hat aber schon wieder stark an Energie verloren. Nun wird Globalisierung vor allem mit der Flüchtlingskrise zusammengebracht, was die rechte Seite mobilisiert.

Was für eine Rolle spielt die Lage von Davos?
Da Davos eher abgelegen ist, ist es natürlich einfacher, Demonstrationen einzudämmen. Grundsätzlich brauchen Proteste entweder einen Anlass, der die Menschen mobilisiert, oder eine Ritualisierung des Protests. Und für die Ritualisierung wäre das WEF eigentlich ideal. Zum Vergleich: Die Demonstrationen am 1. Mai finden schon seit Jahrzehnten statt, sind aber um einiges einfacher zu erreichen, da sie immer in grossen Städten stattfinden. Also spielt die Lage eine wichtige Rolle.

Aber auch am 1. Mai gehen immer weniger Menschen auf die Strasse.
Das hat auch damit zu tun, dass die Polizei hart durchgreift. Aber wenn am 1. Mai in den Städten die Zahl der Demonstrierenden abnimmt, ist das an einem schwer erreichbaren und abgeschirmten Ort wie Davos erst recht der Fall.

Sind die Jungen heute zu faul, um zu demonstrieren?
Früher hat sich die Jugend klar von der älteren Generation abgesetzt. Heute sind die Gegensätze viel kleiner. Aber von einer entpolitisierten Jugend sprach man schon in den 1990er-Jahren. Insgesamt lässt sich aber durchaus ein Trend zur Protestmüdigkeit erkennen – zumindest auf der linken Seite. Grundsätzlich braucht es aber immer einen Anlass, um auf die Strasse zu gehen. Insgesamt sieht man schon einen Trend zur Resignation. Konkret beim WEF spiegelt sich im Rückgang des Protests aber auch eine verminderte politische Bedeutung des Anlasses.

Der tanzende Roboter: Mit dieser Aktion will «Grundeinkommen Schweiz» am WEF Aufmerksamkeit erregen. (Video: Matthias Chapman und Lea Koch)

Hat sich der Protest vielleicht ins Internet verschoben?
Ich würde sagen, der Protest hat sich um die Dimension Internet erweitert. Es ist einfacher, einen Kommentar zu schreiben oder einen Like-Button zu drücken, als nach Davos zu reisen.

Haben die abnehmenden Demonstrationen eine Auswirkung auf unsere Demokratie?
Grundsätzlich sollte eine gut funktionierende Demokratie das Protestieren ja eigentlich überflüssig machen, weil sie frühzeitig auf Stimmungen in der Bevölkerung reagiert. Durch ihre Sichtbarkeit und Spürbarkeit sind Proteste aber durchaus wichtig, um auf Anliegen von Minderheiten aufmerksam zu machen. Sie werden aber teilweise auch überschätzt.

Wieso überschätzt?
Weil die Heftigkeit einer Demonstrationen oft mit einer allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung gleichgesetzt wird. Man denkt, das sei nun das Volk, dabei ist es vielleicht nur eine engagierte Minderheit. Weniger Proteste führen vielleicht auch zu weniger Illusionen.

Morgen ist in Zug eine Demonstration der Linksautonomen angekündigt. Erwarten Sie Ausschreitungen?
Das kann ich nicht beurteilen. Es ist aber sicher einfacher, in Zug viele Menschen zu versammeln als in Davos. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2016, 19:58 Uhr)

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Michael Hermann arbeitet als Politologe. (Bild: Robert Huber)

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