«Fixe Wechselkurse können nicht funktionieren»

Ökonom Kenneth Rogoff hat Verständnis für die Mindestkursaufhebung, findet das Anleihenkaufprogramm der EZB eine gute Idee und wünscht sich ein höheres Inflationsziel.

Kenneth Rogoff hält das Inflationsziel von 2 Prozent für «zu rigid». Foto: Laif

Kenneth Rogoff hält das Inflationsziel von 2 Prozent für «zu rigid». Foto: Laif

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Was halten Sie vom Kurswechsel der Schweizerischen Nationalbank und die Auswirkungen auf die ­Weltwirtschaft?
Die Ansicht, dass die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank die Glaubwürdigkeit der Notenbanken generell infrage stellt, halte ich für gewaltig übertrieben. Es war unausweichlich, dass die Nationalbank aufgeben musste. Die Einführung der Untergrenze war ein Experiment und keine gewöhnliche Geldpolitik. Ich war beeindruckt, dass das so lang funktioniert hat.

Sie hätten nicht darauf gewettet?
Nein, hätte ich nicht. Denn fixe Wechselkurse können bei offenen Kapitalmärkten nicht funktionieren, auch wenn es hier nur um die Verhinderung einer weiteren Aufwertung ging. Niemand ist ­bereit, die Währungsreserven aus­zu­weiten, bis sie 300 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmachen. Das ist zu riskant. Die Reserven sind stark ge­stiegen und alle Trends haben gezeigt, dass das so weitergehen würde. Besonders, weil die weltweiten Zinsen sinken und der Euro so an Wert verlor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine Entscheidung kommt. Auf das Versprechen, eine Währung zu fixieren, sollte die Öffent­lich­keit nie viel geben.

Der Schritt der SNB wurde auch als Zeichen dafür aufgefasst, dass es sehr schwierig ist, eine Deflation zu bekämpfen.
Es war für die Schweiz sehr teuer, die Aufwertung zu verhindern, und es ist auch jetzt sehr teuer. Diese Politik war radikaler als das Quantitative Easing – also die Anleihenkäufe, wie sie jetzt auch die EZB vornimmt. Hätte die Noten­bank betont, dass das nicht ewig so weitergeht, hätte sich die Untergrenze sofort nicht mehr verteidigen lassen. Die Nationalbank hat gehofft, sie könne warten, bis der Druck vorbei ist.

Welche Folgen hat dies für die Schweiz? Kommt es zu Deflation oder gar Rezession? Steigt die ­Arbeitslosigkeit?
Es ist schwierig, mit einer Aufwertung von diesem Ausmass fertig zu werden. Ich erwarte, dass die Folgen geringer sein werden, aber länger anhalten werden, als man jetzt annimmt. Die Unternehmen haben gewöhnlich noch Gewinnmargen und andere Möglichkeiten, um den Aufwertungseffekt abzufedern. Aber keine Frage, das ist wirklich eine einzigartige Herausforderung für die Schweiz. Die Schwierigkeiten sind extrem, mit denen das Land nun umgehen muss.

Die Nationalbank geht davon aus, dass sich der Währungskurs wieder normalisiert, weil der Franken jetzt überschiesst. Aber bleibt der ­Franken nicht weiterhin ­begehrt als sicherer Hafen?
Diese Art von Überschiessen der Währung kann sehr lang anhalten. Es ist sehr schwer, den Verlauf von Währungs­kursen zu prognostizieren. Leider gibt es keine Garantie für eine Korrektur.

Welchen Effekt werden die ­Geldspritzen der Europäischen Zentralbank haben?
Die EZB musste jetzt handeln. Der Euro hat sich bereits abgewertet, und das ist wichtig für die Eurozone – wenn das auch nicht für die Schweiz gilt. Hätte die EZB die Erwartungen nicht erfüllt, wäre die Gemeinschaftswährung wieder angestiegen. Ich glaube aber, dass man die Massnahme als ersten Schritt betrachten muss und nicht als den alles entscheidenden. Das Quantitative Easing ist alles andere als ein perfektes Instrument. Es ist nicht klar, wie viel es bewirken kann. Aber ich halte es dennoch für eine gute Idee.

Kritiker sagen, dass man mit dieser Politik in Europa weniger erreicht, als dies in den USA der Fall war.
Niemand weiss, was die Anleihenkäufe in den USA wirklich bewirkt haben. Möglicherweise hätte sich dort auch unabhängig davon ohnehin eine Erholung nach der Krise eingestellt. Es gibt keine eindeutige Einschätzung dieses Effekts.

Wirkt sich das Programm vor allem über den Währungskurs aus?
In den USA geht man davon aus, dass ­dadurch die Langfristzinsen gesunken sind. Aber niemand kann sagen, wie stark. Die Langfristzinsen in Europa sind sehr tief. Möglicherweise sind sie aber wegen der Erwartung der Mass­nahmen durch die EZB gesunken. Aber wenn in Europa die Verschuldung nicht neutralisiert werden kann, hat die Massnahme tatsächlich deutlich weniger Wirkung. Die EZB ist in der Auswahl an Anleihen eingeschränkt, die sie kaufen kann.

Nicht nur in der Eurozone wird die Frage aufgeworfen, was die ­Geldpolitik überhaupt noch ­bewirken kann, nachdem die ­Leitzinsen auf Tiefstniveau sind.
Das Inflationsziel der Notenbanken von 2 Prozent ist zu rigid. Die USA, Japan, Grossbritannien, Schweden und die Euro­zone würden profitieren, wenn sie sich ein flexibleres Inflationsziel setzen würden. Zumindest sollten sie das Ziel von 2 Prozent als Durchschnitt über eine lange Periode auffassen. Wenn sich die Inflationsrate über Jahre hinweg deutlich unter diesem Zielwert bewegt, sollte eine höhere Rate als 2 Prozent möglich sein. Jetzt fasst man den Zielwert als ­Maximalwert auf, den die Inflation er­reichen darf. Weil die Notenbanken die ­Inflation nicht direkt kontrollieren können, führt ihre Politik dazu, dass dieser Zielwert meistens deutlich unterschritten wird. Ich habe die Setzung eines Inflationsziels bereits 1985 vorgeschlagen, aber schon damals ein flexibles System angestrebt.

Es wird schwierig sein, ­einen ­Strategiewechsel bei den ­Notenbanken durchzusetzen.
Das wird sich wahrscheinlich ändern. Denn die Notenbanken werden sehen, wie schwierig es ist, die Inflations­erwartungen wieder zu erhöhen.

Angesichts der Probleme durch die Geldpolitik rücken staatliche ­Ausgaben oder Steuersenkungen zur Ankurbelung der Wirtschaft ­verstärkt ins Zentrum. Was halten Sie davon?
Es braucht die drei Pfeile, wie sie in ­Japan genannt werden: Geldpolitik, Fiskal­impulse und Strukturreformen. Geldpolitik schafft eine temporäre Milderung, kann Reformen aber nicht ersetzen. Auch die Fiskalpolitik hilft, ist aber in Europa schwieriger umzusetzen, denn die Länder an der EU-Peripherie würden dafür Transferzahlungen aus dem reichen Norden brauchen. Diese Länder können aber kein Geld aus­leihen, wenn Deutschland die Kredite nicht garantiert.

In Deutschland sorgt man sich, dass man am Ende zu viel bezahlen muss.
Die Peripherieländer werden ihre Schulden ohnehin nicht vollständig zurückzahlen können. Die Entscheidungen, die zu dieser Entwicklung geführt haben, wurden in den 90er-Jahren gefällt. Der Schuldenüberhang in diesen Ländern muss kreativ angegangen werden. Sie werden nicht aus den Schulden herauswachsen können. Deutschland kann Druck zur Schuldenreduktion auf­setzen, aber das wird erfolglos bleiben. Je rascher die Länder im Norden das akzeptieren, desto besser. Aber es ist sinnvoll, dass sie dafür von den Peripherie­ländern Reformen einfordern. Der Schuldenverzicht ist die sauberste und effektivste Art von Transferleistungen.

Wo überall sind die Schulden nicht mehr nachhaltig? Wohl nicht nur in Griechenland.
Nein. Das betrifft mit Sicherheit auch Spanien, Portugal und Irland. In Italien ist es etwas komplizierter, weil dort die Gläubiger reiche Inländer sind. Es ist nicht klar, warum Deutschland hier bezahlen soll.

Den Schuldenverzicht hat man immer als ein Problem für die ­Banken betrachtet. Sie könnten so unter massiven Druck geraten.
Das ist eine sehr gute Frage. In Griechenland wird das Endspiel mit grosser Wahrscheinlichkeit erfordern, dass Kapitalverkehrskontrollen wie in Zypern eingeführt werden, um einen Sturm auf die Banken zu verhindern. Diese Kontrollen werden sehr lang in Kraft bleiben. Es wird wahrscheinlich zu einer Situation kommen, dass ein Euro in Griechenland weniger wert ist als ein Euro in anderen Ländern, wenn auch nicht für immer. Auch wenn das notwendig werden könnte, ist es problematisch. Denn die Leute könnten sich sorgen, dass das auch in Spanien, Portugal und Irland ­geschehen könnte.

Wie optimistisch sind Sie für die Entwicklung in der Eurozone?
Sehr kurzfristig wird der Fall des Öl­preises helfen und Zeit kaufen. Aber ich bin wenig optimistisch, dass diese Zeit genutzt wird.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.01.2015, 23:30 Uhr)

Kenneth S. Rogoff

Renommierter Ökonom

Kenneth Rogoff, 62, lehrt Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard. 2001 bis 2003 war er zusätzlich Chefökonom und wissenschaftlicher Direktor des Internationalen Währungsfonds. Rogoff beschäftigt sich mit Wechselkursen, internationaler Verschuldung und Geldpolitik. Im August 2008 prognostizierte er den Kollaps grosser US-Banken. Rogoff hat sich auch für die Abschaffung des Bargelds starkgemacht. Berühmt ist sein Buch «This Time is different. Eight Centuries of Financial Folly». Tagesanzeiger.ch/Newsnet

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