So feiert man auf den WEF-Partys

Die Feste sind ein guter Gradmesser für die Stimmung am Wirtschaftsforum: Die Europäer hadern mit dem Schicksal, die Türken sind selbstbewusst, und die Amerikaner bejubeln euphorisch die digitale Zukunft.

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Da steht man und hält sich am Glas fest. Der Saal ist brechend voll, der Geräuschpegel so hoch, dass man die Lederhosen-Band im Hintergrund gar nicht hört – lauter erfolgreiche und gut angezogene Menschen, die am World Economic Forum in Davos eine Einladung an die einst legendäre Party des Verlegers Hubert Burda ergattert haben. Seine Frau, die «Tat­ort»-Schauspielerin Maria Furtwängler, ist kurz da, auch Will.i.am von den Black Eyed Peas, Wirtschaftskapitäne wie Nestlé-Chef Paul Bulcke, Schweizer Politiker wie Roger Köppel, Christa Markwalder und Thomas Aeschi.

Doch da hört der Glamour auf. Der Party fehlt das Wichtigste: die gute Laune. Wer bleibt, betrinkt sich, um das Gedränge und den routinierten Small Talk auszuhalten. Den Glamour findet man ein Stockwerk höher im Hotel Steigenberger Belvédère. Da feiert das Online-Handelshaus Alibaba ein ausgelassenes Dinner. Und anders als bei Burda haben sich für die chinesische Version von Ebay die Stars des internationalen Prominentenzirkus aufgeputzt: U2-Sänger Bono (in betont schlabbrigem Pullover und Jacke), der britische Ex-Premier Tony Blair und Schauspieler Kevin Spacey feiern mit. Die Stimmung: aufgekratzt bis feuchtfröhlich. Nimmt man also die Partys zum Gradmesser, was dieses Jahr in Davos los war, haben die Europäer (und die alten Medien) klar verloren.

Dinner bei den Türken überbucht

Die Partys waren 2016 ein guter Seismograf: Das zeigen auch der Run auf die Google-Party (mit Star-DJ und Marshmallow-Grillieren über offenem Feuer) und das Dinner des türkischen Premiers Ahmet Davutoglu, das mehrfach überbucht war. Während die Westeuropäer auf Podien und Essen einen gedämpften Eindruck machten, strotzten die Türken vor Selbstbewusstsein und skizzierten die Amerikaner euphorisch die digitale Zukunft.

Insbesondere zwischen Europäern und den Amerikanern klaffte dieses Jahr ein Graben. Schlimmer noch, beim Hauptthema von 2016 – der sogenannt vierten industriellen Revolution – schienen die Euro­päer keine oder nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Am ersten Morgen zum Beispiel diskutierten die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, Microsoft-Chef Satya Nadella, Ruandas Präsident Paul Kagame und der indische Industrielle Anand Mahindra die Früchte der digitalen Revolution – von einem Europäer keine Spur. Sie fehlten nicht nur auf dem Panel, sondern waren nicht einmal Thema. Der Fokus lag ganz auf den Chancen für Silicon Valley, für die Frauen, für die Entwicklungsländer.

Dafür durften die Europäer auf den Podien mitreden, als es darum ging, die Schattenseiten der Digitalisierung durchzukauen. «Welt ohne Arbeit?», « Aushöhlen der Mittelklasse?». Die Vertreter des Alten Kontinents liefen zu Hochform auf, dafür fehlte bei diesen Debatten das Silicon Valley.

Die Europäer waren ohnehin stark mit sich selbst beschäftigt, mit der Flüchtlingskrise, mit der Angst vor dem Auseinanderdriften der Union. Beinahe surreal verhielt sich die EU-Kommission, die an einem Mittagessen mit WEF-Teilnehmern Zuversicht bezüglich Wirtschaftswachstum verbreitete, während am selben Tag Österreich eine Obergrenze für Flüchtlinge beschloss und der ganze Schengen-Raum in Aufruhr war. Das offizielle Programm ist am WEF ja nur die bisweilen sehr inspirierende Begleitmusik für den eigentlichen Sinn und Zweck der gigantischen Veranstaltung: politische und geschäftliche Deals, die sich in dieser Effizienz nur in Davos abschliessen lassen, weil alle Entscheidungsträger und Kunden da sind; und das Netzwerken mit Seinesgleichen.

Eine amerikanisch geprägte globale Klasse

Auch wenn nur etwas mehr als die Hälfte der 2800 Teilnehmer Wirtschaftsvertreter und viele andere Politiker, Professorinnen, Chefredaktoren und Politaktivisten sind: In Davos trifft sich eine amerikanisch geprägte globale Klasse, an renommierten Universitäten ausgebildet, die sich auf gemeinsame politisch korrekte Codes verständigt hat: Der Kampf gegen den Klimawandel, das Fördern von Frauen, die Verbesserung der Welt sind Imperative.

An dieser Front lief es am WEF 2016 so geschmiert wie jedes Jahr – sofern man die Visitenkarten eingepackt hatte. Mal abgesehen von allen Promis: Man traf die furchtlose 58-jährige Harvard-Professorin Naomi Oreskes, die sich mit Klimaleugnern und der Öllobby anlegt, aber auch den eleganten 40-jährigen Amerikaner Christopher Kile, Partner bei einer Private-Equity-Firma in Genf, der hofft, die nächste bahnbrechende Softwarelösung gefunden zu haben. In Davos war er, um mit «coolen Leuten» abzuhängen. Oder man trank einen Café mit Jun Ho Oh, Ingenieur aus Seoul, der mit seinem Roboter internationale Wettbewerbe gewinnt, aber die künstliche Intelligenz für überschätzt hält. Und gegen Ende der Google-Party lief einem noch Richard Ambrose aus Denver über den Weg, bei Lockheed Martin zuständig für Raumfahrt. Er konnte wegen des Lärms im Hotel nicht schlafen, hielt sich deshalb an einem Drink fest und begann von einer Flasche im Bündner Eis gelagertem Whiskey zu schwärmen, für die er in Klosters 400 Dollar bezahlt habe: «War teuer, aber dafür habe ich jetzt eine gute Geschichte zum Erzählen.»

Man feiert, als wenn es hier kein Morgen gäbe

Gestört wurde dieses Hin und Her zwischen überraschenden Begegnungen, Veranstaltungen mit Top­shots und den unzähligen Partys und Länderabenden («Korean Night», «Mongolian Night», «Mexican Night») nur von logistischen Hindernissen. Gefühlte tausendmal musste man wegen der Sicherheitsschleusen seine Jacke ausziehen, die Taschen zeigen, durch den Metalldetektor laufen. Und mehrmals pro Tag wurde man von einem Pulk Männer mit Knopf im Ohr etwas unsanft zur Seite geschoben, weil sie unbedingt und ganz dringend einen VIP vorbeischleusen mussten. Anfänglich war es ja noch aufregend, wenn US-Aussenminister John Kerry neben einem stand, aber es waren so viele bekannte Namen da, dass sich die Aufregung schnell legte, sofern der Mann nicht gerade aussah wie Leonardo DiCaprio.

Bodyguards, Limousinen, all die Lounges an der Hauptstrasse, die für vier Tage von Banken und Beratungsfirmen für Kundenanlässe gemietet und umgebaut werden: Davos wird während des WEF zur Kulissenstadt, die niemals schläft. Es ist Samstag, vier Uhr morgens, die Promenade ist noch voller Passanten: Um diese Zeit sind die Partys zu Ende, da mischen sich in der Pianobar des Hotel Europe Alte und Neue Welt, Amerikaner, Schweizer, Deutsche, Koreaner. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Man hält sich am Bier und der guten Laune fest und feiert, wie wenn es hier kein Morgen gäbe. Denn das gibt es auch nicht: Am nächsten Morgen werden die Kulissen wieder abgebaut, und alle kehren in ihre Realität zurück. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 24.01.2016, 11:51 Uhr)

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