«Dialekte werden in Deutschland am negativsten bewertet»

Wer Dialekt spricht, gilt als sympathisch, aber ungebildet. Die Mundart in Deutschland hat – ganz im Gegensatz zur Schweiz – ein Image-Problem. Völlig zu Unrecht.

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Nach den ersten Sätzen meinen viele zu wissen, woher Matthias Sutter kommt. In Österreich gelte ich als Deutscher, weil ich so schön Deutsch spreche. «In Deutschland gelte ich oft als Schweizer», erklärt Sutter in seiner melodiösen Sprachfärbung mit dem gedehnten A, das eher an ein O erinnert. «Und die Schweizer merken sofort, dass ich nicht aus der Schweiz komme.»

Der Einschlag in seinem Hochdeutsch ist vorarlbergisch. Er sagt «voradelbergerisch». Sutter ist ein «Gsiberger», weil die Menschen in Vorarlberg «I bin gsi» anstatt «Ich bin gewesen» sagen.

Hochdeutsch muss nicht sein

Er selbst spreche ja kaum Dialekt, erklärt der Professor der Universität Köln. Einige Menschen aus Vorarlberg würden sich umgekehrt sogar weigern, Hochdeutsch zu sprechen, sagt er. Weil sie ihren Dialekt so viel lieber benutzen als die geschliffene Sprache aus dem Duden.

In Deutschland ist das undenkbar. «Im Vergleich mit Österreich und der Deutschschweiz werden Dialekte dort am negativsten bewertet», sagt Irmtraud Kaiser, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Salzburg. Dialektsprecher gelten gegenüber Hochdeutschsprechern häufig als weniger intelligent und ungebildeter. Immerhin wirke die Mundart laut Befragungen sympathischer.

Aber sind Hochdeutschsprecher tatsächlich kompetenter als Dialektsprecher? Keinesfalls, sagt Albrecht Plewnia vom Institut für deutsche Sprache. «Diese Zuschreibungen sind ausschliesslich sozial erworben.» Es gebe keinen Zusammenhang zwischen dem Klang oder der Grammatik einer Sprache und dem Bildungsgrad der Sprecher. Unsere Wahrnehmung verschiedener Sprecher wird schon in der Schule geprägt. Dort wird Hochdeutsch als Schriftsprache erworben. Je besser jemand darin Rechtschreib- und Grammatikfehler vermeide, desto kompetenter wirke er, erklärt Plewnia.

Wie klingt Kompetenz?

Wie austauschbar die Zuschreibungen von Dialekt und Hochsprache sind, zeigt ein Projekt von Plewnias Kollegen an der Universität Mannheim. Sie spielten Schülern in Tansania ohne Deutschkenntnisse Sprachproben von Plattdeutsch-, Saarländisch- und Hochdeutschsprechern vor. Die Teilnehmer der Untersuchung bewerteten die Hochdeutschsprecher durchweg als kompetenter – wenn der Dialekt als solcher bezeichnet wurde. Als die Forscher die Kennzeichnung wegliessen, nahmen die Schüler keinen Unterschied in der Kompetenz der Sprecher wahr.

Anders als in Deutschland ist Dialekt in der Schweiz für den Grossteil der Bevölkerung Alltag. Wer dort aufgewachsen ist, spricht fast sicher einen Dialekt, berichten Irmtraud Kaiser und ihre Kollegin Andrea Ender. Gleiches gilt für die Region Vorarlberg, aus der auch der Kölner Professor Matthias Sutter kommt. Im restlichen Österreich beherrschen immerhin vier von fünf Menschen Dialekt. In Deutschland sind es nur drei von fünf Einwohnern, die überhaupt einen Dialekt sprechen können.

Bairisch ist beliebt – Sächsisch nicht

Dialekte sind nicht die Volkstümelei, als die sie in Deutschland oft angesehen und abgetan werden. Für Andrea Ender sind ihre Sprecher schlicht mehrsprachig. Das hilft beim Lernen weiterer Sprachen – und beim Verstehen. Je stärker wir an Abweichungen von der Standardsprache gewöhnt sind, erklärt sie, desto toleranter ist unser Sprachzentrum gegenüber anderen Dialekten.

Ihre Kollegin Kaiser hat das bei ihrem Umzug nach Bern selbst erlebt. «Als Dialektsprecherin ist es mir auf Anhieb relativ leicht gefallen, die dortigen Dialekte zu verstehen – obwohl ich einen ganz anderen Dialekt als die Schweizer spreche», sagt sie.

In Deutschland haben Sächsisch und Bairisch die meisten Sprecher. Doch ihre Wahrnehmung geht weit auseinander. Während Bairisch die Liste der beliebten Dialekte anführt, ist Sächsisch stets das Schlusslicht. Sprachforscher Plewnia sieht den Grund dafür in den gesellschaftlichen Entwicklungen des Sprachraums. War das Sächsische im 18. Jahrhundert noch ein Vorzeigedialekt, ist es spätestens mit der DDR in die Unbeliebtheit abgerutscht.

Dialekt ist Heimat

«Das Sächsische kann als Sprache nichts dafür», sagt Plewnia. Sein Image sei stark geprägt, etwa durch Filme, in denen DDR-Grenzpolizisten fast ausnahmslos Sächsisch sprächen, und durch die Sprachfärbung Walter Ulbrichts. Eine wissenschaftliche Erklärung, warum der «Oachkatzlschwoaf» (bairisch für Eichhörnchenschwanz) sympathischer sein soll als das «Mutzekriepschen» (sächsisch für Marienkäfer), gibt es nicht.

Als das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid 2013 Menschen nach dem Ort ihrer Heimat fragte, gab immerhin rund die Hälfte an: «Wo mein Dialekt gesprochen wird.» Wie müssen sich die Sachsen fühlen, denen regelmässig erklärt wird, ihr Dialekt – und damit für viele auch ihre Heimat – sei unsympathisch? «Das ist nicht gut für das sprachliche Selbstbewusstsein», sagt Plewnia. Dialektsprecher reagierten darauf in der Regel auf zwei Arten: Trotz oder Abtrainieren.

Das Bairische kennt solche Probleme nicht. Der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte verkündete kürzlich, dass sich wieder mehr Menschen für den bairischen Dialekt interessieren. Wenn es um Politik geht, stecken die Bayern mit ihrem Dialekt jedoch in einem Dilemma. Als Kanzlerkandidat habe man mit Bairisch in vielen Teilen Deutschlands schlechte Karten, erklärt Albrecht Plewnia. Da wäre es hilfreich, den Dialekt mindestens verbergen zu können. Aber ein bairischer Ministerpräsident ohne Dialekt – unmöglich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2015, 07:33 Uhr

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