CO2-neutrale Fussball-WM?

Brasilien will möglichst klimaneutrale Fussballspiele veranstalten. Wo's klappt und wo nicht.

Von einer «grünen» WM weit entfernt: Der Löwenanteil an Emissionen der WM stammt von den Inland- und Interkontinentalflügen. Foto: Daniel Roland (AFP)

Von einer «grünen» WM weit entfernt: Der Löwenanteil an Emissionen der WM stammt von den Inland- und Interkontinentalflügen. Foto: Daniel Roland (AFP)

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Die Chefin des UNO-Klimasekretariats Christiana Figueres war voll des Lobes: «Jede Veranstaltung, ob gross oder klein, sollte in Zukunft dasselbe tun.» Der Grund für die Lorbeeren: Brasilien macht seine grossen Ambitionen wahr; der Ausstoss der Treibhausgase an der Fussball-Weltmeisterschaft soll möglichst neutralisiert werden. «Es ist das erste Mal, dass eine Weltmeisterschaft so nachhaltig veranstaltet wird», sagte die brasilianische Umweltministerin Izabella Teixeira vor den Medien.

Die Regierung orientiert sich am «Green Goal»-Programm des Weltfussballverbands Fifa, das 2006 an der WM in Deutschland eingeführt wurde. Das Konzept hat zum Ziel, die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Die Regierung rechnet mit direkten Emissionen von rund 60'000 Tonnen Treibhausgasen, vor allem aus dem Betrieb der Stadien und durch den Flugservice für Delegationen und Fussballfans zwischen den Spielorten. Sie kompensiert die Emissionen durch Klimazertifikate, die brasilianische Unternehmen offeriert haben.

Die CO2-Kompensation ist ursprünglich ein Produkt der internationalen Klimapolitik. Sie ist eine Option für In­dustrieländer, um ihre Reduktionsverpflichtungen zu erfüllen. Staaten und Unternehmen können in Klimaprojekte investieren und erhalten dafür von der UNO anerkannte Emissionsrechte. Die brasilianische Regierung akzeptiert nur Projekte im eigenen Land.

Das erklärte Ziel der Regierung ist ­jedoch, den gesamten Ausstoss an Emissionen zu kompensieren. Wird nämlich zu den direkten Emissionen noch der internationale Flugverkehr dazugezählt, so steigt das Emissionstotal der Weltmeisterschaft auf 1,4 Millionen Tonnen. Die Fifa ist behilflich, die Emissionen aus dem internationalen Flugverkehr zu neutralisieren: mit einer Kompen­sationskampagne für Ticketinhaber. Diese melden sich per Internet an (https://worldcupoffset.Fifa.com). Ein CO2-Rechner schätzt die individuellen Emissionen, und die Fifa übernimmt jeweils die Kosten, um die Emissionen durch Zertifikate zu kompensieren.

Fragwürdige Emissionen

 Julia Ziesche von der Heinrich-Böll-Stiftung ist skeptisch gegenüber dieser Form von Umweltschutz: «Die Emissionsberechnungen sind fragwürdig», sagt die Ethnologin. Tatsächlich variieren die Zahlen enorm, je nachdem welche Studie und Rechenmethode als Basis genommen wird. Die brasilianische Firma Personal CO2 Zero zum Beispiel schätzt die Emissionen während der WM weit höher als die brasilianische ­Regierung – auf rund 3 Millionen Tonnen Treibhausgase. Hinzu kommt: Wird der Bau und die Renovation der Stadien sowie die zusätzlich erstellte Infrastruktur dazugerechnet, erhöhen sich die Emissionen gemäss Personal CO2 Zero auf mehr als 11 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Die Schweiz stösst jährlich rund 39 Millionen Tonnen CO2 aus.

Eines haben jedoch alle Berechnungen gemeinsam: Der Löwenanteil stammt stets von den internationalen Flügen und dem Fernverkehr zwischen den Städten. Die Spielorte liegen zwischen 250 und 3100 Kilometer auseinander. Welche Schätzung auch immer tatsächlich zutrifft: Die Emissionen in Brasilien werden um eine Mehrfaches höher sein als an der Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006, wo die Stadien vielfach per Zug erreichbar waren. Nimmt man die Studie zum Massstab, so ist Brasilien von einer CO2-neutralen Weltmeisterschaft weit entfernt.

Für Julia Ziesche profitiert die Umwelt ohnehin wenig, wenn der Fokus zu stark auf die Emissionen gerichtet wird. «Gravierender ist, dass bei einigen Stadien unklar bleibt, wie sie nach der WM genutzt werden.» Es gebe berechtigte Zweifel, ob die Investitionen Brasiliens in den Bau von modernen Stadien gerechtfertigt und im Interesse der Bevölkerung seien.

Umweltrecht verletzt

Brasilien hat in dieser Beziehung neue Massstäbe gesetzt: Alle sieben neuen Fussballstadien und die fünf von Grund auf renovierten Arenen können bis Ende Jahr laut Regierung ein Zertifikat für nachhaltigen Gebäudebau vorweisen. Das neue Vorzeigestadion in Brasília wirbt heute schon mit dem höchsten LEED-Zertifikat. Das Kürzel steht für Leadership in Energy and Environmental Design. Die weltweit anerkannte US-Umweltauszeichnung gehört derzeit zu den besten Qualitätslabels.

Das deutsche Unternehmen TÜV Rheinland hat in verschiedenen neuen Stadien die Energiesysteme für die Zertifizierung geprüft und ist von der Arbeit überzeugt. Zum Beispiel das Stadion in Natal. «Das ist ein heisser Platz. Dank einer speziellen Dachkons­truktion können bei der Klimaanlage 8 Prozent Energie eingespart werden», sagt Frank Dudley von TÜV Rheinland. Alle Stadien haben mindestens ein Regenwassersystem für die Sprinkleranlage und teilweise den Toilettenbetrieb. Namentlich die Arenen im Norden Brasiliens verfügen über grosse Fotovoltaikanlagen. Die Solarzellen auf dem Dach des Stadions in Brasília soll bei gutem Wetter mehr Energie produzieren, als es verbraucht.

Diese grossen Anstrengungen lenken jedoch davon ab, dass die Behörden vielerorts bei Umweltauflagen beide Augen zudrückten. Die Organisation National Coalition of Local Committees for a ­People’s World Cup and Olympics deckt eine Reihe von Verletzungen des Umweltrechts auf: In Rio de Janeiro etwa wurde für den Bau der 26 Kilometer langen Busschnellstrecke BRT Transcarioca nur eine vereinfachte Umweltprüfung mit niedrigen Schutzanforderungen verlangt. In Porto Alegre ist der mithilfe der Bevölkerung konzipierte Masterplan für das Zentrum verändert worden – zugunsten von Hotelprojekten und Sportanlagen. So zitiert die Organisation ­Raquel Rolink, UNO-Beobachterin für sicheres und würdiges Wohnen: «Was in Porto Alegre geschah, zeigt, dass die Weltmeisterschaft in Brasilien eine Entschuldigung ist, um die Städteplanung zu verändern ohne Verträglichkeits­studien und die Beteiligung der Bevöl­kerung.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.06.2014, 03:04 Uhr)

WM-Maskottchen

Jedes Tor zur Rettung des Kugelgürteltiers

Millionenfach verkauft. Als Plastikandenken. Oder Plüschtier. Vorbild für das Maskottchen der Fussball-Weltmeisterschaft in Brasilien war das Dreibinden-Kugelgürteltier (Tolypeutes tricinctus). Das niedliche Tier kann sich zusammenrollen und ist so gross wie eine Handfläche. Das Gürteltier ist das ideale Symbol für die Absichten der brasilianischen Regierung und des Weltfussballverbandes Fifa: Die Weltmeisterschaft soll weltweit das Bewusstsein für eine intakte Umwelt fördern. Denn das Kugelgürteltier steht auf der Roten Liste für bedrohte Tiere der Weltnaturschutzunion (IUCN). Entsprechend erhielt das Maskottchen auch eine besondere Wortschöpfung als Namen: Fuleco. Das ist eine Kombination der beiden portugiesischen Worte «futbol» und «ecología».

José Alves Siqueira, Professor an der Universität Vale do São Francisco, wundert sich darüber, dass die brasilianische Regierung nicht mehr als ein Symbol dahinter sieht. Das Dreibinden-Kugelgürteltier lebt endemisch im tropischen Trockenwald der Region Caatinga. Einst bedeckte der Wald eine Fläche von 845 000 Quadratmetern im Nordosten Brasiliens. Heute ist nur noch gut die Hälfte vorhanden. Gleichzeitig ist der Bestand des Gürteltiers stark gesunken. Obwohl die Region bekannt ist für ihren Artenreichtum, gehört sie doch zu jenen Ökosystemen des Landes, die am wenigsten geschützt sind. In einem Artikel in der Fachzeitung «Biotropica» hat José Alves Siqueira eine ungewöhnliche Idee an die Adresse der Regierung und der Fifa veröffentlicht. Er schlägt vor, für jedes Tor an der Weltmeisterschaft 1000 Hektaren der Caatinga zu schützen. (ml)

CO2-Emissionen während der Fussball-WM. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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