Es geht zu Ende mit der Erde

Amerikanische Forscher haben den Ressourcenverbrauch unserer Gesellschaft in ein mathematisches Modell gepackt und zeigen: Die Zivilisation rast auf den Kollaps zu.

Die Zukunft sieht düster aus: Ein von einem Erdbeben zerstörtes Gebäude in der griechischen Stadt Lixouri.

Die Zukunft sieht düster aus: Ein von einem Erdbeben zerstörtes Gebäude in der griechischen Stadt Lixouri. Bild: Keystone

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Die Menschheitsgeschichte ist eine Achterbahnfahrt. Gesellschaften sind eingebrochen und wieder auferstanden. In der römisch-griechischen Zivilisation, in Mesopotamien, Babylonien, Ägypten. Der Kollaps der Mayakultur im 9. Jahrhundert beschäftigt die Forschung seit langem. Gründe dafür gibt es viele: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Dürren, Landzerstörung, Abholzung, Krieg.

Die Geschichte zeigt, dass selbst anspruchsvolle und kreative Kulturen wie die römische oder die Mayazivilisation anfällig sein können. Nun haben sich Mathematiker um Safa Motesharrei von der Universität Maryland gefragt, ob dieses Schicksal auch eine moderne Gesellschaft treffen kann, die gefestigt ist durch technologischen Fortschritt, scheinbar grenzenlose Innovation und durch ethisch-moralische Erziehung.

Eliten erkennen die Signale nicht

Für ihr Gedankenexperiment verwendeten sie ein einfaches Computermodell, das sich an der bekannten Räuberbeziehung von Alfred Lotka und Vitto Volterra orientiert. Dieses Schema sagt vereinfacht bezogen auf die Nahrungskette: Hat es genug Beute, nimmt die Population des Räubers zu – mit der Konsequenz, dass die Beute allmählich kleiner wird. Dies wiederum hat Folgen für die Räuber, deren Zahl abnimmt, weil nicht genügend Beute vorhanden ist. Und dies führt zu einer Erholung aufseiten der Beute. Die Entwicklung oszilliert demnach.

Im Kollapsmodell der US-Mathematiker sind die Räuber die Menschen, die Beute die natürlichen Ressourcen. Hinzu kamen Variablen, die in der Vergangenheit ebenfalls eine grosse Rolle spielten: der Einfluss der Zweiklassengesellschaft und der Reichtum.

Das Ergebnis überrascht auf einen Nenner gebracht nicht. Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und die ungleiche Verteilung des Reichtums können nach dem mathematischen Modell zu einem totalen Kollaps der Zivilisation führen. Damit kommen die Mathematiker zum gleichen Ergebnis wie die Autoren des Berichts «Grenzen des Wachstums» in den 1970er-Jahren.

Interessant sind jedoch die Resultate im Detail: In einer Welt, die durch Eliten und den gewöhnlichen Bürger geprägt ist – also in unserer Welt –, spüren gemäss Modell die Eliten den drohenden Umweltkollaps viel später. Die Mathematiker interpretieren: Diese Entwicklung erlaubt es den Gebildeten und Reichen, weiterzumachen wie bisher, obwohl die Katastrophe droht.

In einer gerechten, idealen Welt verhält sich die Entwicklung hingegen ähnlich wie bei der Räuber-Beute-Beziehung von Lotka-Volterra. Wo die Bevölkerung zu stark wächst, entstehen zum Beispiel Hungersnöte, die das Gleichgewicht zwischen natürlichen Ressourcen und Nachfrage wiederherstellen. Allerdings ist auch hier ein totaler Kollaps nicht ausgeschlossen, sobald die Ausbeutung der Ressourcen zu gross wird.

Finanziert von der Nasa

Wie liesse sich ein Kollaps verhindern? Den Ressourcenverbrauch pro Kopf auf ein nachhaltiges Niveau reduzieren und die Ressourcen gerecht verteilen, erklären die Mathematiker. Das klingt nach den üblichen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte – nun in einem einfachen mathematischen Modell bestätigt. Nafeez Ahmed, Direktor am Institut für Politik und Entwicklung in London, hatte die Studie, die von der US-Weltraumbehörde Nasa finanziert wurde, vor wenigen Tagen in der britischen Tageszeitung «The Guardian» verbreitet. Er hat damit eine alte Diskussion erneut angetrieben, die unter Wissenschaftlern seit langem geführt wird.

Zu den bekanntesten Forschern auf diesem Gebiet gehören Paul und Anne Ehrlich von der Stanford-Universität, die seit Jahren vor Überbevölkerung und gefährlicher Ressourcenverschwendung warnen. Sie werden zu den sogenannten Neomalthusianern gezählt. Der Ökonom Thomas Malthus warnte bereits im 18. Jahrhundert vor Überbevölkerung und einer drohenden Nahrungskrise. Er ging sogar so weit, dass er es nicht für ratsam hielt, Geld von Reichen zu Armen zu transferieren. Das führe zu einer weiteren Überbevölkerung und steigender Nahrungsnachfrage.

Kollapsprognosen finden in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft nach wie vor wenig Gehör. Das zeigen die Reaktionen auf den Beitrag im «Guardian» und auf Essays wie jene von Paul und Anne Ehrlich. Unter anderem wird angeführt, dass die Ingenieurwissenschaften keinen drohenden Kollaps ausmachen. Das sei vielfach Miesmacherei.

Die Ökologen warnen schon lange, dass die Menschen in der westlichen Welt in einem Jahr etwa 1,5-mal mehr Ressourcen verbrauchen, als die Natur im gleichen Zeitraum regenerieren kann. Die UNO schätzt, dass in 40 Jahren gegen 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Selbst die britische Regierung kam zum Schluss, dass die Kombination von Energie-, Wasser- und Nahrungskrise zu einem «perfekten Sturm» führe.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.03.2014, 17:12 Uhr)

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