Tiermedizin

Kaninchen Emma muss zum Zahnarzt

Weil sie zu viel Süsses bekommen, leiden viele Kaninchen unter Zahnschmerzen. Auch zu klein gewachsene Kiefer sind bei Zwergchüngeln ein grosses Problem.

Ein Kaninchen beim Zahnarzt: Operation des narkotisierten Tieres.
Video: Tom Kawara/Lea Koch

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Emma ist drei Jahre alt, wiegt knapp ein Kilo und schaut gern fern, am liebsten die Science-Fiction-Serie «Dr. Who». «Kaum beginnt die Sendung, hoppelt sie zum Sofa, hüpft auf ihr Kissen und spitzt die Ohren», berichtet ihre Besitzerin Wendi Pedersen. Dieses Kaninchen sei etwas Besonderes.

Heute fährt das weiss-braune Zwergkaninchen zum zweiten Mal in seinem Leben Zug. Die Reise führt von Genf, wo Emma mit ihrer Besitzerin in einer Wohnung lebt, nach Zürich. Die ganze Fahrt über habe das Kaninchen die Reisenden beim Ein- und Aussteigen beobachtet oder aus dem Fenster gestarrt, erzählt Pedersen und zeigt ein Foto als Beweis.

Rund 1000 Franken hat sie in den letzten Monaten in die Behandlung ihres Tiers investiert. Alles begann kurz vor dem Tod von Emmas Bruder im Dezember. Emma wollte fressen, aber beim Versuch zu kauen, hielt das Tier inne. «Sie legte ihren Kopf auf meinen Schoss und blieb so liegen. Ich wusste: Etwas stimmt nicht», erinnert sich Pedersen.

Vom Eiter zerfressene Knochen

Ein fauler Backenzahn, konstatierte ein örtlicher Tierarzt, zog ihn und gab Emma ein Antibiotikum. Das half sehr gut, aber nur kurz. Nach einer Woche kehrten die Beschwerden zurück. Nun kam beim Fressen Futter aus der Nase. So trat Emma ihre erste Zugfahrt ans Zürcher Tierspital an.

Dort offenbart ein Computertomogramm – das keine Minute dauert – die Misere: Der eitrige Zahnabszess hat sich durch den Kieferknochen bis in die Nasenhöhle gefressen, überdies ist ein zweiter Zahn faul. Der Eiterherd muss ausgeräumt und der Zahn gezogen werden. «Sonst kann Eiter in die Augenhöhle durchbrechen. Dann steht das Auge immer weiter vor», sagt Jean-Michel Hatt, Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere am Zürcher Tierspital. Rund 300 Kaninchen werden hier jährlich operiert, meist an den Zähnen.

«Ich könnte stundenlang Befunde schildern, die wir im Computertomogramm bei Nagern sehen: vom Eiter halb zerstörte Kieferknochen zum Beispiel, oder Chinchillas mit völlig zerfressenen Zähnen», sagt der Heimtier-Spezialist. Die Besitzer würden oft aus allen Wolken fallen, wenn sie erfahren, wie schlimm es sei. «Aber das ist eben typisch Beutetier: Es zeigt möglichst lange keine Symptome.»

Kaum ein Besitzer kümmert sich um die Zähne

Vorbeugend unternehme fast kein Kaninchenbesitzer etwas, bedauert Hatt. Der Gesundheitscheck, den seine Klinik für Nager, Schildkröten, Echsen, Wellensittiche und andere Heimtiere seit zwei Jahren anbietet, werde kaum genützt. Die Kosten von 120 Franken würden wohl viele abschrecken. Ausserdem hätten die Halter oft Sorge, ihren Schützling damit zu überfordern. «Aber ich glaube, es stresst die Besitzer mehr als das Tier.»

Eine der zwei Hauptursachen für die Zahnprobleme der Kaninchen ortet Hatt bei der Ernährung: «Sie bekommen zu viel Süsses», konstatiert er. Chüngel bräuchten vor allem Futter wie Heu und Kräuter zum Knabbern, mit viel Rohfaser. Rüebli und Äpfel dagegen seien für das Tier wie Zucker – beides gehört zu Emmas Leibspeisen. Bei Zwergkaninchen gesellen sich häufig noch angeborene Zahnprobleme hinzu. Ihr Kiefer ist zu klein für alle 28 Zähne.

«Als ich die Diagnose erfahren habe, war mein erster Gedanke: Einschläfern», sagt Wendi Pedersen. Zumal Emma seit dem Tod ihres Bruders ohne Gspänli lebt. «Aber als es ihr zwischenzeitlich besser ging, war sie wieder sehr aktiv. Ich habe den Eindruck, dass Emma gewillt ist, zu kämpfen. Und so lange sie kämpft, kämpfe ich auch für sie.»

Auf dem Operationstisch

Deshalb liegt Emma jetzt narkotisiert auf einem Operationstisch im Zürcher Tierspital. Zum Schutz vor dem Austrocknen sind ihre Augen mit einem Gel bedeckt. In eine dünne Vene im Ohr fliesst ganz langsam Infusionslösung. An einer Vorderpfote registriert eine Sonde den Puls, drei kleine Hautklemmen erfühlen die Herzströme, und im After des Kaninchens steckt eine Sonde, die seine Temperatur misst. 38 bis 39 Grad Celsius sind bei dieser Tierart normal. Gewärmt wird Emma von einem Wärmekissen sowie von einem Plastikhandschuh am Rücken, der mit Warmwasser gefüllt ist. Hatt betrachtet nochmals die dreidimensional wirkenden CT-Bilder auf dem Computerbildschirm, dreht den virtuellen Kaninchenschädel nach verschiedenen Seiten, um den besten Operationsweg zur eitergefüllten Höhle zu finden. Mit einer Zange biegt er sich zwei kleine Spritzkanülen zurecht. Sie dienen als Operationswerkzeug, um den faulen Zahn zu lockern. Dann geht es los.

Ein Loch in der Wange

Zuerst hebelt Hatt in viertelstündiger Arbeit sachte den eitrigen Backenzahn heraus. Dann wird Emmas linke Wange rasiert und das ganze Kaninchen mit sterilen Tüchern abgedeckt. Von aussen schafft Hatt nun einen Zugang zur vereiterten Nasennebenhöhle. «Kann ich noch einen Tupfer haben?», bittet er eine Assistentin. Sie reicht ihm ein Watte-Ohrenstäbchen. Zum Blutauffangen beim Kaninchen genügt das. Nach der eineinhalbstündigen Operation klafft ein Loch in Emmas Wange. «Durch das Loch können wir den Eiter wegspülen», sagt Hatt. Vielleicht heile es mit der Zeit von alleine zu, vielleicht bleibe es auch offen. «Aber das stört das Tier nicht.» Zwei Tage wird Emma noch stationär bleiben und gemahlenen Heubrei zum Fressen bekommen. Dann darf sie heimfahren. Ihre Besitzerin soll über das Loch täglich die Nase spülen, damit sich kein Eiter ansammelt.

Zwei Wochen später muss Emma erneut unters Messer, «aber nur für einen kleinen Eingriff», wie Pedersen betont. Die Operationswunde heile «meisterhaft» – mit der Folge, dass sich die Nasennebenhöhle kaum noch spülen lasse. Der örtliche Tierarzt erledigt das nun.

«Man merkt, dass Emma sich noch immer von dem grossen Eingriff erholt, aber es geht ihr gut. Sie futtert wie ein Scheunendrescher», sagt ihre Besitzerin. Ihr Kaninchen sei wieder wie immer: mutig, sehr menschenbezogen, freundlich und neugierig. Sobald Emma alles gut überstanden habe, sagt Pedersen, mache sie sich sofort auf die Suche: nach einem Gspänli für Emma. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2015, 08:35 Uhr

Namensforschung bei Tieren

Standardnamen sind out

Für Kaninchen sind die beliebtesten Namen Lilly oder Lilli, Luna und Paul. Im Durchschnitt tragen aber nur je 1,5 Kaninchen, Katzen oder Hunde denselben Namen. Zu diesem Schluss kommen Sprachwissenschaftler der Universität Mainz, welche die Namensgebung bei Haus- und Nutztieren untersuchen. Heutige Tierbesitzer legten grossen Wert auf die Einmaligkeit ihres Tiers, das oft eine Partner- oder Familienposition einnehme, was sich auch am individuellen Namen zeige. Out sind bei Hunden darum Standardnamen wie Bello oder Rex. Sie bekommen heutzutage – genau wie Katzen – zu fast 60 Prozent einen Personen-, oft sogar einen Kindernamen. Die Sprachwissenschaftler um Damaris Nübling erklären dies mit einer verstärkten «Ansippung» des Tieres an die Familie. Um 1900 war dies noch ganz anders: In einem badischen Dorf etwa hatten damals von 143 Katzen nur sechs einen richtigen Namen – der noch dazu oft von der verstorbenen Vorgängerkatze stammte. (mfr)

Herziges Spiel der Kaninchen-Geschwister Emma und River. (Video: Wendi Pedersen)

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