Lehrer korrigiert den Tagi

Johannes Wyss ist Experte für sprachliche Zweifelsfälle. Mit Beispielen aus dem «Tages-Anzeiger» erklärt er häufige Irrtümer.

Richtig oder falsch? Johannes Wyss nimmt den «Tages-Anzeiger» unter die Lupe. (Realisation: Edgar Schuler, Lea Blum und Lea Koch)

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Als Lehrer, Werbetexter, Erwachsenenbildner und Präsident des Schweizerischen Vereins für die deutsche Sprache hat Johannes Wyss ein umfassendes Wissen darüber angesammelt, wie man flüssig, korrekt und verständlich schreibt. In seinem neusten Ratgeber «Richtig oder falsch?» erklärt er häufige sprachliche Zweifelsfälle auf unaufdringliche Art. Wir haben ihn gebeten, den «Tages-Anzeiger» auf sprachliche Irrtümer hin abzuklopfen. Das Resultat ist die folgende Liste als Leitfaden für alle, die als ­Leser oder Schreiber mit Sprache zu tun haben.


Dennoch geht die Grossbank im laufenden Jahr nicht von einem weiteren Preisboom beim Wohneigentum aus. Im Gegenteil: Sie sollen nach 16 Jahren zum ersten Mal nicht mehr weiter steigen.
Eigentumswohnungen werden billiger, 14.1.2016, online

Die Verknüpfung der beiden Sätze ist sprachlich nicht einwandfrei. Das Pronomen sie steht wohl für die Preise, die im vorangehenden Satz aber gar nicht erwähnt werden.


Als Vergeltung für den Terroranschlag in Istanbul hat die türkische Armee Stellungen der Terror-miliz IS im Irak und Syrien angegriffen.
Türkei tötet bei Vergeltungsschlag fast 200 IS-Kämpfer, 14.1.2016, online

Irak ist männlich, Syrien aber artikellos. Deshalb kann die Präposition im nicht für beide Substantive angewendet werden. Richtig ist somit: . . . im Irak und in Syrien . . .


Die ungleich verteilte Macht innerhalb der SBB-Direktion in den Jahren 1993 bis 2009 führte zu dieser Malaise.
Die Versäumnisse der SBB beim Unterhalt rächen sich noch lange, 14.1.2016, Printausgabe

Das Malaise ist ein Helvetismus. Im Duden, Band 1, ist neben der weiblichen Form auch die sächliche vermerkt. Korrekt ist somit in der Schweiz: . . . führte zu diesem Malaise.


Nun hat der Wind gedreht, und viele Kunden in Asien drohen an der Börse Geld zu verlieren.
Die Mühen des Credit-Suisse-Chefs, 15.1.2016, online

Nicht die Kunden drohen, sondern den Kunden drohen Verluste. Vorschläge: . . . und vielen Kunden in Asien drohen Verluste an der Börse oder viele Kunden in Asien laufen Gefahr, an der Börse Geld zu verlieren.



GE verkauft Haushaltsgerätesparte nach China.
Titel aus der Printausgabe vom 16.1.2016

Hier liegt kein sprachlicher Mangel des Autors vor – wenn man einmal davon absieht, dass Haushalts­gerätesparte ein etwas sperriges Wort ist. Mangelhaft präsentiert sich hier die deutsche Grammatik, die das Thema der Fugenlaute bei zusammengesetzten Hauptwörtern unbefriedigend geregelt hat. Hier gibt es oft nichts anderes, als in einem Wörterbuch nachzuschauen. Haushalt[s]gerätesparte ist mit und ohne Fugen-s korrekt.


Die Bilder werden so schnell nicht verschwinden. Nicht aus den Köpfen der Zuschauer. Nicht aus den Köpfen der Athleten. Nicht aus den Köpfen der Organisatoren. Die Bilder von ­Georg Streitberger. Von Hannes Reichelt. Von Aksel Svindal. (gefolgt von vier weiteren unvollständigen Sätzen)
Fahren! Siegen! Um jeden Preis, 25.1.2016, Printausgabe

Unvollständige Sätze oder Satzfragmente generell können ein wertvolles Stilmittel sein, um die ­Dramatik eines Geschehens wiederzugeben und die Wirkung von Aussagen zu verstärken. In welchem Umfang dieses Stilmittel eingesetzt werden soll und wo die Grenze liegt, nach der die angestrebte Wirkung wieder verpufft, lässt sich nicht allgemeingültig beantworten. Sprachlich überzeugender als das erwähnte Beispiel erachte ich die Fragmente im Artikel «Oh Mann» in der Printausgabe vom 22. Januar, weil sie die damalige Situation authentisch wiedergeben: «Die Angriffe auf dem Tahrir-Platz gaben auf diese Frage eine klare Antwort: Mischt. Euch. Nicht. Ein.» Aber überall dort, wo diese Legitimität fehlt, gilt die übliche Syntax mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Es gibt auch im «Tages-Anzeiger» ausgezeichnet geschriebene Artikel, die ohne unvollständige Sätze auskommen.


Virtuelle und physikalische Welt verschmelzen.
Arbeit verlagert sich, 19.1.2016, Printausgabe

Es geht hier um das Verschmelzen der virtuellen mit der physischen Welt.


Auf dem Zürichberg haben Autoknacker ein leichtes Spiel.
Titel aus der Printausgabe , 16.1.2016

Die Wendung heisst «bei jemandem oder mit etwas leichtes Spiel haben» im Sinne von «mit etwas leicht fertigwerden». Folglich: Auf dem Zürichberg haben Autoknacker leichtes Spiel.


Die ZKB nahm die Empfehlung für Richemont auf «Untergewichten» von «Marktgewichten» zurück.
Die Talfahrt setzt sich fort, 16.1.2016, Printausgabe

Die ZKB geht bei der Neubewertung von «Marktgewichten» aus und reduziert die Empfehlung auf «Untergewichten». Daraus ergibt sich folgende logische Satzstellung: Die ZKB nahm die Empfehlung für Richemont von «Marktgewichten» auf «Untergewichten» zurück.


2015 suchten 90 000 Menschen in Österreich um Asyl an.
Wien streitet über . . ., 16.1.2016, Printausgabe

Das Verb ansuchen ist im Duden mit dem Vermerk Amtssprache für «um etwas bitten» registriert; für unsere Ohren klingt es eher fremd. Geläufiger sind die Varianten Asyl beantragen und um Asyl nachsuchen.


An der Strassenecke haben die Carabinieri wieder ihren Streifenwagen mit Blaulicht geparkt.
Im Ghetto der alltäglichen Angst, 16.1.2016, Printausgabe

Geparkt ist natürlich korrekt, aber das Schweizerhochdeutsche kennt dafür parkiert, einen von über 3000 anerkannten Helvetismen, die wir als Teil unserer Sprachkultur bewahren sollten.


Das Davoser Hilton ist erst drei Jahre alt und liegt genau gegenüber des Kongresszentrums.
Raummiete am WEF für 500 000 Franken, 24.1.2016, online

Die Präposition gegenüber verlangt den Dativ: . . . gegenüber dem Kongresszentrum.


Eine klare Bedingung wäre aber, dass der Firmenstandort Basel erhalten bleibe.
Syngenta schielt Richtung China, 16.1.2016, Printausgabe

Der Konjunktiv II wird häufig bei Bedingungssätzen verwendet. Diese Möglichkeitsform von bleiben heisst bliebe . Richtig ist somit: Eine klare Bedingung wäre, dass der Firmenstandort Basel erhalten bliebe. Denkbar, aber weniger schön ist die Form mit würde: Eine klare Bedingung wäre, dass der Firmenstandort Basel erhalten bleiben würde.


Joseph Deiss’ Posten als Landeschef von General Electric ist scheinbar gefährdet.
Maulkorb für Joseph Deiss, 17.1.2016, online

Das Adverb scheinbar bedeutet: Es scheint nur so; tatsächlich ist es anders. Gemeint ist hier anscheinend im Sinne von allem Anschein nach, offenbar, was auch der Titel des Artikels suggeriert.


Später kam aus, dass gegen Haymoz in Deutschland ermittelt wurde.
Der Linke, der die Post umkrempelte, 17.1.2016, online

Die Redaktoren des Schweizerdeutschen Wörterbuchs «Idiotikon» empfinden auskommen in der vorliegenden Bedeutung als mundartnah. Andererseits finden sich durchaus Belege aus seriösen Schweizer Zeitungen, sodass der Duden bei seiner nächsten Auflage «Schweizerhochdeutsch» auskommen als Helvetismus aufnehmen könnte.


 .. . auch in der Türkei werden verlorenen gegangenen Jobs eher kompensiert mit der Schaffung von neuen Stellen.
Digitalisierung kostet fünf Millionen Jobs, 18.1.2016, online

Da ist mit den Deklinationsendungen etwas durcheinandergeraten. Wenn der Autor verlorengegangenen zusammengeschrieben hätte, was auch korrekt ist, wäre er sicher nicht in Versuchung geraten, «doppelt» zu deklinieren. Richtig ist: . . . auch in der Türkei werden verloren gegangene Jobs eher mit der Schaffung neuer Stellen kompensiert. Die ­Deklinationsendung ist davon abhängig, ob Jobs mit oder ohne Artikel verwendet wird. . . . die verlorenen Jobs, die verloren gegangenen Jobs oder verloren gegangene Jobs.


Die grössten Erfolge feierte er zu Beginn seiner Laufzeit (der australische Tennisspieler ­Hewitt).
Federers Wegweiser tritt ab, 18.1.2016, Printausgabe

Gemeint ist hier wohl zu Beginn seiner Laufbahn; von Laufzeit spricht man zum Beispiel bei Wettkämpfen im Skirennsport: beste Laufzeit im ersten Durchgang des Slaloms von Wengen.


Abheben tut sich das Dorf mit einer fraglichen ­Eigenheit: Es gibt viele Tonnendächer.
Amtlich verordnetes Mittelmass, 19.1.2016, Printausgabe

Die Verbindung von tun mit einem reinen Infinitiv – hier abheben – ist eine umgangssprachliche und meist auch überflüssige Erweiterung des Prädikats. Laut Duden gilt sie in der Standardsprache als nicht korrekt. Nicht zu beanstanden ist aber die Formulierung: Damit tut sich das Land schwer. F raglich bedeutet unsicher, ungewiss. Gemeint ist hier aber eine umstrittene, eine fragwürdige­Eigenheit. Somit heisst der Satz: Das Dorf hebt sich mit einer fragwürdigen Eigenheit vom Mittelmass ab. Ich gebe aber gerne zu, dass mit dieser Version die Betonung nicht mehr auf dem Abheben liegt.


Mit ein Grund für die durchschnittliche Architektur sind die kleinen Parzellen. Erst ab mehreren Tausend sind Gestaltungspläne Pflicht.
Amtlich verordnetes Mittelmass, 19.1.2016, Printausgabe

Was ist mit mehreren Tausend gemeint? Mehrere Tausend Parzellen? Oder Parzellen, die mehrere Tausend Quadratmeter gross sind?


Dass das Tennis eine ideale Plattform für Wettbetrüger – vielleicht sogar die idealste überhaupt – bietet, ist bekannt.
Ideale Plattform für Wettbetrüger, 19.1.2016, Printausgabe

Es gibt Adjektive, die bereits einen höchsten Grad ausdrücken, etwa maximal, minimal, optimal, extrem, perfekt, total. Das ist auch bei ideal der Fall. Laut «Wahrig. Richtiges Deutsch leicht gemacht» sind «Vergleichsformen dieser bereits den höchsten Grad ausdrückenden Adjektive […] nicht korrekt». Die Steigerung solcher Adjektive ist eher dem umgangssprachlichen Repertoire zuzuordnen.


Diesmal läuft die Veranstaltung unter dem Motto «Mastering the Fourth Industrial Revolution».
Die wahren Sorgen am WEF, 20.1.2016, Printausgabe

Das Verb läuft wirkt umgangssprachlich. Korrekt heisst es: Etwas steht unter dem Motto . . .


Doch Problemlösung setzte auch Dialog voraus. Tragfähige Lösungen entstünden nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Gespräch.
Schneider-Ammann als Mutmacher, 20.1.2016, online

Die Aussagen des Bundesrats werden im Konjunktiv I, in der indirekten Rede, wiedergegeben. Setzte ist der Konjunktiv II von setzen. Dieser wird oft in Bedingungssätzen gebraucht, aber auch bei eher Unwahrscheinlichem, Irrealem, was wohl nicht der Meinung des Bundesrats entspricht. Der erste Satz muss heissen: Doch Problemlösung setze auch Dialog voraus. Im zweiten Satz wird mit entstünden korrekt der Konjunktiv II verwendet, weil der Konjunktiv I mit der Form entstehen sich nicht von derjenigen des Indikativs unterscheidet.


Der soziale Friede ist gefährdet.
Domino spielen mit Flüchtlingen, 21.1.2016, Printausgabe

Beide Nominativformen, Friede und Frieden, sind in dieser Bedeutung korrekt, aber die Form Frieden setzt sich immer mehr durch.


So ist der Wechselkurs für die Volkswirtschaften der Peripherieländer zu teuer und für Länder des Zentrums zu tief.
Europäer verschlimmern die Krise, 23.1.2016, Printausgabe Wechselkurse sind die Preise für Währungen. Wechselkurse sind wie Preise nicht teuer oder ­billig, sondern hoch, niedrig, tief oder stabil. Eine Währung dagegen kann im Vergleich zu einer ­anderen zu teuer oder zu billig sein.


«Ich wünsche mir, dass Vertreter der trotz Krieg im Land gebliebenen Bevölkerung und die Regierung nach Genf kommen . . .»
Syrienkonferenz startet am Freitag, 26.1.2016, Printausgabe

Ein Satz, der grammatisch nicht falsch ist, den aber vermutlich viele zweimal lesen müssen. Zwischen dem deklinierten Artikel der und dem dazugehörenden Substantiv Bevölkerung stehen fünf Wörter, was das Verständnis stark erschwert. Vorschlag mit Relativsatz: Ich wünsche mir, dass Vertreter der Bevölkerung, die trotz Krieg im Land geblieben ist, und die Regierung nach Genf kommen.


. . . war mit dem Velo im Berner Oberland . . .
TV Total lokal, 14.1.2016, Printausgabe

Ich erkunde jede neue Stadt auf dem Fahrrad.
Schulklasse geriet in Lawine, 14.1.2016, Printausgabe

Einmal begegnet uns der Helvetismus Velo, ein andermal das im deutschen Sprachraum gültige, aber in der Schweiz weniger gebräuchliche Fahrrad.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.02.2016, 09:55 Uhr)

Stichworte

Hitliste sprachlicher Zweifelsfälle von Johannes Wyss, NZZ-Buchverlag, 176 Seiten, 24 Franken.

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