Warum für die Deutschschweiz Dialekte so wichtig sind

Deutschschweizer reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Wieso eigentlich? Die vier Thesen des Dialektforschers Iwar Werlen.

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In der deutschen Schweiz reden wir Schweizerdeutsch: Alle tun es überall, unabhängig von Bildung und sozialer Schicht. Das unterscheidet uns von allen anderen Ländern Europas. Wie kam es dazu?

  • These 1: Wir können es nicht besser.

Stimmt natürlich nicht: Wer will, kann auch so reden wie ein Hannoveraner. Nur: Wer will das ernsthaft?

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  • These 2: Wir sind alle gleich, darum reden wir alle gleich.

Dummerweise stimmt weder das Erste noch das Zweite. Zürichdeutsch und Walliserdeutsch sind zwei sehr unterschiedliche Dialekte, und ein Zürcher Banker unterscheidet sich sehr von einem Walliser Jäger.

  • These 3: Schweizerdeutsch als Staatssprache?

Staatssprache ist, nach einem alten Ondit, ein Dialekt mit Marine und Armee. Marine haben wir nicht in der deutschen Schweiz, und unsere Armee ist zwar die beste der Welt, aber niemanden kümmert das besonders – das zieht also nicht.

  • Bleibt die einzig richtige Antwort: Weil wir immer schon etwas später dran waren.

Im alten Europa begannen um 1500 herum einige Länder eine Hochsprache zu kreieren – die Ersten waren die Spanier (Entschuldigung für Katalanen: natürlich die Kastilier!). Später trieben es die Franzosen auf die Spitze: weg mit den Patois (übrigens aus politischen Gründen – «égalité» als Stichwort) und her mit der «langue nationale». Die Engländer nahmen es etwas royalistischer: «the Queen's or King's language» (depends on who was the sovereign) war da Vorbild.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren die meisten Nationen so weit. Selbst in den Kolonien wurden die Nationalsprachen eingeführt (dem ist übrigens der Erfolg des Englischen anzulasten, nicht weil es besonders leicht zu lernen wäre, wie manche meinen).

Aber jetzt: Was hat es mit den Dialekten in der deutschen Schweiz auf sich? Wie gesagt: Wir waren spät dran. Wir hatten keinen König und keine Königin. Unsere Kolonien lagen im Tessin und in der Westschweiz. Wir waren souverän (dachten wir!). Man half uns im Wiener Kongress (1815) zu einem zusammenhängenden Territorium und schuf mit dem Jura ein Problem. Die alten Eidgenossen wurden zu Kantonen, verloren einen Teil ihrer Souveränität (1848), behielten einiges davon – und das Zeichen der Unabhängigkeit par excellence wurde: der Dialekt (für die Deutschschweiz, die andern reden einfach anders).

Das also ist des Pudels Kern (um Goethe das Wort zu geben).

Aber – und hier hören wir schon die Einwände – wie kann ein so unzeitiges Volk mit der ETH eine so erfolgreiche Technische Hochschule schaffen? Warum wird Hubers Zivilgesetzbuch Vorbild für die Türken? Warum gelingt es der Schweiz, mit Joseph Deiss einen Präsidenten der UNO-Vollversammlung zu nominieren?

Weil wir alle mehrsprachig sind. Wir sind langsam, ja, aber wir sind auch mehrsprachig. Wir sprechen Züritüütsch, Hochdeutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch und wenn nötig auch Chinesisch, Japanisch und Philippinisch. Das macht uns stark. Dialekt reden wir, weil wir auch anders könnten. Dass wir auch anders können, das ist unsere Stärke.

Darum, zum Schluss ein Slogan der EU: Unity in Diversity.

Oder anders gesagt: Wieder einmal waren die Langsamen die Schnellsten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2015, 08:47 Uhr

Prof. em. Dr. Iwar Werlen ist emeritierter Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Bern. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört, neben anderen, die sprachliche Situation der Schweiz und Europas.

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