Als das Wissen zum Selbstläufer wurde

Vor 15 Jahren ging Wikipedia online. Heute ist es die grösste Enzyklopädie der Welt. Unter der rückläufigen Autorenzahl könnte aber die Qualität leiden.

Nur «kleine Schnitzer» dank Schwarmintelligenz: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Foto: Keystone

Nur «kleine Schnitzer» dank Schwarmintelligenz: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Gründer konnten nicht ahnen, dass Wikipedia einst da ankommt, wo es heute ist. Das belegt schon der Name, der sich schlecht verbalisieren lässt: wir googeln und twittern. Aber wir wikipediasieren nicht, obschon die Online-Enzyklopädie weltweit auf Platz 7 der am meisten besuchten Websites liegt. Der Aufstieg ging so rasant vonstatten, dass der etwas sperrige Name wohl bereits etabliert war, ehe man ihn noch hätte ändern können.

Es begann mit Ward Cunningham. Der Software-Ingenieur aus Oregon gilt zwar nicht als Gründer von Wikipedia, legte aber den Grundstein dazu. Anfang der 90er-Jahre setzte er sich am Flughafen von Honolulu in einen Shuttlebus, die schnellste Verbindung zwischen den Terminals. Der Bus hiess «Wiki Wiki», übersetzt: schnell schnell. Cunningham tüftelte zu dieser Zeit an Ideen, die den Informationsaustausch im noch jungen World Wide Web schneller machen sollten. 1995 stellte er seine Website namens WikiWikiWeb online.

Die Seite hatte zunächst kaum Inhalte, sondern enthielt lediglich einen Willkommenstext, in welchem dem Besucher vage erklärt wird, worum es geht. Da stand: «Im Ernst, wir wissen nicht genau, was es ist, aber es bietet eine unterhaltsame Art, asynchron im Netz zu kommunizieren.» Der Willkommenstext zog sich über einige Zeilen hin, wobei einzelne Wörter blau und unterstrichen waren. Klickte man sie an – so ist es heute noch –, dann gelangte man zu jener Seite, die den Begriff erklärt. Das Wichtigste aber stand unten links: «edit page». Und damit nahm das Wiki-Phänomen seinen Lauf.

Mit dem Edit-Button wurde nämlich jeder Besucher eingeladen, den Inhalt der Seite nach seinem Ermessen zu verändern. WikiWikiWeb wurde zur ersten Website, die keine starren Inhalte mehr wiedergab, sondern laufend von Besuchern umgeschrieben und ergänzt wurde und so in alle Himmelsrichtungen wuchs. In einem Interview – das auf Wikipedia abrufbar ist – erzählt Cunningham, wie die Ideologie des Mitgestaltens am Anfang zu Verwirrung führte. So erhielt er viele E-Mails von Kollegen, die ihm mitteilten, dass da etwas furchtbar schiefging auf seiner Seite – jedermann könne editieren. Oder er wurde auf inhaltliche Fehler hingewiesen. Doch Cunningham korrigierte die Fehler nicht, sondern tat das, was er «babysitting the community» nannte: Er kopierte den Fehlerhinweis in die entsprechende WikiWikiWeb-Seite und orientierte den Absender darüber. Seine Botschaft war als Ermutigung zu verstehen: «Schau, du hättest den Fehler selber korrigieren dürfen.»

Um die Jahrtausendwende war WikiWikiWeb noch Cunninghams Internetexperiment, mit interessanten Ansätzen, aber ohne konkrete Anwendung.

Kurzlebige Fehlinformationen

Der Internetunternehmer Jimmy Wales und der Philosoph Larry Sanger waren da wesentlich zielstrebiger, wenn auch weniger weitsichtig unterwegs. Ihre Vision war es, die erste Internet-Enzyklopädie zu gründen. Sie sahen im Internet zwar ein alternatives Medium, um Wissen zu transportieren, anstatt der herkömmlich gedruckten Bücher. Das wahre Potenzial erschloss sich ihnen aber erst, als sie sich ebenfalls aus experimentellem Interesse auf die Wiki-Form von Cunningham einliessen. Zuvor verfolgten sie mit ihrer Nupedia eine klassische Redaktion, deren Autoren sich bewerben mussten, Sanger war der Chefredaktor. Die Artikel durchliefen ein Peer-Review-Verfahren, ehe sie publiziert wurden. Die magere Ausbeute nach einem Jahr: 20 online gestellte Artikel.

Als Wales und Sanger am 15. Januar 2001 das «Nu» durch das «Wiki» ersetzten, war das die Geburtsstunde eines beispiellosen Zusammentragens menschlichen Wissens rund um die Welt. Die «Zeit» nannte Wikipedia 2011 das «grösste gemeinsam geschaffene Werk der Menschheit».

Mit der Idee der Online-Enzyklopädie in Wiki-Form, wurden die Menschen rund um die Welt zu Wissensquellen. Von Anfang an stellte sich die Selbstregulierung ein: Die Autoren überwachen und korrigieren sich gegenseitig. Selten überlebt eine Fehlinformation auf Wikipedia länger als ein paar Stunden. Das ursprünglich von Sanger und Wales angedachte (und in der Forschung nach wie vor übliche) Peer-Review-Verfahren, bei welchem Publikationen innerhalb Fachkreisen gegengelesen werden, fiel weg. Eingefleischte Wissenschaftler beobachteten das zunächst mit Skepsis. Inzwischen hat Wikipedia aber auch in diesen Kreisen zu Akzeptanz gefunden.

Der 2013 verstorbene Basler Historiker Peter Haber befasste sich über Jahre hinweg mit der Qualität von Wikipedia-Artikeln. In einem Forschungsseminar untersuchte er zusammen mit Wiener Studenten konkrete historische Artikel und gab später in einem «Zeit»-Interview an, «nur kleinere Schnitzer» entdeckt zu haben, «so wie sie sich in jedem Buch und jeder Enzyklopädie finden».

«Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass wir wirklich schlauer geworden sind durch Wikipedia.»Christian Stegbauer, Soziologe

Auch der deutsche Soziologe Christian Stegbauer wertet die Wikipedia-Inhalte hoch: «In Anbetracht dessen, dass jedermann Artikel erstellen und sich an deren Wartung beteiligen kann, ist die Qualität erstaunlich gut.» Allerdings sei sie nicht in allen Bereichen gleich gut. Es müssten sich genügend Leute finden, welche die Inhalte kompetent bearbeiten. So könne man bei Nischenthemen, die von wenigen Autoren betreut werden, nicht unbedingt auf das Prinzip der Selbstregulierung vertrauen.

Stegbauer stellt in seinem Buch «Wikipedia, das Rätsel der Kooperation» aber auch fest, dass Wikipedia im Lauf der Jahre von seiner Philosophie der Gemeinschaft und Offenheit abgewichen ist. Unter den Autoren habe sich eine Elite formiert, die Neulingen den Einstieg schwer mache. Das kollidiere mit dem Anspruch, das Wissen der Welt zusammenzutragen. Und so leide längerfristig die Qualität der Inhalte, die sich ja dadurch auszeichne, dass möglichst viele Autoren beteiligt seien. Seit 2008 sind die Autorenzahlen rückläufig.

Das Aus für den Brockhaus

Wissensbeschaffung führt heute zuerst übers Internet. Tippt man einen Begriff bei einer Suchmaschine ein, so erscheint der Wikipedia-Eintrag oft zuoberst. Experten sind sich einig, dass Wikipedia somit zu einer Demokratisierung des Wissens geführt hat: Es ermöglicht heute einen Zugang, der vor zwei Jahrzehnten noch den bildungsbeflissenen Schichten vorbehalten blieb, die den Brockhaus im Regal stehen hatten. Der rein strukturelle Wandel ist deutlich erkennbar: Der Brockhaus wird nicht mehr gedruckt.

Doch was hat Wikipedia in unseren Köpfen verändert? Sind wir schlauer geworden, seit die Informationsbeschaffung schnell und bequem geworden ist? «Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass wir wirklich schlauer geworden sind durch Wikipedia», so Christian Stegbauer. «Allerdings sind die Informationen durch den Zugriff über das Internet viel schneller erreichbar.»

Es bleibt abzuwarten, inwiefern der schnellere Zugang eine nachhaltige Veränderung bedeutet. So gibt es bislang keine Klarheit darüber, was es etwa bewirkt, wenn wir ständig das Smartphone zur Hilfe nehmen, um kurzerhand Wissenslücken zu beheben – bedeutet das längerfristig eher ein Outsourcen des Gedächtnisses? Oder stellt das einen ständigen Lernprozess durch regen Erkenntnisgewinn dar? Stegbauer warnt jedenfalls davor, dass man dazu verleitet werde, sich auf Wikipedia als einzige Quelle zu berufen. Und das sei – Mehrautorenschaft hin oder her – eine Verschmälerung. «Müsste man das Wissen aus verschiedenen Quellen zusammenstellen, würde es über eine grössere Variation verfügen.»

Wikipedia ist wahrscheinlich nach wie vor das, womit es zunächst für Cunningham, dann für Wales und Sanger und für die ganze Menschheit begann: ein Experiment.

Webseite WikiWikiWeb – die erste Grundform von Wikipedia

wiki.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 20:17 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Der Schwarm bei Wikipedia schrumpft

Zu wenig Neue, zu wenig Frauen: Der Online-Enzyklopädie gehen die Autoren aus. Kritiker sprechen von einer Oligarchie der Nerds, die Einsteiger abschreckt. Mehr...

Der Geist stiehlt, wo er kann

Porträt Der Autor Tex Rubinowitz hat in seinem Roman aus Wikipedia kopiert. Mehr...

Ward Cunningham
Erfinder des WikiWikiWeb.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Auch Superhelden brauchen mal eine Pause: Ein Besucher im Spiderman-Kostüm ruht sich an der Messe Comic Con Tokio kurz aus. (2. Dezember 2016)
(Bild: Issei Kato) Mehr...