Die Entstehung eines Informationsdesasters

Es könnte das Ende der «Be first»-Ära sein: Bei der Berichterstattung zur Jagd auf die mutmasslichen Attentäter von Boston haben CNN, AP und die BBC gravierende Falschmeldungen verbreitet.

Die Behörden informierten nach den Schiessereien mit den mutmasslichen Attentätern zunächst nur spärlich: Medienkonferenz auf einem Parkplatz in Watertown. (19. April 2013)

Die Behörden informierten nach den Schiessereien mit den mutmasslichen Attentätern zunächst nur spärlich: Medienkonferenz auf einem Parkplatz in Watertown. (19. April 2013) Bild: Keystone

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Der Nachrichtensender CNN und die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) haben sich in der Berichterstattung zum Bombenterror in Boston peinliche Falschmeldungen geleistet. Falschmeldungen, die leicht hätten vermieden werden können und die für einen massiven Glaubwürdigkeitsverlust der betroffenen Medien sorgen werden. Aufgrund unbekannter Quellen aus Kreisen der Untersuchungsbehörden meldeten AP und kurz darauf CNN am Mittwoch die Verhaftung eines verdächtigen Bombenlegers.

Innert einer Stunde übernahmen Organe weltweit die Nachricht der beiden Leitmedien. Kurz darauf, als CNN die Verhaftungsmeldung bereits korrigiert hatte, meldete AP, dass der Verdächtige zum Gericht gefahren werde, worauf sich kurze Zeit später rund 1000 Medienschaffende vor dem Moakley Federal Court in Stellung brachten und auf den Füssen rumstanden. Natürlich vergebens.Es gab keine Verhaftung und somit auch niemanden, der dem Gericht hätte vorgeführt werden können.

Neben CNN und AP verbreiteten auch der «Boston Globe», die BBC, CBS, Fox News und weitere etablierte Medien die Falschmeldungen. Wie sich später herausstellte, hatten die Journalisten aus einer «Person von Interesse für die Ermittlungen» kurzerhand einen Verdächtigen gemacht, obwohl der Betreffende nach einer Hausdurchsuchung von jedem Verdacht entlastet war und als Zeuge behandelt wurde.

Vor Twitter eingeknickt

Nicht nur im Fall der falschen Verhaftungsmeldung zeigte sich, wie klassische Medien unter dem Druck von Social Media wie dem Kurznachrichtendienst Twitter oder dem Universalforum Reddit einknicken und Falschmeldungen mit schweren Konsequenzen vermeldeten. So verdächtigten Reddit-User fälschlicherweise den vermissten Studenten Sunil Tripathi als einen der Bombenleger. Kurz darauf hörte Kevin Michael, der Kameramann eines Augenzeugensenders, den Namen Tripathis und eines gewissen Mike Mulugetas im Polizeifunk. Sofort verbreitete er über Twitter, dass die beiden verdächtigt würden, mit dem Anschlag in Zusammenhang zu stehen. Wenig später zeigten Onlineportale weltweit Bilder mit den vollen Namen der beiden. Wer in zehn Jahren nach ihnen googelt, wird sie noch im Zusammenhang mit dem Bombenterror von Boston als Tatverdächtige finden.

Die Falschmeldungen in der Berichterstattung rund um die Bomben von Boston zeigen, dass Leitmedien mit einem Weltruf wie CNN oder AP den richtigen und gelassenen Umgang mit den ebenso schnell wie verantwortungslos verbreiteten Social-Media-Inhalten noch nicht beherrschen. Stattdessen geben sie dem Tempodiktat der neuen sozialen Massenmedien nach, um ihrem Selbstverständnis als «News»-Organe, die Nachrichten als Erste vermelden, weiterhin zu genügen. Mit diesem Anspruch können sie nur noch scheitern.

Eine neue Maxime

Die Maxime «Be first!» der Wettbewerber im klassischen News-Geschäft muss fallen. Stattdessen wird die Maxime «Be the first to be right!» heissen müssen, um sich von den Social-Media-Schwärmen abgrenzen zu können. Denn das Tempo Hunderttausender Internetbenützer, die ungeprüft und ungestraft falsche Fakten, Namen oder Fotos von angeblichen Tatorten, Verdächtigen oder Opfern veröffentlichen können, kann auch eine noch so grosse professionelle News-Organisation unmöglich mitgehen, ohne selbst Falschmeldungen zu verbreiten. Und damit überflüssig zu werden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.04.2013, 09:36 Uhr)

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