Eine Forscherfront gegen Trump

Wissenschaftler machen an der Jahrestagung der grössten Forschervereinigung der USA mobil gegen den forschungsfeindlichen neuen Präsidenten. Es geht für sie ums Überleben.

Hunderte Wissenschaftler protestierten auf dem Copley Square in Boston gegen die Regierung unter Präsident Donald Trump. Foto: Steven Senne (Keystone)

Hunderte Wissenschaftler protestierten auf dem Copley Square in Boston gegen die Regierung unter Präsident Donald Trump. Foto: Steven Senne (Keystone)

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«Wow, ich habe noch nie solch einen Haufen Nerds gesehen», ruft Geoffrey Supran, Spitzenforscher am Massachusetts Institute of Technology, ins Mikrofon. Hunderte Wissenschaftler auf dem Copley Square in Boston quittieren das mit Jubel. Die Menge schwenkt Plakate und skandiert: «Stand up for science!» Die Forscher sind entsetzt über die neue Regierung von Präsident Donald Trump, die auf breiter Front wissenschaftsfeindliche Positionen vertritt.

Die Demonstration in Boston ist nur der Vorläufer einer grossen Kundgebung im April in Washington und anderen Städten, an der – so hoffen die Organisatoren – Hunderttausende teilnehmen werden, der Scientists’ March, der Aufmarsch der Wissenschaftler. Welch bessere Gelegenheit, dafür zu werben, könnte es geben als die soeben abgehaltene Jahrestagung der grössten Forschervereinigung der USA, der AAAS. Mehr als 10'000 Wissenschaftler, Lehrer und Journalisten aus 60 Ländern besuchten die Konferenz in den vergangenen Tagen.

Viele Teilnehmer sind mit bösen Befürchtungen nach Neuengland gereist, was die kommenden vier Jahre unter Trump für Wissenschaftler und Wissenschaft bedeuten mögen. «Es gibt existenzielle Ängste, weil das, was wir Forscher tun, zunehmend unter Wert gehandelt wird», sagte bei der Eröffnung Christina Paxson, Präsidentin der Brown University in Rhode Island. «Unsere Währung sind nun einmal auf Belege gestützte Tatsachen, nicht alternative Fakten.»

Bange Zukunft

Wie wenig die neuen US-Machthaber von Beweisen halten, zeigt William Happer von der Princeton University, Trumps Wissenschaftsberater in spe. Klimaforschung hat er als weinerlichen Kult bezeichnet, der von kollektivem Wahnsinn aufgerührt werde. Auch Forscher, die sich mit Impfstoffen, Salz und Zucker im Essen, Blei in der Umwelt, Waffenbesitz, Pestiziden und Gentechnik befassen, blicken in eine bange Zukunft. Interessengeleitete Behaup­tungen scheinen plötzlich in der öffentlichen Debatte mindestens so viel Gewicht zu haben wie ihre jahrelange wissenschaftliche Arbeit.

Auf der AAAS-Tagung gab es keinen Podiumssprecher, der die Positionen der neuen Regierung vertreten hätte. Das trug zur Verunsicherung bei. «Viele Wissenschaftler haben üble Ahnungen und Gefühle der Unsicherheit. Besonders Angestellte der Bundesbehörden halten erst einmal still», bestätigt Michael Halpern von der Lobbygruppe Union of Concerned Scientists (UCS) in Washington, die einst gegründet wurde, um den Dialog zwischen Forschern und Öffentlichkeit zu fördern.

Doch Halpern sieht auch einen gewaltigen Aufbruch: Trumps Wahlsieg, seine Rhetorik und vor allem seine Minister und Behördenchefs hätten viel Energie freigesetzt: «Die Tage, in denen Forscher in ihren Labors blieben, sind vorbei. Heute gründen sie Facebook-Gruppen, bereiten den grossen Aufmarsch im April vor. Viele überlegen sogar, für ein politisches Amt zu kan­didieren.» Eine neue Organisation namens 314-Action unterstützt sie dabei; der Name ist eine Anspielung auf die Kreiszahl Pi.

Missbräuchliche Prozesse

Viele Organisationen, die sich auf Basis wissenschaftlicher Fakten um Wildtiere, bessere Luft, sauberes Wasser oder den Klimaschutz bemühen, berichten von deutlich gestiegenen Spenden. Der Sierra Club zum Beispiel hatte seine monatlichen Einnahmen nach Trumps Wahl fast vervierfacht. Ähnliches gilt für Gruppen wie die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union oder Planned Parenthood, die Familienberatung und Abtreibungen anbietet. «Auch für uns ist Trump ein grosser Spendeneintreiber gewesen», scherzt Lauren Kurtz vom Climate Science Legal Defense Fund. Angesiedelt an der renommierten Jura-Fakultät der Columbia University in New York, hilft ihre Organisation Klimaforschern, wenn sie von Kohle- oder Öllobbyisten verklagt werden.

Bei den Prozessen verlangen die Kläger oft von den Forschern, deren gesamte E-Mail-Korrespondenz herauszugeben. In etlichen Bundesstaaten kann das von Universitäten verlangt werden. Eigentlich soll es der Informationsfreiheit dienen, doch gehe es darum, Passagen aus dem Zusammenhang zu reissen, sagt Kurtz. Damit sollen sie diskreditiert werden. Die UCS warnt vor einer Zunahme solcher «missbräuchlicher Gerichtsverfahren» in Trumps Amtszeit. Das behindert die Arbeit der Forscher auf vielerlei Weise. Kollegen von privaten Universitäten, die nicht verklagt werden können, könnten ihre Kontakte mit staatlichen Unis zurückfahren, ebenso wie Industriepartner. Es schränke die wissenschaftliche Kooperation erheblich ein, so Kurtz, wenn man bei jeder E-Mail überlegen müsse, wie ein Gegner den Inhalt möglicherweise verdrehen könnte.

Allerdings wird das gleiche Druckmittel nun auch gegen Scott Pruitt angewandt, Trumps Mann für den Chef­posten der Umweltbehörde EPA. Die Organisation Center for Media and Democracy klagt derzeit um Einsicht in Pruitts Korrespondenz, weil sie vermutet, dass der ehemalige Generalstaatsanwalt von Oklahoma einst Öl- und Gas­firmen bevorteilt hatte. Zu den Sorgen der Wissenschaftler gehört auch die Frage, ob sie noch ihre Bürgerrechte ausüben können.

Vor allem Forscher in Bundesbehörden, der Nasa oder der in der Klimaforschung weltbekannten Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA, rufen nervös in New York an und möchten wissen, ob sie an dem Scientists’ March im April teilnehmen können. Auf dem Kongress in Boston kündigten einige an, trotz möglicher Repressalien teilnehmen zu wollen. Mindestens für die Mitarbeiter der angesehenen Organisationen fühlt sich die Regierung Trump gerade an wie ein Polizeistaat. In vielen der Behörden gilt zudem ein Sprechverbot, bis die neuen Chefs im Amt sind.

Hinter den Kulissen gärt es, befürchten viele Wissenschaftler. Mindestens drei Entwicklungen könnten ihre Arbeitsbedingungen und das Land nachhaltig verändern. «Das Einfachste und zugleich Gefährlichste ist, die Finanzierung für unliebsame Forschung einzustellen», sagt Lauren Kurtz.

Michael Halpern von der UCS weist auf ein zweites Druckmittel hin, den sogenannten Reins Act. Der Entwurf für dieses Gesetz war unter Obama gescheitert, aber jetzt sehen die Republikaner ihre Chance. Es sieht vor, dass jedes Paket behördlicher Regulierungen, das die amerikanische Wirtschaft mindestens 100 Millionen Dollar im Jahr kosten könnte, von beiden Häusern des Kongresses bestätigt werden muss. Passiert das nicht, darf die betroffene Behörde sich mit dem Thema bis zu zwei Jahre lang nicht mehr befassen. Eine Reform von Trinkwasserrichtlinien oder Abgaslimits, bei denen sich die Behörden oft in jahrelanger Arbeit auf wissenschaftlichen Rat stützen, hätte dann kaum noch eine Chance. «Der Kongress möchte ein wissenschaftliches Urteil durch ein politisches ersetzen», warnt Halpern. Das Parlament sage praktisch: Wir wissen besser als Forscher, welche Menge Ozon in der Luft sicher ist oder welches Medikament wirkt.

Gegen Ideologie und Lüge

Vor einer dritten Veränderung warnt Dan Kahan von der Yale University: Donald Trump zerre wissenschaftliche Fragen über jene Grenze, wo die Haltung dazu ein politisches Glaubensbekenntnis wird. Bei Themen wie Klimawandel, Waffenbesitz und Evolutionslehre ist das bereits geschehen: Politische Couleur entscheidet hier zwischen Ja und Nein. Was nicht in die Ideologie passt, wird geleugnet.

Der neue Präsident kann unterdessen mit seinen Tweets weitere Themen politisieren, bei Impfstoffen hat er bereits vor Jahren damit begonnen. «Das ist keine Grippe unserer Gesellschaft mehr, sondern Krebs am Gewebe der aufgeklärten Demokratie», sagt Kahan, der Yale-Forscher.

Oft genug geraten Wissenschaftler in die Schusslinie, sagt Naomi Oreskes. Die Wissenschaftshistorikerin von der Harvard University hielt in Boston einen bejubelten Vortrag über das gesellschaftliche Engagement von Wissenschaftlern. «Es ist nicht so, dass Forscher angegriffen werden, weil sie sich an die Öffentlichkeit begeben und politisch äussern. Sie werden angegriffen, weil sie zu Themen arbeiten, die politisch relevant sind, was sie zu öffentlichen Figuren macht.» Sich wegzuducken, werde niemanden schützen, rief sie auch bei der Demonstration. Es sieht so aus, als hätten grosse Teile der amerikanische Forschergemeinde dies verstanden. «Wissenschaft zu betreiben», so einer der Slogans, «ist nicht Parteipolitik, sondern Patriotismus.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2017, 18:11 Uhr

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