Frieden beginnt in Nahost nicht in der Schule

Israelische und palästinensische Schulbücher wiegeln die Kinder der Konfliktparteien gegeneinander auf. Auf einer der beiden Seiten sind die Schüler jedoch besser informiert.

Typische Lehrbücher für Gesellschaften in Konfliktzeiten: Israelische Schüler in einem Klassenzimmer in Ashkelon. (3. Februar 2013)

Typische Lehrbücher für Gesellschaften in Konfliktzeiten: Israelische Schüler in einem Klassenzimmer in Ashkelon. (3. Februar 2013) Bild: Keystone

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Israelische und palästinensische Schulbücher stellen den Nahostkonflikt einseitig dar – die Existenz der anderen Seite wird oft ignoriert. Zu diesem Schluss kommt eine in dieser Woche veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern aus Israel, den palästinensischen Autonomiegebieten und den USA.

Israel wirft den Palästinensern seit Langem vor, die Schüler aufzuwiegeln und zum Hass auf Israel anzustacheln. Die vom US-Aussenministerium finanzierte Studie ging dieser Frage nach. Beim Konflikt mit den Palästinensern gehe es nicht um Land, sondern um die Anerkennung des Staates Israels in der Region, sagt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu. Frieden sei erst möglich, wenn nicht länger aufgewiegelt werde.

Von Seiten der Palästinenser wiederum heisst es, Netanyahu wolle mit diesen Behauptungen von seiner Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten ablenken. Der Regierungschef sei nicht bereit, einen auch vom Ausland geforderten Friedensvertrag einzugehen.

Kritik an der Studie – von beiden Seiten

Die Lehrbücher beider Seiten seien typisch für eine Gesellschaft in Konfliktzeiten, heisst es in der Studie – allerdings werde in Büchern, die an staatlichen israelischen Schulen zum Einsatz kommen, deutlich besser über Palästinenser informiert und auch das eigene Vorgehen selbstkritischer beleuchtet. Bei Lehrmaterial für ultraorthodoxe religiöse Schulen und in palästinensischem Unterrichtsmaterial dagegen seien nur wenige Informationen über die andere Seite zu finden.

«Auf beiden Seiten ist das Hauptproblem das Weglassen», sagt der Israeli Gerschon Baskin, Mitglied im Beirat der Studie. «Was fehlt, ist ein klares, direktes Anerkennen der Existenz und des Existenzrechts der anderen Seite.»

Das israelische Bildungsministerium wies die Studie ohne nähere Erklärung als parteiisch zurück, aus dem palästinensischen Bildungsministerium hiess es, die Lehrbücher würden die Realität der israelischen Besatzung widerspiegeln, aber nicht zum Hass aufrufen.

«Kein Volk lobt seine Besatzer»

«In unserem Lehrplan wird zum Frieden aufgerufen und erklärt, warum Frieden eine gute Sache ist. Dort (bei den Palästinensern) ist es genau anders herum», sagte der Israeli Jossi Kuperwasser. Der Beamte prüft im staatlichen Auftrag Aussagen und Handlungen von Palästinensern zur Aufwiegelung. «Aufrufe zu Gewalt und Hass sind die grösste Hürde auf dem Weg zum Frieden. Das muss sich ändern, wollen wir wirklich Frieden erreichen.»

Auf palästinensischer Seite hiess es, man könne nicht erwarten, dass Lehrbücher Israel positiv darstellten, solange Palästinenser unter israelischer Militärherrschaft lebten. «Wenn die Ersteller der Studie wollen, dass ich die israelische Besetzung und die israelische Kultur lobe, muss ich den Forschern sagen, dass kein Volk auf Erden seine Besatzer gelobt hat, weder in Amerika, noch in Frankreich oder China oder sonstwo», sagte Jihad Sarkarneh, beim palästinensischen Bildungsministerium zuständig für Lehrbücher.

Gemeinsam ist der Studie zufolge israelischen wie palästinensischen Büchern, dass bei der anderen Seite die negativen Handlungen hervorgehoben wurden, während die eigene Seite positiv dargestellt wurde. Lücken gab es häufig bei Informationen über Religion, Kultur, Wirtschaft und Alltagsleben der jeweils anderen Seite.

Karten als Indiz der Ignoranz

«Augenscheinlich betont jede Seite die eigene Sichtweise des Konflikts», sagt Daniel Bar-Tal von der Universität Tel Aviv. «Auf beiden Seiten wird wenig entmenschlicht, aber gleichzeitig wird die andere Seite systematisch ignoriert.» Bar Tal gehört mit Sami Adwan von der Universität Bethlehem und Bruce Wexler von der Uni Yale zu den Hauptautoren der Studie.

Besonders auffallend ist das Ignorieren der anderen Seite bei den Landkarten. Von 83 palästinensischen Karten, welche die Lage seit 1967 darstellen, als Israel das Westjordanland, den Gazastreifen und Ost-Jerusalem besetzte, zeigen drei den Staat Israel. In israelischen Schulbüchern gab es 330 Karten für die Zeit nach 1967, davon enthielten 196 keine Grenzen zwischen Israel und den damals besetzten Gebieten. Von den 62 Karten mit Demarkationslinie wiesen 33 aus, wo die Palästinenser sich selbst verwalten. Der Rest zeigte farblich abgehobene Grenzen, ohne auf eine Anwesenheit der Palästinenser Bezug zu nehmen.

Untersucht wurden 74 israelische und 94 palästinensische Lehrbücher der Klassen eins bis zwölf in den Fächern Sozialkunde, Geographie, Literatur, Religion, Arabisch und Hebräisch. Auf israelischer Seite wurden insgesamt fast 16'000 Seiten aus Büchern von staatlichen säkularen und religiösen Schulen untersucht sowie nahezu 3'500 Seiten Lehrmaterial, das an Schulen ultraorthodoxer Juden zum Einsatz kommen. Von den knapp 10'000 Schulbuchseiten der palästinensischen Seite stammte die überwiegende Mehrheit aus staatlichen Einrichtungen, dazu kamen sechs Bücher aus privaten Islamschulen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.02.2013, 12:13 Uhr)

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