Die Geisterjäger

Zwei Lausanner Forscher haben eine Software entwickelt, die Ghostwriting erkennen soll. Aber kann ein Computerprogramm Autoren unterscheiden? Wir haben den Test gemacht.

Der Geist hinter meinem Bachelor: Ghostwriting ist an Universitäten ein verbreitetes Problem. Foto: Martin Barraud (plainpicture)

Der Geist hinter meinem Bachelor: Ghostwriting ist an Universitäten ein verbreitetes Problem. Foto: Martin Barraud (plainpicture)

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Wenn Studenten Arbeiten einreichen, dann steckt mitunter weniger Fleiss dahinter, als man vermuten würde. Es gibt Hinweise darauf, dass immer mehr akademische Anwärter betrügen, indem sie ihre Arbeiten von Fremden, sogenannten Ghostwritern, schreiben lassen. Die Universitäten verfügen zwar über Software, die Plagiate erkennen kann. Doch diese Programme sind im Falle einer fremdverfassten Arbeit nutzlos: Sie erkennen lediglich, ob nicht sauber zitiert wurde. Zum Beispiel, wenn ganze Sätze aus fremden Quellen kopiert wurden. Ein Ghostwriter aber erstellt gegen Bezahlung eine perfekt zitierte, wissenschaftliche Arbeit und bleibt so unter dem Radar entlarvender Plagiatscans.

Das könnte sich nun ändern: Die beiden Lausanner Forscher Claude-Alain Roten, ursprünglich Genforscher, und Guy Genilloud, Informatikingenieur, haben einen Algorithmus entwickelt, der bestimmte Muster im Schreibstil eines Autors sucht und ein Profil davon erstellt. Analysiert werden unter anderem die Wortkombinationen und der Satzbau sowie der Textrhythmus und das Tempo innerhalb eines Satzes.

Professoren kennen Studenten nicht persönlich

Bis jetzt war es für Universitäten praktisch unmöglich, Ghostwriting zu erkennen. Oft trifft in Schweizer Hör­sälen eine grosse Zahl Studenten auf ­wenige Betreuer. Etwa bei Psychologie, Medienwissenschaften oder Rechts­wis­sen­schaf­ten können es mehrere Hundert Studenten pro Semester sein. Die Anonymität ist gross, nur selten kennt der Dozierende seine Studenten persönlich. Das macht es schwierig, einzuschätzen, ob eine geschriebene Arbeit wirklich selbst verfasst wurde.

Wie die «Rundschau» im Januar berichtete, bestellten sich im vergangenen Jahr 200 Schweizer Studenten eine Seminar-, Bachelor- oder sogar Masterarbeit alleine bei der grössten Ghostwritingagentur der Schweiz, bei Acad Write. Wie viele Studenten darüber hinaus bei anderen Anbietern Arbeiten beziehen, ist offen.

Einfache Rechnung

Das Anbieten von Ghostwriting ist dabei nicht per se illegal. Die Acad Write zum Beispiel beteuert, sie verkaufe nur eine Dienstleistung. Strafbar macht sich einzig der Student, der die Arbeit als die eigene einreicht. Die Gründe, die für den Betrug angegeben werden, sind unterschiedlicher Natur. Zu wenig Zeit, Überforderung oder die einfache Rechnung, dass man mit bezahlter Arbeit in dieser Zeit mehr verdient, als man für den Ghostwriter hinlegen muss. Eine Bachelorarbeit aus fremder Feder gibt es bereits ab 3500 Franken, abhängig von Studienrichtung, Thema, Anzahl Seiten und Abgabetermin. Die Bestellung kann online vorgenommen werden. Es sind keine Grenzen gesetzt – die Ghostwriter übernehmen auch das Schreiben einer Doktorarbeit.

Dem wollen die Lausanner Forscher nun einen Riegel schieben. Sie sind überzeugt, dass sich Schreibende teils bewusst, vor allem aber auch unbewusst an gewisse Schreibmuster halten. Muster, die für das menschliche Auge meist nicht erkennbar sind. Ihre Software braucht denn auch grosse Datenmengen, um die Muster verlässlich zu finden. Idealerweise werden die Datensätze in das Programm eingelesen und in Texttranchen à 50'000 Zeichen aufgeteilt. Je höher die Zeichenmenge eines Autors, desto genauer das Resultat. (Zum Vergleich: Ein klassischer Roman hat zwischen 500'000 und einer Million Zeichen, universitäre Arbeiten haben bis zu 150'000 Zeichen.)

Immanuel Kant bevorzugte lange Sätze

Die Software verrechnet die Wort­beziehungen zu einem X- und einem ­Y-Wert, die im Diagramm für den jeweiligen Autor typische Punktwolken ergeben. Genaueres möchten die Forscher noch nicht verraten, denn ihre Software befindet sich im Prüfstadium und ist noch nicht patentiert.

Die Inspiration für dieses Analyseprogramm lieferte der Physiker Wilhelm Fucks, Autor des Buches «Nach allen Regeln der Kunst». Bereits 1969 beschäftigte er sich mit der Frage, ob Autoren beim Schreiben Regeln folgen und ob man diese quantitativ beschreiben könne.

Für Fucks waren Texte geordnete Mengen an einzelnen Elementen. Eine Silbe verglich er mit einem Atom, ein Wort mit einem Molekül. Bei seiner Analyse von Prosatexten zeigte er auf, dass der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke kurze Wörter und kurze Satzlängen bevorzugte, während der Philosoph Immanuel Kant in seinen Werken eine sehr grosse Satzlänge favorisierte. Doch Fucks’ Verfahren wurde in den 60er-Jahren als willkürlich abgetan: Er vergleiche Unvergleichbares, so das Urteil der Literaturexperten, die nichts von der Quantifizierung von Texten hielten.

Die «Millenium»-Trilogie

Die Lausanner Forscher kommen nun aber zum Schluss: «Ja, individuelle Schreibstile lassen sich quantitativ erfassen und beschreiben.» Sie zeigten das etwa an Stieg Larssons Romanen der «Millennium»-Reihe. Die ersten drei Bände, «Verblendung», «Verdammnis» und «Vergebung», schrieb der schwedische Schriftsteller selbst. Geplant waren zehn Bücher, Larsson starb aber, bevor seine Werke publiziert wurden. Larssons Erben und sein Verlag beauftragten den Schriftsteller David Lagercrantz, den vierten «Millennium»-Roman «Verschwörung» zu schreiben. Dafür verwendete Lagercrantz dieselben Charaktere und Themen wie Larsson und entwickelte deren Geschichte im Stil des Originals weiter.

Trotzdem kann die Software den Schreibstil von Larsson und Lagercrantz deutlich unterscheiden. Um das Resultat zu verdeutlichen, analysierten Roten und Genilloud auch zwei weitere Bücher von Lagercrantz, daraus ergeben sich sechs Punktwolken (Grafik 1).

Der hauseigene Test

Wir baten um eine Demonstration an einigen Artikeln des «Tages-Anzeigers». Die beiden Forscher analysierten mindestens je 20 Artikel der langjährigen TA-Journalisten Constantin Seibt, Jean-Martin Büttner und David Hesse (Grafik 2). Die Unterschiede waren dabei weniger deutlich als bei den «Millennium»-Romanen. «Die Schwierigkeit bei der Analyse von journalistischen Texten liegt darin, dass die Autoren eine grössere Stilfreiheit und folglich mehr Variabilität aufweisen», erklärt Roten. Ausserdem seien Zeitungsartikel aufgrund ihrer eher kurzen Länge schwieriger zu analysieren als eine akademische Arbeit oder ein Buch. Trotzdem: Beim Test erstellte die Analysesoftware anhand der TA-Artikel drei Punktewolken. Deutlich unterscheidet das Programm den Schreibstil von Constantin Seibt von dem der anderen Autoren. Doch die Schnittmenge der Punktwolken zeigt auch, dass sich die Schreibstile von Autoren durchaus gleichen können.

Nach jahrelanger Entwicklung und Kalibrierung wollen die zwei Forscher diesen Algorithmus einsetzen, um die Authentizität von Dokumenten zu überprüfen. Aus der Idee entstand 2014 ihr Start-up Orph Analytics SA. Nun möchten sie ihre Software den Universitäten anbieten, um Abhilfe gegen akademischen Betrug zu schaffen.

Bildung soll nicht käuflich sein

Ihre Motivation dabei ist moralischer Natur: Bildung und Titel sollen nicht käuflich sein. Studenten, die betrügen und Ghostwriter bezahlen, könnten die Karriereleiter schneller erklimmen als diejenigen, die ehrlich arbeiten. Ausserdem unterstreicht Roten die abschreckende Wirkung einer solchen Software auf die Studenten.

Auch Michael Hengartner, Präsident von Swissuniversities und Rektor der Universität Zürich, ist überzeugt, dass sich gewisse Muster in Texten identifizieren lassen. Trotzdem sieht er Grenzen in der akademischen Anwendung solcher Software: «Um eine hohe Sicherheit bei den Ergebnissen zu erreichen, müsste man von jedem Studenten eine grosse Anzahl an Texten besitzen.» Dies sei besonders am Anfang des Studiums nicht der Fall. Ausserdem: «Der Schreibstil eines Studenten kann sich vom Anfang bis zum Ende eines Studiums stark verändern, das ist Teil der akademischen Selbstentwicklung.»

Die Problematik des Ghostwritings dürfte die Schweizer Universitäten weiter beschäftigen. Sowohl die Universität St. Gallen als auch die Universität Bern haben im Zusammenhang mit Ghostwriting Strafanzeigen eingereicht.

Erkennen Sie den Schreibstil der TA-Autoren? Machen Sie das Quiz.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.02.2016, 07:48 Uhr)

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