Der Trabant der wilden Fantasien
Ausgerechnet die gröbsten Fantastereien wurden für wahr gehalten. 1835 erscheint in der New Yorker Zeitung «Sun» der Bericht eines Sir John Herschel, der durch ein neuartiges Teleskop genau gesehen haben will, was auf dem Mond vor sich geht. Herschel beschreibt üppige Landschaften, äsende Antilopen und hüpfende Bisons. Ausserdem fliegen Menschlein umher, die - unverdorben von Sitte und Moral – frei ihrer Lust und Leidenschaft nachgehen. Die Auflage der «Sun» explodiert – bis herauskommt, was herauskommen musste: Die Berichte sind frei erfunden.
Schon zuvor beflügelt der Erdbegleiter die Fantasie der Literaten, Insbesondere auf der dunklen, der erdabgewandten Seite vermutet man Bizarres. Bei Lukian von Samosata (um 150 nach Christus) tobt auf dem Mond ein Sternenkrieg. Zum Kriegspersonal zählen dreiköpfige Geier, Pferdeameisen und Knoblauchschützen. Die wilde Erzählung, unter dem sinnigen Titel «Wahre Geschichte», publiziert, gilt als erste Sciencefiction.
Der wissenschaftliche Fortschritt wirkt sich auch auf die Mondliteratur aus. Bereits Johannes Kepler 1609 - und später vor allem Jules Verne - spinnt neue Erkenntnisse aus der Betrachtung in eine Erzählung. So weist er auf die enormen Temperaturunterschiede hin. Wo Kepler mit seinem Fernrohr an die Grenzen stiess, liess er seiner Kreativität freien Lauf. Auch beim deutschen Astronomen tummeln sich kuriose Bewohner in Städten auf der Mondoberfläche.
Im Lichte jener Vorstellungen müssen die ersten Satellitenaufnahmen des Mondes (1959) geradezu enttäuschend wirken. Keine Luft, kein Wasser, keine Landschaften. Und auch von Bisons und Geiern fehlte jede Spur. Das einzige Lebewesen, das je den Mond betrat, ist der Mensch. (reb)
Erstellt: 20.07.2009, 11:01 Uhr








