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«Pflegepersonal sträubt sich gegen Impfung»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 06.11.2009

Konfusion um das H1N1-Virus: Der Präsident der Haus- und Kinderärzte Marc Müller über Impfstoff-Engpässe, offene Fragen und offensichtliche Problemherde.

Impfen oder nicht? Die Massnahme ist sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten umstritten.

Impfen oder nicht? Die Massnahme ist sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten umstritten.
Bild: Keystone

Marc Müller ist Präsident des Berufsverbandes der Schweizer Haus- und Kinderärzte und führt eine Praxis in Grindelwald.

Marc Müller ist Präsident des Berufsverbandes der Schweizer Haus- und Kinderärzte und führt eine Praxis in Grindelwald.

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Genf: Epidemisches Ausmass

Die Fälle von Schweinegrippe häufen sich im Kanton Genf: Das epidemische Ausmass sei erreicht, gab der Genfer Kantonsarzt Philippe Sudre am Freitag bekannt. Auch in Neuenburg wurde die Epidemieschwelle erreicht.

Seit vergangenem Samstag gebe es im Kanton Genf 128 neue Fälle, sagte Sudre. Dabei seien insbesondere junge Leute vom H1N1-Virus betroffen. Mehr als die Hälfte der Erkrankten seien Kinder unter 16 Jahre.

Aufgrund der Häufungen hat Genf nun seinen Impfplan aktiviert. Die Behörden erwarten die Lieferung der ersten Impfdosen - vorgesehen für so genannte Risikogruppen - Mitte November. Alle anderen Interessierten sollen Anfang Dezember die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen.

Auch im Kanton Neuenburg ist die Zahl der Schweinegrippefälle auf mehr als 60 angestiegen. Am Donnerstag hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitgeteilt, dass zwischen dem 26. Oktober und dem 1. November schweizweit 300 Fälle bestätigt wurden. Das sind zehnmal mehr als noch vor drei Wochen.

Herr Müller, vereinzelt klagen Ärzte, es gebe zu wenig Impfstoffe für Kinder. Stimmt das?
Von offizieller Seite habe ich davon noch nie gehört. In der ersten Phase sind die Dosen jedoch beschränkt. Daher sind wir angewiesen, diese auch strikte für die Risiko-Gruppen zu reservieren.

... aber?
Im Moment sind wir beunruhigt über die Mitteilungen einiger Kantonsärzte, dass Impfstoffe für Kinder und Schwangere nur an Kinderärzte und Gynäkologen abgegeben werden sollen. Da orten wir Versorgungsprobleme, zumal längst nicht alle Kinder von Kinderärzten betreut werden. Auch die Hausärzte brauchen diesen Impfstoff.

Sind sich die Schweizer Haus- und Kinderärzte über die Notwendigkeit einer Impfung einig?
Von Einigkeit kann man bei medizinischen Massnahmen nur schwer sprechen. Insbesondere beim Thema Impfung. Dafür gibt es zu viele ideologische Unterschiede, etwa zwischen Komplementär- und Schulmedizin. Eine grosse Mehrheit hält sich meines Wissens jedoch strikt an die vom Bund herausgegebenen Impf-Richtlinien.

Und in der Bevölkerung?
Es ist bei weitem nicht so, dass sich alle auf eine Impfung stürzen. Und nicht alle, die sich gegen die saisonale Grippe impfen lassen, tun das auch im Falle der Schweinegrippe, schätzungsweise höchstens zwei Drittel bis drei Viertel. Der Medienhype der letzten Monate hat hier wohl kontraproduktiv gewirkt. Die heikelsten Diskussionen gibt es derzeit mit schwangeren Frauen. Zwar schützt eine Impfung Mutter und Kind. Aber niemand kann Garantien übernehmen, dass nichts passiert.

Es gibt auch krasse Impf-Verweigerer.
Das ist so. Zum Beispiel beim Pflegepersonal. Die halten sowieso nicht viel von der Grippe-Impfung und lassen sich – wenn überhaupt – nur widerwillig impfen. Traditionell ist das Pflegepersonal sehr impfresistent. Jetzt gehören sie jedoch zur Risiko-Gruppe, da sie ihre Patienten jederzeit anstecken könnten.

Auch die Nebenwirkungen des Impfstoffes schrecken ab.
In der Schweiz ist das Thema zum Glück rationaler abgehandelt worden als in Deutschland. Hierzulande hat man nie einen besseren Impfstoff für Politiker gefordert. Aber auch ich werde gefragt, warum wir zwei unterschiedliche Impfstoffe für die jeweiligen Risikogruppen haben, während Deutschland beide für Kinder zulässt. Ich weiss es nicht. Meines Wissens sind die Nebenwirkungen der Wirkverstärker aber kein Grund, sich nicht impfen zu lassen.

Sie haben vom Hype gesprochen. Hätte man die Schweinegrippe unaufgeregter angehen sollen?
Ich begreife, dass die Pandemie-Experten alle Szenarien testen wollen. Und bei der Pandemie-Bekämpfung gibt es nur «alles oder nichts». Da gilt es schnell und energisch zu reagieren. Wäre die Schweinegrippe so aggressiv wie die Vogelgrippe vor ein paar Jahren und wir wären sie nachlässiger angegangen, hätten wir jetzt den Schaden. Dann hiesse es: «Warum wurden wir nicht gewarnt?».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.11.2009, 18:40 Uhr

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