Alleine im Strohbett
Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 16.03.2009
«Kaum ist mein Ehemann pensioniert, macht er mich zur Strohwitwe», klagt Frau Zünd, deren Gatte sich soeben auf eine längere Reise begeben hat – wohlgemerkt ohne sie.
Eine kratzige Schlafunterlage
Die Redensart ist zum ersten Mal 1715 belegt. In einem so genannten «Frauenzimmer-Lexicon» heisst es: «strohwittben heisset man aus schertz an etlichen orten diejenigen weiber, deren männer verreiste oder abwesend seynd».
Und in Goethes Faust klagt Frau Marthe: «Er (ihr Gatte) geht stracks in die Welt hinein und lässt mich auf dem Stroh allein». «Stroh» steht hierbei stellvertretend für das gesamte Bett. In früheren Zeiten, als es noch keine bequemen Federkernmatratzen gab, schliefen die Menschen auf Strohsäcken. Ein älterer deutscher Ausdruck für Strohwitwe ist Graswitwe. Auch diese Bezeichnung lässt sich mit der spartanischen Schlafunterlage erklären.
Im Englischen bezeichnet «grasswidow», also Graswitwe, allerdings nicht etwa eine Strohwitwe, sondern eine Frau, die ein aussereheliches Kind hat. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verbindung zum Begriff der «Strohjungfer». Ging eine Braut nachweislich berührt in die Ehe, dann wand man ihr an Stelle des Blumenkränzchens einen Strohreif. So war für alle Welt sichtbar, dass die Ehefrau in spe bereits sexuell aktiv gewesen war.
Langeweile auf dem Land
Eine frustrierte Ehefrau nennt man mitunter auch «grüne Witwe». Dieser Ausdruck entstand nachweislich erst nach den Weltkriegen. Damals war es üblich, dass der Ehemann zum Arbeiten in die entfernte Stadt fuhr, während sich seine Frau tagein, tagaus in ihrem Häuschen im Grünen langweilte.
«Grüne Witwe» heisst übrigens auch ein Cocktail, der aus Orangensaft und Blue Curaçao gemixt wird. Es kann also durchaus vorkommen, dass sich eine Strohwitwe zum Trost ab und zu eine grüne Witwe genehmigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2009, 16:03 Uhr





