Alles verschlucken
Von Bettina Hübschen-Leinenbach. Aktualisiert am 10.03.2009
Frau Winter schüttet einer Bekannten ihr Herz aus: «Stell dir vor, ich sitze im Restaurant, und wer kommt um die Ecke? Mein Ex mit seiner Neuen. Da ist mir der Bissen im Hals stecken geblieben.» Immer dann, wenn wir eine unangenehme Begegnung haben, wenn uns eine Situation überfordert und wir grosses Unbehagen empfinden, bleibt uns sprichwörtlich der Bissen im Hals stecken. Wir verstummen und können nicht mehr weiteressen.
Die Redensart ist schon sehr alt und entstand vermutlich zur Zeit der Germanen. Im altgermanischen Recht gab es ein Verfahren, mit dem überprüft wurde, ob ein Mensch die Wahrheit sagte. Man legte dem Beschuldigten einen grossen, trockenen Bissen in den Mund und forderte ihn auf, die Portion zu schlucken. Gelang dies, so galt die Unschuld des Angeklagten als bewiesen. Verschluckte sich der Delinquent oder geriet gar in Atemnot, so deutete man das als Schuldeingeständnis.
Husten war ein Todesurteil
Im Mittelalter führte man diese zweifelhafte Tradition fort. Leicht vorstellbar, dass das vermeintliche Gottesurteil schnell zuungunsten des Angeklagten ausfiel. Der sogenannte Probebissen konnte mittelalterlichen Quellen zufolge beliebig gross sein und bestand meist aus trockenem Brot. Wer während des Urteils husten oder gar würgen musste, wem also der Bissen im Hals stecken geblieben war, galt als überführt und musste hilflos mit ansehen, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2009, 13:44 Uhr





