Die Kirsche als Statussymbol
Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 04.08.2009
Als beim Fussballspiel eine Fensterscheibe zu Bruch geht, sind sich die Kicker schnell einig: Nichts wie weg! Mit dem hiesigen Hausmeister ist nämlich nicht gut Kirschen essen. Heute braucht man die Redewendung manchmal auch im übertragenen Sinn und sagt: «Mit diesem Knie ist nicht gut Kirschen essen», was so viel heisst wie: «Das wird noch Probleme machen.»
Luxus, der am Baum wächst
Einst beschränkte sich die Warnung auf hochmütige Personen, mit denen schwer auszukommen war. Die vollständige Form hiess: «Mit den hohen Herren ist nicht gut Kirschen essen, sie spucken einem die Kerne ins Gesicht.» Kirschen wurden damals nur in Klostergärten oder auf dem Land reicher Leute angebaut. Ab und zu traf man sich dann zum gemeinsamen Kirschenessen. Doch wehe, es wurde in der Runde einer entdeckt, der nicht dazugehörte. Dem wurden die Steine der teuren Früchte nachgeworfen. Da man diese allerdings oft gleich mit schluckte, mögen es auch die Stiele gewesen sein. Darauf lässt jedenfalls das Sprichwort schliessen, aus dem die Redensart entstanden ist. So schrieb der Mönch Ulrich Boner um 1350: «Mit herren kriesin essen, Sie hant sich des vermessen: Der sich da nicht huten will, Sie werfen im der kriesin stil in diu ougen.»
Beinahe sieht man vor sich, wie er die einfachen Leute mit erhobenem Finger davor warnte, Umgang mit den vornehmen, oft launenhaften Herren zu pflegen. Jeremias Gotthelf liess Ueli den Knecht schimpfen, mit grossen Herren sei deshalb bös Kirschen essen, weil sie den Mitessern Steine und Stiele ins Gesicht würfen, das Fleisch aber selber behielten. Da blieb dem kleinen Mann wohl nur der Verzicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.08.2009, 09:53 Uhr





