Arme Kirchgänger
Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 11.08.2009
Zu später Stunde in der Bar: «Kannst du mir ’n paar Mäuse leihen?», fragt Johnny seinen Trinkgenossen Charly. Doch der zuckt bloss mit der Schulter: «Geht nicht. Bin selber arm wie ne Kirchenmaus.» Mäuse sind Pfennige
Für Geld sind viele umgangssprachliche Ausdrücke im Umlauf, so zum Beispiel Zaster, Moneten, Kohle oder Steine. Das Synonym «Mäuse» hat aber nichts mit echten Mäusen zu tun, sondern ist eine Ableitung des rotwelschen Worts «Mous». Das stammt seinerseits vom jiddischen Wort «moo» ab und heisst so viel wie «Pfennig». Doch was hat es mit der sprichwörtlich armen Kirchenmaus auf sich? Hier wird nämlich tatsächlich der Bezug zu den grauen Nagern hergestellt. Mäuse gab und gibt es fast überall, so auch in der Kirche. Anders als in Scheunen, Ställen oder Wohnhäusern fehlte dort aber die Vorratskammer. Deshalb hatten die Kirchenmäuse schlechte Karten, denn vom Glauben allein wird bekanntermassen niemand satt. Anteil an diesem bedauernswerten Schicksal nehmen auch die Franzosen und sagen «gueux comme un rat d’église».
Stille Nacht, heilige Nacht
Trotzdem scheint sich ab und zu eine Mäusefamilie in geweihten Räumen niedergelassen zu haben, was vielleicht damit zu tun hat, dass sie dort vor Katzen sicher waren. Jedenfalls entstand eines unserer beliebtesten Weihnachtslieder, da just am Weihnachtsabend die Orgel im salzburgischen Oberndorf nicht verfügbar war. Eine Mäusefamilie hatte sich darin eingenistet und dem ohnehin schon schadhaften Instrument den Rest gegeben. Flugs textete Pfarrer Mohr einen Text, und Lehrer Gruber komponierte die Gitarrenbegleitung dazu. Sie ahnten nicht, dass das Lied ein Riesenhit werden sollte, denn auch heute noch singt man an Weihnachten weltweit «Stille Nacht, heilige Nacht». Damals in der österreichischen Kirche wurde die andächtige Ruhe wohl nur vom Magenknurren der armen Kirchenmäuse gestört. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.08.2009, 08:45 Uhr



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