Ein nahrhafter Zettel
Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 23.06.2009 4 Kommentare
Lehrer Baumann tobt: «Hausaufgaben, die auf Fresszetteln abgegeben werden, korrigiere ich grundsätzlich nicht. Schreibt gefälligst auf ein sauberes Blatt!»
Als Fresszettel bezeichnet der Volksmund ein kleines Stück Papier, das oft so aussieht, als wäre es schon durch den Magen einer Kuh gewandert. Das mag einleuchten und als Erklärung für den umgangssprachlichen Namen des zerknitterten Notizzettels dienen. Wahrscheinlicher aber ist die Verbindung zum «Esszettel», einem Souvenir gläubiger Pilger. Sogenannte Esszettel waren bis ins letzte Jahrhundert beliebte Devotionalartikel, die an Wallfahrtsorten verkauft wurden. Auf den briefmarkengrossen Bildchen waren Heilige dargestellt. Wenn man sie an Gnadenbilder hielt, sollten sich besondere Heilkräfte entfalten. Die Zettelchen wurden anschliessend in Wasser eingeweicht und gegessen, im Fall der noch kleineren Schluckbildchen auch ganz verschluckt. So wollte man die spirituelle Kraft der Heilsperson und deren positive Wirkung dauerhaft in sich aufnehmen.
Das Heiligenbildchen im Stall
Bei Bedarf wurden Heiligenbildchen auch dem Tierfutter beigemischt. Ab und zu wurden sie, in Wettersegen oder Schutzbriefe eingeklebt, auch als Amulette verwendet. Oder aber sie zierten Lebkuchen und anderes Gebäck. Bereits in der Antike waren «Fieberzettel» in Umlauf, und alte Schriften berichten von in Broten eingebackenen Götterbildern. Das Vertrauen in die Heilkraft der Esszettel war nicht nur im Volksglauben verankert, sondern wurde von der Kirche toleriert. Noch 1903 verkündete die Kongregation für Glaubenslehre, dass Esszettel erlaubt seien – sofern kein Aberglaube im Spiel sei.
Wie auch immer: Der Glaube versetzt Berge. Deshalb fasst sich der achtjährige Tim während der Mathestunde ein Herz und schreibt Tanja: «Willst du mit mir gehen?» Die risikoreiche Übermittlung des Fresszettels nimmt er in Kauf, hat er doch seine Angebetete zum Fressen gern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.06.2009, 08:30 Uhr
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4 Kommentare
Das einst rituelle Verspeisen von Angehörigen oder Feinden lebt also in neueren Bräuchen weiter. Der Aberglaube ist schwer auszurotten. Aber es hilft das Irrationale im modernen Menschen zu verstehen. Und auch Kriminalfälle. Sind wir also tief in uns drinnen immer noch in der Höhle zuhause? Antworten


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dave lehner
@rony könig JA. Antworten