Gefrässige Heulsuse
Erst spannte Rosi ihrer Freundin Anna den Freund aus. Und jetzt tröstete sie die Verlassene und vergoss dabei Krokodilstränen. Diese Zurschaustellung von falschem Mitgefühl war der Gipfel der Frechheit.
Weint jemand, ohne wirklich ergriffen zu sein, dann sagt man, die Person vergiesst Krokodilstränen. Die Redensart ist im Mittelalter entstanden. Damals glaubte man, Krokodile würden wie kleine Kinder weinen und schluchzen, um mit dieser List wehrlose Opfer anzulocken. Eine andere Deutung geht davon aus, dass die Tiere aus Trauer um ihre getöteten Beutetiere weinten. Die griechische Mythologie kennt Fabelwesen, sogenannte Harpyrien, die sich eines ähnlichen Tricks bedienten. Die Mischwesen aus Greifvogel und Mensch lockten ihre Opfer mit ihrem Gesang an. Vermutlich fand im Laufe der Zeit eine Übertragung dieser Verhaltensweisen auf die Reptilien statt.
Heute müssen wir nur in den Zoo gehen, um ein Krokodil beobachten zu können. Im Mittelalter war es aber den wenigsten Menschen vergönnt, diese imposanten Reptilien leibhaftig zu sehen. Die wenigen Augenzeugen schilderten die Tiere als blutrünstige, niederträchtige Bestien. Die Mär vom weinenden Krokodil verstärkte das Negativbild zusätzlich.
Aus physiologischer Sicht ist festzuhalten, dass Krokodile keine richtigen Tränen weinen können. Hinter ihrem Augenlid befindet sich allerdings eine Drüse, deren Sekret der Augenreinigung dient. Öffnet das Reptil sein Maul besonders weit, um Beute zu verschlingen, wird ebenfalls Sekret produziert. Vielleicht soll auf diese Weise verhindert werden, dass beim Fressen Fremdkörper ins Auge gelangen. Es entsteht jedenfalls der Eindruck, die Tiere würden ihren Opfern nachtrauern.
Übrigens: Man weint nicht nur im deutschsprachigen Raum Krokodilstränen. Im Englischen heisst es «crocodile tears», die Niederländer weinen «Krokodilletranen», und in Frankreich sagt man «verser des larmes de crocodile». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.06.2009, 10:28 Uhr










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