Manche Nagetiere sind belesen
Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 12.05.2009
Die Kinder der Siedlung veranstalten eine Wasserballonschlacht. Bloss Tobias sitzt in seinem Zimmer und verschlingt den neusten Kinderkrimi. «Er ist eben eine richtige Leseratte», seufzt seine Mutter und meint damit, dass Tobias nur schwer von seinen Büchern wegzulocken ist.
Ratten sind zwar intelligente Tiere, lesen können sie jedoch nicht. Sehr geschickt sind sie in der Nahrungsbeschaffung, weshalb sie immer auch in der Nähe des Menschen zu finden sind. Ihre Gewohnheit, den Speisezettel recht wahllos zusammenzustellen, mag zur Entstehung des Begriffs Leseratte geführt haben. Er bezeichnet einen Vielleser, der querbeet alles Geschriebene verschlingt, was ihm in die Finger kommt. «Eine unerfreuliche Erscheinung ist die Leseratte, die sich kennzeichnet durch die völlige Wahllosigkeit, mit der sie alles Erreichbare, Lesbare in sich hineinschlingt», heisst es in einem Wörterbuch aus dem Jahre 1943. Heutzutage ist jede Mutter froh, wenn ihr Kind überhaupt etwas liest. Nennt sie es eine Leseratte, so schwingt immer auch Stolz mit.
Vermutlich ist der Begriff Leseratte von Landratte abgeleitet und eine Lehnübersetzung aus dem Englischen, wo das Wort «landrat» – so nannten Seeleute die Landbewohner – seit 1596 bezeugt ist. Auf der Insel wurden Menschen umgangssprachlich schon immer als «rats» bezeichnet. Als eine Stelle aus Shakespeares «Kaufmann von Venedig» wörtlich übersetzt wurde, hielt die «Landratte» Einzug ins deutsche Sprachgebiet, gefolgt von der Wasserratte und der Leseratte. Den grauen Nagern ist das wohl egal, lesen sie doch weder diesen Artikel noch Shakespeare. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2009, 15:55 Uhr











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