Nur nicht verzetteln

Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 25.08.2009

Zahlreiche sprichwörtliche Redensarten stammen aus der Fachsprache der Weber. Einige Beispiele.

Herr und Frau Marti sind begeistert und wollen sich bald wieder ein Wellness-Wochenende gönnen. In dem gemütlichen Hotel, in dem sie neulich abgestiegen waren, hatte man die beiden nämlich nach Strich und Faden verwöhnt.

Qualitätskontrollen

Mit Musestunden hat die Redensart allerdings nichts zu tun. Sie stammt aus dem Arbeitsalltag der Weber. War der Geselle mit seiner Arbeit fertig, so wurde diese vom Meister nach Strich und Faden geprüft. War das Webmuster, also der Strich, korrekt? Lag nirgends ein Fadenbruch vor? War der Stoff mit der nötigen Sorgfalt gewebt worden, so galt er «nach Strich und Faden» als einwandfrei.

Im 19. Jahrhundert floss die Redewendung in die Alltagssprache ein, wo sie oft auch im negativen Sinn verwendet wird. So sagt jemand, er sei nach Strich und Faden – also gründlich – betrogen worden.

Schlimm ist auch, wenn man während einer Rauferei nach Strich und Faden verprügelt wird. Zumal im Nachhinein nicht immer klar ist, wer den Streit angezettelt hat. «Anzetteln», das Synonym für «anstiften», wird heute nur im Zusammenhang mit negativen Ereignissen wie Streit, Komplotten und Intrigen verwendet. Dabei haftete ihm einst nichts Nachteiliges an. Bevor er mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte, musste der Weber die Längsfäden, die so genannten Zettel, aufspannen und mit einem Kamm sauber ausrichten. Erst nachdem angezettelt war, konnte er richtig loslegen. Wer sich verzettelt hatte, konnte von vorne beginnen. Wer den Faden verlor, musste ebenfalls nochmal anfangen.

Fadenscheinige Gründe

Eine gute Arbeit entstand, wenn der Faden straff gespannt war. Daher das Adjektiv «fadengerade». So bezeichnet man jemanden, der aufrichtig und offenherzig ist. War die Arbeit hingegen liederlich ausgeführt, liess der Meister keinen guten Faden daran. Er liess wohl auch keine fadenscheinigen Gründe gelten. Ein Stoff war von minderer Qualität, wenn man die einzelnen Fäden erkennen konnte. War das Gewebe hingegen dicht, lag eine hochwertige Arbeit vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2009, 08:17 Uhr

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