Papier ist geduldig
Frau Wyssbrod tritt aus der Umkleidekabine und lächelt. Endlich hat sie ein Kleid gefunden, das ihr gefällt. Die Verkäuferin taxiert die Kundin von oben bis unten. Da sie keine ist, die ein Blatt vor den Mund nimmt, sagt sie unumwunden: «In diesem Kleid sehen Sie aus wie ein Cervelat.»
Wenn jemand kein Blatt vor den Mund nimmt, dann spricht er unbequeme Wahrheiten direkt an und nimmt dabei wenig Rücksicht auf die Gefühle anderer. Die Redensart spiegelt indirekt eine alte Theatersitte wider, die ihren Ursprung in der Antike hat. Die Schauspieler verbargen ihr Antlitz hinter Masken oder manchmal auch hinter grossen Feigenblättern. So konnten sie sich auf kritische Weise mit den Herrschenden auseinandersetzen, ohne später dafür belangt zu werden. Wer kein Blatt vor den Mund nimmt, geht hingegen auf Konfrontationskurs. Das Blatt, das sich vorsichtigere Kritiker vor den Mund halten, kann auch aus Papier sein beziehungsweise eine Hand, die man sich beim Sprechen vor den Mund hält.
Blätter spielen auch in anderen Redensarten eine wichtige Rolle. Wer ein unbeschriebenes Blatt ist, ist unerfahren und hat sich noch nicht durch besondere Leistungen hervorgetan. Aristoteles schreibt, es gäbe Menschen, die wie eine Tafel seien, auf der nichts stehe. Der Dichter Plutarch ersetzte später Tafel durch Blatt. Pech beim Kartenspielen
Manchmal wendet sich das Blatt. Diese Redensart ist erstmals um 1534 belegt. Möglicherweise ist das Spielkartenblatt gemeint. Wer lange gute Karten erhalten hat, wird mit Sicherheit irgendwann schlechte Karten bekommen. Und wer schlechte Karten hat, gewinnt nicht. Im übertragenen Sinn hat die Person keine Zukunftsperspektive. Es gibt noch einen anderen Erklärungsansatz. In der Neuzeit zogen so genannte Guckkastenmänner von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Sie präsentierten den Zuschauern Schauergeschichten, die durch Bilder untermalt wurden. Das Publikum musste in einen Kasten gucken, um das jeweilige Bild zu sehen. Immer, wenn die Geschichte eine neue Wendung nahm, wurde auch das Guckkastenblatt gewendet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.08.2009, 09:28 Uhr



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