Vogel-Strauss-Politik

Von Renate Sturzenegger. Aktualisiert am 02.06.2009

Wer vor drängenden Problemen die Augen verschliesst, steckt den Kopf in den Sand. Woher stammt dieses Bild?

Am Morgen sieht es auf dem Dorfplatz, dem Treffpunkt der örtlichen Jugend, schlimm aus. Leere Flaschen und Abfälle liegen herum, und diverse Sitzbänke wurden beschädigt. Dennoch wollen manche Eltern nicht wahrhaben, dass auch ihr Sprössling mitgemacht hat. Glaubt man dem Sprichwort, dann stecken sie den Kopf in den Sand.

Die Redensart bezieht sich auf den Vogel Strauss, der bei Gefahr den Kopf angeblich in den Sand steckt. Frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, darauf brauche ich auch nicht zu reagieren. Dabei handelt es sich aber um ein Missverständnis. Tatsache ist, dass sich der Strauss in Ruhephasen niederlässt und den langen Hals ausstreckt. Dies dient auch der Tarnung, denn aufgrund der Luftspiegelung sieht man von weitem seinen Kopf nicht und vermutet einen Busch. Es kann also durchaus der Eindruck entstehen, der Strauss stecke seinen Kopf in den Sandboden.

Von Feigling keine Rede

Dem Tier mit den entzückend langen Wimpern, die übrigens Federn sind, käme es allerdings nicht in den Sinn, sich Sand in die Augen zu streuen und einer Täuschung hinzugeben, denn das hat der Strauss nicht nötig. Eine Begegnung mit ihm in freier Wildbahn kann unangenehm werden. Der grösste lebende Vogel sieht bis zu 3,5 Kilometer weit. Ausserdem kann er seinen Hals wie ein Periskop in alle Richtungen drehen. Droht Gefahr, läuft der flugunfähige Vogel zur Hochform auf und erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 80 Stundenkilometern. Ausserdem weiss er sich mittels kräftiger Fusstritte und mithilfe seiner scharfen Krallen zu wehren. Sogar Löwen müssen sich vor ihm in Acht nehmen.

Und wie geht man vor, wenn einem in der Savanne ein Strauss begegnet? Man macht sich grösser. Hilfreich ist beispielsweise ein Zweig, den man über sich halten kann. Mit etwas Glück glaubt das Tier dann, der Eindringling wäre ein Riese. Ob die List funktioniert, ist ungewiss. So eine Abwehrstrategie wäre aber allemal besser, als den Kopf in den Sand zu stecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2009, 09:48 Uhr

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