2000 Jahre alten Notizen

In Eschenz TG wurden 64 römische Schreibtäfelchen gefunden. Nun werden sie ausgewertet.

Historiker Benjamin Hartmann untersucht die römischen Schreibtäfelchen.

Historiker Benjamin Hartmann untersucht die römischen Schreibtäfelchen. Bild: Nana do Carmo

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Die Buchstaben sind leicht zu lesen: «Maturo» – «an Maturus» – steht auf dem dünnen Holztäfelchen. Es handelt sich um den Rest einer fast 2000 Jahre alten Adresse auf einem römischen Brief. Das Stück stammt aus der römischen Siedlung Tasgetium im heutigen Eschenz. Dass sich dort im feuchten Boden Holzgegenstände gut erhalten haben, ist ein Glücksfall für die Archäologie. Von besonderer Bedeutung sind die Schreibtäfelchen.

64 solche Täfelchen, oder wenigstens Teile davon, wurden in Eschenz seit 1994 gefunden. Bald bei jeder neuen Grabung kämen weitere zum Vorschein, sagt Kantonsarchäologe Hansjörg Brem. Auf einem Viertel der Eschenzer Täfelchen kann man noch Buchstaben oder Wörter entziffern.

Wie ein Notizbuch

Die Tannenholztäfelchen waren auf der Innenseite mit dunklem Wachs überzogen. Mit einem Metallgriffel ritzten die Römer ihre Buchstaben ein – oft bis ins helle Holz hinein. Zwei oder mehrere Täfelchen wurden zusammengebunden wie ein Notizbuch, sodass die Innenseiten geschützt waren. Das Wachs ist weg, die Ritzungen im Holz haben sich teils erhalten. Ebenso die Adressen, die auf der Aussenseite oft direkt ins Holz geritzt wurden, wenn die Täfelchen als Briefe dienten.

Für die Auswertung dieser Funde hat die Thurgauer Kantonsarchäologie Verstärkung beiziehen müssen. Der St. Galler Benjamin Hartmann (26) ist einer von wenigen Historikern, die sich auf antike Schriften spezialisieren. Unter dem Binokular versucht er, auf den Täfelchen einzelne Buchstaben zu identifizieren: «Manchmal weiss man, dass da etwas steht, aber man kann einfach nichts mehr erkennen.» Schwierig ist das Unterfangen auch, weil die Römer ihre Notizen nicht in Blockschrift machten, sondern in Kursivschrift mit individuellen Variationen.

Wörter liefern Hinweise

Ganze Texte sind auf den Eschenzer Täfelchen nicht mehr zu entziffern. Einzelne Wörter geben aber Hinweise auf Beziehungen zwischen Tasgetium und der Aussenwelt. So ist auf einem Täfelchen das Wort «Raurica» zu lesen. Es dürfte ebenfalls zu einer Adresse gehören und meint Augusta Raurica, die Römerstadt im heutigen Kaiseraugst. Auf einer anderen Tafel steht der Name «Vericos». Der keltische Name ist sonst nur aus der Bretagne bekannt.

Auffallend ist, dass dasselbe Täfelchen verschiedene Handschriften aufweisen kann. «Sie wurden wiederverwendet», sagt Hartmann. Und zwar bis zum Ende. Das Wort Vericos dürfte erst geschrieben worden sein, als die Tafel bereits zerbrochen war. Ein sonst nicht übliches Loch deutet darauf hin, dass das Holzstück mit dem Namen an einem Gegenstand im Besitz des Vericos gehangen haben könnte.

Hartmanns Ergebnisse werden bis Ende Jahr vorliegen. Eine Erkenntnis hat er jetzt schon. Die Vielzahl der Schrifttäfelchen deute darauf hin, dass selbst in einer Provinzsiedlung des römischen Imperiums die Schriftlichkeit weit verbreitet war. Das relativiere bisherige Ansichten. (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 15.07.2010, 11:58 Uhr

Nur wenige Fundorte in Europa

Orte, an denen Schreibtäfelchen gefunden wurden, sind selten. in der Schweiz wurden in der Garnisonsstadt Vindonissa (Windisch) über 600 Schreibtäfelchen geborgen. Reiche Funde wurden im Kastell Vindolanda am Hadrianswall in Nordengland gemacht. Von dort sind noch ganze Briefe lesbar.

Deren Auswertung hat die Archäologie für die Täfelchen sensibilisert. Publiziert sind auch die Täfelchen aus einem römischen Bewergwerk im heutigen Rumänien sowie jene, die unter der Asche des Vesuv-Ausbruchs von 79 n.Chr. konserviert wurdne. Auch entlang der alten Rheingrenze in Deutschland wurden inzwischen Funde gemacht. (wid)

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