Als sich eine ehrgeizige Kleinstadt der Welt verkaufen wollte
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 27.02.2010
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Dass Zürich Tourismus das 125-Jahr-Jubiläum feiern kann, hat die Marketingorganisation dem Typhus zu verdanken – einer Krankheit, die tödlich verlaufen kann und die mit beträchtlichen Qualen verbunden ist: Wer sich infiziert, leidet an Fieberschüben und Bauchschmerzen und hat zeitweise erbsenbreiartigen Durchfall.
Unhygienische Kloake
1885, vor 125 Jahren, wütete eine Typhus-Epidemie in Zürich. 1600 Personen, über ein Fünftel der damaligen Bevölkerung, hatte es erwischt – wegen des schmutzigen Trinkwassers. Das nutzte die Konkurrenz im Ausland schamlos aus. Sie zeichnete ein Bild von Zürich als schmutzige und unhygienische Kloake und empfahl allen, sie sollten einen grossen Bogen um die Stadt machen, wenn ihnen das Leben lieb sei.
Hoteliers und Beizer waren entsetzt, litt ihr Geschäft doch schon seit längerem unter der Epidemie. Aber was konnten sie tun? Eines Abends im Dezember fanden sich im Zunfthaus zur Meisen vierzig Männer ein, um sich zu beraten, und als sie sich am späten Abend auf den Heimweg machten, war Zürichs «Verkehrs- und Verschönerungsverein» gegründet. Das Ziel war damals dasselbe wie heute: die Förderung des Tourismus. Eine Aufgabe hatte der Verkehrs- und Verschönerungsverein allerdings, die heute nicht im Pflichtenheft von Zürich Tourismus steht. Sie lautete: «Intriganten nachspüren, gegen dieselben energisch auftreten und die Schädiger entlarven».
Presse feiert Zürcher Hotels
1885 hatten die Touristen in Zürich die Wahl zwischen 22 Hotels und 35 Gasthöfen mit insgesamt 2951 «Fremdenbetten» – heute sind es 111 Hotels mit 12'000 Betten. Die Hotels waren natürlich kleiner als heute, aber dennoch konnte «Downton Zurich» schon im 19. Jahrhundert auf einige grössere Häuser verweisen, die über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregten: das Hotel du Lac im heutigen Bellevue-Haus (Eröffnung: 1840), das seinen Gästen einen spektakulären Blick über See und Alpenkette bot; das Hotel Storchen (1357), das als eines der ersten Häuser über ein Telefon verfügte; das Hotel Savoy Baur au Ville (1838), das mit einem beheizten Frühstücksraum den Luxus neu definierte; das Baur au Lac (1844) sowie das Hotel Uto Kulm (1875) auf dem zu jener Zeit noch schwer zugänglichen Uetliberg. Letzteres wurde von der ausländischen Presse als «klimatischer, gesellschaftlicher und architektonischer Höhepunkt der touristischen Entwicklung» überschwänglich gefeiert.
Im Juli 1886 eröffnete die «Verkehrscommission Zürich» im Parterre der damaligen Börse an der Bahnhofstrasse das Verkehrsbüro. Die Stadt hatte gerade einen strategisch wichtigen Platz im Schweizer Schienennetz errungen und eröffnete 1871 das Bahnhofsgebäude mit der grossen Halle ohne Stützen und den noblen Toiletten. 1882 nahm die Gotthardbahn ihren Betrieb auf, was auch Zürich viele gutbetuchte Gäste brachte.
Touristenmekka Luzern überflügelt
Die Mitarbeiter des Verkehrsbüros suchten den Touristen aus dicken Kursbüchern Verbindungen für Eisenbahn, Schiff und Postauto heraus und machten ihnen Sehenswürdigkeiten schmackhaft. Im ersten Jahr wurde es von 400 Fremden und Einheimischen aufgesucht. Pro Tag verirrten sich demnach ein bis zwei Personen in das Büro.
Die Organisation folgerte daraus, dass ihre Dienste einem echten Bedürfnis entsprechen, und machte voller Elan weiter. 1894 konnte der damalige Verkehrsdirektor Eduard Guyer-Freuler immerhin befriedigt feststellen, dass Zürich mit 235'000 Ankünften die Städte Bern, Basel und sogar das Touristenmekka Luzern bei Weitem überflügelt hatte.
Am meisten Touristen
Zürich ist nach wie vor die grösste Tourismusdestination der Schweiz: Sieben Prozent aller Logiernächte werden hier verkauft. Warb der Verkehrsverein früher vor allem in den Nachbarkantonen für den Standort, vermarktet Zürich Tourismus heute mit Städten aus benachbarten Kantonen die ganze Region im Ausland.
Die Probleme haben sich in den vergangenen 125 Jahren aber nicht grundlegend verändert: Verdarb den Hoteliers früher Typhus das Geschäft, so war es vergangenes Jahr die Schweinegrippe.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.02.2010, 12:21 Uhr


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