Aus Mythen wird tödlicher Ernst

Von Susanna Petrin. Aktualisiert am 31.07.2010 2 Kommentare

Der Basler Rat galt zwar als eher zurückhaltend beim Foltern und Hinrichten sogenannter Hexen. Doch auch in der Region Basel wurden Dutzende Frauen und Männer verfolgt.

So stellte Hans Baldung Grien 1508 weit verbreitete Fantasien u?ber den «Hexensabbat» dar (Ausschnitt). (Bild: akg-images)

«Hexerei» wird noch heute verfolgt

Rückblickend erscheinen uns die Hexenprozesse in Europa absurd, grausam, komplett unverständlich. Dabei wird oft übersehen, dass die Hexenverfolgung gar noch nicht Geschichte ist, sondern in einigen Teilen der Welt immer noch Alltag.

Diese Woche informierte die Wohltätigkeitsorganisation «Rural Litigation and Entitlement» (RLEK) darüber, dass in armen Dörfern Indiens «pro Jahr rund 200 Frauen» wegen «Hexerei» getötet würden. Die Opfer seien oft alleinstehende Frauen, die laut RLEK wegen ihres Besitzes öffentlich blossgestellt, verfolgt und teilweise richtiggehend gelyncht würden.

Auch in anderen Regionen Südostasiens, Lateinamerikas und vor allem Afrikas werden immer noch Menschen wegen Hexerei hingerichtet oder umgebracht. Zum Teil werden sie für Epidemien verantwortlich gemacht.

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Hexen, die einen Hagelsturm herbeizaubern, Hexen, die Sex mit dem Teufel haben, Hexen, die sich in Hasen verwandeln, in Katzen oder gar in eine Wespe. Im Baselbieter Sagenbuch ist fast alles möglich. Aber eben nicht nur dort. Was Hexen angeht, so blieb es nicht bei geflüsterten Geschichten am Küchentisch, bei der Hühnerhaut, wenn man sich Seltsames nicht anders als mit Zauberei erklären konnte, auch nicht bei Beschimpfungen der hässlichen Nachbarin, die einen schon immer genervt hat. Hexen kamen, ganz weltlich, vor Gericht und landeten immer öfter, unter ganz realen Schmerzen, in Folterkammern und auf Scheiterhaufen.

Ganz schön erschrocken ist Hanns Buser aus Läufelfingen, als er eines schönen Mittags des Jahres 1432 nichtsahnend seines Weges ging und plötzlich die Buckterin Gerin Kolerin rücklings auf einem Wolf reitend auf sich zukommen sah. Im Buch «Baselbieter Sagen» heisst es: Sie hatte «des wolffes wadel (Schwanz) in der hand, und fuor rösch umben einen boum ettwie dick, und er erschrecke, daz er zitterte und lieffe hinder einen boum». Buser liess es darauf nicht bei einer guten Geschichte am Stammtisch bleiben, er ging vor Gericht.

Gemäss dem Baselbieter Hexenforscher Dietegen Guggenbühl, der sich durch sämtliche alten Hexenprozessakten gewühlt hat, sagte derselbe Buser nämlich am 28. September 1433 unter Eid aus, dass er die Gerin auf einem Wolf habe reiten sehen. Was darauf mit der Frau geschah, ist nicht klar. Der Basler Historiker Daniel Bruckner schrieb im 18. Jahrhundert zwar, sie sei zum Tod verurteilt worden; Guggenbühl findet für diese These jedoch keine Bestätigung.

Frauen als Opfer

Fakt ist aber: Wegen Gerüchten, Aberglauben, Verleumdungen, Machtmissbrauch oder schlicht Hirngespinsten wurden im Spätmittelalter bis in die Neuzeit in Europa Zehntausende von Menschen verfolgt, gefoltert, verbannt, eingekerkert oder getötet. Rund drei Viertel der Opfer waren Frauen – in Russland und einigen skandinavischen Ländern überwog die Zahl der Männer. Die Schweiz gehörte genauso wie die Gebiete des heutigen Deutschlands zu denjenigen Regionen, in denen besonders viele Hexen verbrannt wurden.

Doch der Basler Rat wiederum, der auch für grosse Teile des heutigen Baselbiets zuständig war, blieb zumindest ab dem 16. Jahrhundert, als andernorts die Hexenjagd im grossen Stil erst so richtig losging, zurückhaltend. Bei denen, die schliesslich im 17. Jahrhundert verurteilt wurden, könne man nicht mehr von reinen Hexereiverfahren sprechen, «da lagen meistens auch andere Delikte vor», weiss der Jurist Harald Maihold. Die letzte Baselbieter Hexe etwa, Margreth Püsterin aus Giebenach, war höchstwahrscheinlich sogar eine mehrfache Mörderin. Sie wurde 1680 verbrannt.

Der Hexenplatz

Heute wird auf der Prattler Hexmatt vor allem Sport getrieben. In der Neuzeit soll dort ganz anderes getrieben worden sein. Auf Stühlen, Besen oder Wölfen ritten Hexen von weit her zum Tanz auf die schöne Wiese. Jta Lichtermuth aus Aesch – auch sie taucht im Sagenbuch ebenso wie in Guggenbühls gesammelten Prozessakten auf – gestand 1532, «uff bratlen maten gfaren» zu sein und dort «einen zimlichen hagel gemacht uber Basel munchstein Arlessen und rinach». Fortan taucht die Prattler Hexenmatte in Gerichtsprotokollen bis in die Innerschweiz oder das Oberelsass auf; gemäss Guggenbühl wird dieser konkrete Ort wohl Eingang in den Suggestivfragenkatalog der Richter bis weit herum gefunden haben. Nur eine Instanz interessierte sich erstaunlich wenig für diese Matte: der Basler Rat. Der vermeintliche Tatort wurde nie kontrolliert, nie gesperrt und aus dem Basler Herrschaftsgebiet selber soll niemand diese Hexendisco besucht haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.07.2010, 20:55 Uhr

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2 Kommentare

Alain Jean-Mairet

01.08.2010, 09:29 Uhr
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"Heute wird auf der Prattler Hexmatt vor allem Sport getrieben." Schön, in einer Zivilisation zu leben, die ihre Fehler anerkennt und versucht, oft mit Erfolg, die wieder gut zu machen. Antworten


Christoph Geiser

02.08.2010, 13:08 Uhr
Melden

@Jean-Mairet Ich bin mir nicht sicher, ob die Hexen von damals sich ihrem Urteil vorbehaltlos anschliessen würden. Antworten



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