Der Eismann hat ein Gesicht
Aus den Überresten rekonstruiert: Der Ötzi, wie er gefunden wurde. (Bild: Keystone )
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(Bild: TA-Grafik str)
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Die Mumie
Angelika Fleckinger (Hrsg.): Ötzi 2.0, eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos., Theiss 2011, im März erhältlich.
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Er ist seit 20 Jahren die berühmteste Mumie der Welt und liegt aufgebahrt bei minus 6 Grad in einer Kühlzelle des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen. Sein Körper glänzt, weil eine feine Eisschicht ihn vor dem Zerfall schützt. Seine rechte Hand ist zur Faust geballt, als ob er vor seinem Tod gelitten hätte. Der Eismann der Ötztaler Alpen ist eine der wichtigsten Touristenattraktionen des Südtirols, Jahr für Jahr bestaunen ihn über 200'000 Besucher. Ötzi ist eine Marke.
Gestern wurde nun aus dem Kultobjekt auf der Leichenbahre offiziell ein Mensch. Das Magazin «National Geographic Deutschland» hatte sich die Exklusivrechte vom Museum verschafft und durfte als Erstes zeigen, wie Ötzi ausgesehen haben könnte. Der Mensch Ötzi wird dann ab nächster Woche in einer Sonderausstellung in Bozen zum 20-Jahr-Jubiläum der Star sein.
Ötzi war etwa 70 Jahre alt
«Es schaudert einen fast, wie natürlich die Rekonstruktion ist», sagt Angelika Fleckinger, Direktorin des Archäologiemuseums. Ötzi ist einer von uns geworden: «Er würde in der Stadt nicht auffallen.» Ein zäher Bursche ist er, hager ist sein Gesicht, etwas eingefallen seine Wangen und gezeichnet vom rauen Klima der Ötztaler Alpen. Würde man ihm heute begegnen, sein Alter würde etwa um die 70 Jahre geschätzt. Untersuchungen der Knochen ergaben, dass Ötzi mit etwa 45 Jahren gestorben ist – steinalt für einen Menschen, der in der Kupferzeit vor 5000 Jahren lebte.
Hilfe aus dem Maschinenbau
Dass ausgerechnet Niederländer den Mann aus den Alpen rekonstruierten, ist Zufall. Die Zwillingsbrüder Ad und Alfons Kennis beschäftigen sich seit langem mit der Anatomie von Urmenschen, vom frühen Homo erectus bis hin zum Neandertaler. Die «Paläo-Künstler» liessen jedoch ihrer Fantasie nicht einfach freien Lauf. Für Ötzi hielten sie sich an die wissenschaftlichen Fakten. Zur Rekonstruktion des Schädels und des Gesichts konnten sie sich auf ein Kunststoffmodell stützen, das Wissenschaftler der Medizinischen Universität Innsbruck bereits in den 90er-Jahren anhand von Daten durch die Computertomografie anfertigten. Dieses Herstellungsverfahren kam damals ausschliesslich im Maschinenbau zum Einsatz. Die Ötzi-Forschung in Innsbruck half mit, dass derartige Schädelmodelle heute in der plastischen Chirurgie zur Operationsvorbereitung Standard sind.
Auch die Augenfarbe wurde keineswegs der künstlerischen Freiheit überlassen. Wissenschaftler des Instituts für Mumien und für den «Iceman» an der Europäischen Akademie (Eurac) in Bozen und Forscher der Universität Tübingen entzifferten im vergangenen Sommer das Erbgut von Ötzi. Als Probe diente ein kleines Knochenstück aus dem Becken. Dabei entdeckten sie: Die Augen des Eismannes sind nicht blau, wie die bisherige Figur im Museum suggerierte, sondern braun. Das Stereotyp eines Bergmannes verlangt einen struppigen Bart. Doch auch der ist wissenschaftlich fundiert. An der gefriergetrockneten Leiche entdeckten die Archäologen Bart- und Kopfhaare.
Rekonstruktionen sind heikel
«Ötzi lebt!», titelt «National Geographic». Ist das tatsächlich der Eismann, den ein Ehepaar auf einer Bergwanderung in den Ötztaler Alpen 1991 entdeckte? Hatte er diese Hautfarbe? Aus der Analyse des Genoms kann man laut Eurac-Leiter Albert Zink zumindest herausfinden, ob Ötzi eine schwarze oder eine weisse Hautfarbe hatte. Die Brüder Kennis hielten sich an die lebenden Alpenbewohner in Österreich, Italien und der Schweiz.
Für den Zürcher Mumienforscher Frank Rühli sind Rekonstruktionen grundsätzlich heikel. «Es gibt bei den meisten Mumien keine Aussagen darüber, ob sie Krähenfüsse hatten oder wie genau die Behaarung war», sagt der Leiter des Zentrums für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich. Das seien alles charakteristische Merkmale, die ein Gesicht prägten. Der Mediziner hatte vor fünf Jahren in einem internationalen Forscherteam in Bozen Ötzi computertomografisch untersucht (s. Text unten). Beim Mann aus den Alpen ist die Datenlage im Vergleich zu anderen Mumien laut Rühli sehr gut. «Er hat gut erhaltene Weich- und Knorpelteile, die Ohren sind vorhanden – die Nasenspitze, allerdings etwas flach gedrückt.» Die Weichteile sind entscheidend bei Rekonstruktionen. Und hier stellt sich auch das Problem: «Wir wissen nicht, in welchem Ausmass sie bei Mumien schrumpfen – es hängt vom Fettgehalt und der Muskelverteilung ab», sagt Rühli. Das versuchen nun Wissenschaftler in seinem Institut herauszufinden. Eine Verfechterin von Rekonstruktionen ist hingegen Angelika Fleckinger vom Archäologischen Museum in Bozen: «Sie müssen aber wissenschaftlich fundiert sein.»
Die Künstler haben nicht nur das Gesicht rekonstruiert. Die Daten der Computertomografie erlaubten es, den ganzen Torso realistisch nachzubilden. So wird ab nächster Woche der Mensch Ötzi in seiner ganzen Grösse die Museumsbesucher empfangen: 1,60 Meter gross und 50 Kilogramm schwer war er in der Kupferzeit. Die Mumie ist heute 6 Zentimeter kürzer und wiegt noch 13 Kilogramm. Und Ötzi wird angezogen sein, wie man sich das anhand der Funde vorstellen kann: Mütze, Grasumhang, Beinkleider, Fellmantel, Schuhe.
Noch lange nicht alles geklärt
Für die Archäologen war das brutale Schicksal Ötzis – er wurde mit grosser Wahrscheinlichkeit hinterhältig mit einem Pfeil erschossen – ein Glücksfall. Bisher mussten die Forscher mit Funden aus Siedlungen und Gräbern vorliebnehmen. Dank der Bekleidung und der Ausrüstung konnten sie nun ein Stück Alltagsleben in der Kupferzeit nachzeichnen. Die entdeckte Bekleidung gehört heute noch zu den einzigen kupferzeitlichen Kleiderfunden.
So «lebendig» Ötzi nun geworden ist – viele Fragen sind offen, die Forscher haben noch viel zu tun. War der Eismann Hirte oder Bauer? Die schwielenlosen Hände sprechen dagegen. War er Händler? Es fehlte das Handelsgut. In seinen Haaren fand man Spuren von Arsen, das beim Schmelzen von Kupfer frei wird. Vielleicht war er Schmied. «Auch wissen wir nicht, was vor seinem Tod genau passierte und warum er unterwegs war», erklärt Angelika Fleckinger. «Menschen lieben es, wenn es noch ein paar Geheimnisse gibt.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.02.2011, 06:51 Uhr
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