«Der Führer ist sehr sympathisch»
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 17.11.2009
Der italienische Revisionismus erleidet einen Rückschlag. Nach etlichen Jahren der schleichenden Rehabilitierung und Verharmlosung Benito Mussolinis kommen nun in einigen Tagen die Notizen und Tagebücher seiner Geliebten Clara Petacci an die Öffentlichkeit. Sie zeichnen das Bild eines ruchlosen, rassistischen und tiefgründig antisemitischen Herrschers. Der «Corriere della Sera» publizierte am Montag Auszüge aus «Mussolini segreto» (Verlag Rizzoli), einem Buch des Mailänder Journalisten Mauro Suttora. Der hat das Material, das seit Jahrzehnten im Staatsarchiv gehortet und wegen eines Streits mit der Familie Petacci nicht früher veröffentlicht worden war, gesichtet, studiert und zusammengestellt.
Die überlieferten Zitate des Duce stammen aus dem Jahr 1938, zum Beispiel jenes über die stolze Vorherrschaft unter Rassisten: «Ich war schon 1921 ein Rassist. Ich verstehe nicht, wie man behaupten kann, dass ich Hitler imitiere, der war damals noch gar nicht geboren. Ist doch zum Lachen. Man muss den Italienern das Bewusstsein für die Rasse geben, damit sie keine Mischlinge schaffen, dass sie nicht das Schöne zerstören, das in uns ist.»
Stahlfaust gegen Juden
Über sein Verhältnis zu Hitler nach der Konferenz von München 1938 sagte Mussolini: «Der Führer ist sehr sympathisch. Hitler ist ja eigentlich ein grosser Romantiker. Als er mich sah, hatte er Tränen in den Augen. Er mag mich wirklich sehr. »
Über die Juden: «Diese abscheulichen Juden, ich muss sie alle vernichten. Ich werde ein Massaker anrichten, wie es die Türken taten. Ich habe 70'000 Araber verbannt, ich werde doch 50'000 Juden verbannen können. Ich schliesse sie alle ein auf einer kleinen Insel. Sie sind Aase, Feinde und Feiglinge. (...) Sie werden noch sehen, wozu die Stahlfaust Mussolinis fähig ist. Die Italiener müssen endlich einsehen, dass sie sich nicht mehr ausnützen lassen dürfen von diesen Reptilien.»
Paar in Mailand aufgehängt
Die Zitate korrigieren die These, wonach Mussolini ein «sanftmütiger Herrscher» gewesen sei, wie ihn Italiens Premier Silvio Berlusconi vor einigen Jahren beschrieben hat. Es hiess zuletzt auch, der Faschistenführer sei von Zweifeln zerfressen gewesen, als er die Rassengesetze erlassen habe. Und er habe den Nazis misstraut.
Doch wie glaubwürdig sind die Notizen einer Geliebten, die selber oft betrogen wurde? Der «Corriere della Sera» verweist darauf, dass die Dokumente im Gegensatz etwa zu den angeblichen Tagebüchern Mussolinis, die Berlusconis Freund Marcello Dell’Utri unlängst gefunden haben wollte, immerhin im Staatsarchiv lägen – ein Gütesiegel. Und die Zeitung fragt: «Warum hätte der Duce seine politischen Urteile vor Claretta verfälschen sollen?»
Clara Petacci starb 33-jährig an einer Kugel, die ihrem viel älteren Geliebten gegolten hatte. Kurz darauf wurde auch Mussolini getötet. Der Mob hängte die beiden am 29. April 1945 nebeneinander auf, an den Füssen festgemacht, auf dem Mailänder Piazzale Loreto. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2009, 10:06 Uhr









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