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Der Jahrhundertpapst

Von Michael Meier. Aktualisiert am 20.04.2011 12 Kommentare

Mit Papst Johannes Paul II. spricht Benedikt XVI. am 1. Mai eine historische Figur selig. Nach dem Fall des Kommunismus war er beseelt von der Idee eines christlich geeinten Europa.

Reagan erkannte, dass der polnische Papst für das Sowjetsystem gefährlich war: Johannes Paul II. bei einer Seligsprechung im September 1999. Er war von 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 das Oberhaupt der katholischen Kirche.

Reagan erkannte, dass der polnische Papst für das Sowjetsystem gefährlich war: Johannes Paul II. bei einer Seligsprechung im September 1999. Er war von 1978 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 das Oberhaupt der katholischen Kirche.
Bild: AFP

Der tugendhafte Papst deckte Kinderschänder

Johannes Paul II.

Wer das Pontifikat von Johannes Paul II. nur aus der politischen Optik beurteilt, neigt dazu, den Papst zu idealisieren.

Dabei ist die politische Bedeutung eines Menschen für seine Seligsprechung gar nicht relevant. Massgebend ist vielmehr sein moralischer Lebenswandel, sein heroischer Tugendgrad und ein anerkanntes Wunder. Der amtierende Papst Benedikt XVI. bestätigte im Januar die angebliche Wunderheilung der Ordensfrau Marie Simon Pierre. Die Frau sei dank der Fürbitten von Johannes Paul II. von der Parkinson-Krankheit geheilt worden. Ärzte zweifeln allerdings daran, dass sie jemals daran gelitten hatte.

Kritik aus den USA

Bereits im Dezember 2009 anerkannte Benedikt den heroischen Tugendgrad seines Vorgängers. Gegen diese Würdigung laufen seit letztem Jahr vor allem angelsächsische Medien Sturm, von der «New York Times» bis zum «National Catholic Reporter».

Dort verfasste Jason Berry Anfang Jahr den Artikel «Whitewashing John Paul’s Culpability». Er wirft Benedikt vor, schon zwei Monate nach dem Tod seines Vorgängers dessen Seligsprechungsprozess eingeleitet zu haben, statt die vorgeschriebene Wartefrist von fünf Jahren abzuwarten. Denn just fünf Jahre nach seinem Tod, im Jahre 2010, wurde das ganze Ausmass des Missbrauchsskandals sichtbar. Deren prominenteste Täter hatte Johannes Paul II. jahrelang gedeckt. Etwa den pädophilen Wiener Kardinal Hans Hermann Groer oder Bischof Lawrence C. Murphy, der an einer Schule für gehörlose Kinder im US-Bundesstaat Wisconsin gegen 200 Buben missbrauchte. Der frühere «Focus»-Auslandchef Hanspeter Oschwald schrieb noch im Dezember, dass Johannes Paul II. wegen seiner Freundschaft mit dem Mexikaner Marcial Maciel, dem Gründer der einflussreichen Legionäre Christi, niemals seliggesprochen werden könne. Erst nach dem Tod von Johannes Paul II. überredete Benedikt den notorischen Kinderschänder Maciel zum Rückzug aus der Öffentlichkeit. Obwohl seit 1997 bekannt war, dass er Dutzende Seminaristen missbraucht hatte, lobte Johannes Paul II. Maciel als Vorbild der Jugend. Die beiden wohlhabenden Geliebten von Priester Maciel, Blanca Gutierrez Lara und Norma Hilda Banos, sponserten die fünf Reisen des Papstes nach Mexiko. Maciel hatte mit den beiden Frauen drei Kinder, darunter einen Sohn, den er ebenfalls missbrauchte. (mm)

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Johannes Paul II. scheint man nur mit Superlativen und Ausnahmekategorien gerecht zu werden. So ist er der erste Papst, der von seinem unmittelbaren Nachfolger seliggesprochen wird. Angespornt von den «Santo subito»-Rufen des Kirchenvolks, hat Benedikt XVI. für seinen Über-Vater das kürzeste Seligsprechungsverfahren der neueren Kirchengeschichte durchgezogen.

Johannes Paul II. war ohne Zweifel eine historische Figur. Der erste Papst aus Polen, im Oktober 1978 auf den Stuhl Petri berufen, hatte die Weltbühne ganz selbstverständlich in Beschlag genommen. Sein Pontifikat war politischer als jedes andere im 20. Jahrhundert. Er hat sich selber als eine Art Weltgewissen verstanden. Für viele ist er der Pole geblieben, der wesentlich zum Einsturz des kommunistischen Ostblocks beigetragen hat.

Als Messias in Polen

Auftakt dazu war seine erste triumphale Reise in die polnische Heimat im Juni 1979. Auf dem Warschauer Siegesplatz liess sich der Pontifex feiern wie ein Messias. Nur Monate später gründete ein arbeitsloser Elektriker in der Danziger Leninwerft Polens erste freie Gewerkschaft, Solidarnosc. Das Bild der Schwarzen Madonna von Tschenstochau am Revers von Lech Walesa war das Zeichen dafür, dass hier Arbeiter revoltierten, die gegen den Kommunismus und für die Kirche waren.

Zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan unterstützte Johannes Paul II. Solidarnosc als Speerspitze gegen den maroden Sowjetkommunismus. Politische Biografen sprechen gar von einer geheimen Allianz zwischen dem Heiligen Stuhl und dem US-Präsidenten. In der ersten Hälfte der 80er-Jahre soll CIA-Chef William Casey dem Kirchenoberhaupt wiederholt nachrichtendienstliche Erkenntnisse über Polen präsentiert haben. Reagan wollte über Walesas Solidarnosc Polen aus dem Verbund der Warschauer-Pakt-Staaten lösen. Er erkannte, dass der polnische Papst für das Sowjetsystem gefährlicher war als seine in Europa stationierten Mittelstreckenraketen.Zufall oder nicht: Reagan und Johannes Paul II., beide Ex-Schauspieler und überzeugte Antikommunisten, wurden innerhalb von nur sechs Wochen durch Schüsse eines Attentäters getroffen. Für viele lag es auf der Hand, dass hinter dem Mordanschlag auf den Pontifex am 13. Mai 1981 die Sowjets oder ihre Verbündeten standen.

Das Schlüsseljahr 2000

Der Sieg der Gewerkschaft Solidarnosc bei den Parlamentswahlen im Juni 1989 löste im ganzen Ostblock eine Schockwelle aus. Die Behauptung, der Polen-Papst habe zur Implosion des gesamten Warschauer Pakts beigetragen, gehört nach Ansicht des Slawistik-Professors Daniel Weiss allerdings ins Reich der Legenden. Der Solidarnosc-Funke sei nicht auf die sozialistischen Bruderstaaten übergesprungen. Der polnische Massenaufbruch 1980 sei nicht ursächlich, wohl aber als Symptom des beginnenden Zerfalls von Bedeutung gewesen.

Johannes Paul II. selber schrieb sich mit stolzer Demut eine historische Rolle an der grossen Wende zu. «Ich habe das nicht veranlasst. Der Baum war schon in seinem Inneren verfault. Ich habe ihn nur ordentlich geschüttelt, und dabei sind die verfaulten Äpfel heruntergefallen.»Jedenfalls erkannte Karol Wojtyla in seinem Schicksal, der Papst des ausgehenden zweiten Jahrtausends und dazu noch ein Papst aus Polen zu sein, die göttliche Vorsehung. Sein apokalyptischer Marienglauben bestätigte ihn in seinem Glauben, dass ihn die Gottesmutter von Fátima vor den Schüssen seines Attentäters Ali Agca gerettet hatte.

Komplize Reagans

Dieser hatte den Papst am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz schwer verletzt – exakt am Jahrestag der von ihm so verehrten Jungfrau von Fátima, die 1917 die Bekehrung Russlands gefordert hatte. Johannes Paul II. inszenierte das Heilige Jahr 2000 als Ziel- und Angelpunkt seines Pontifikats, als heiliges Wendejahr der Christenheit. Mit einem grossen «Mea Culpa» wollte er die Kirche von ihren Sünden reinigen. In der Erklärung «Dominus Jesus» schrieb er, dass sich das volle Heil allein im Christentum finden lasse; alle übrigen Religionen bezeichnete der Papst als «schwer defizitär». Nichtsdestotrotz lud er deren Führer 1986 und 2002 zu interreligiösen Treffen nach Assisi ein. Als medienwirksame Events erwiesen sich auch die Weltjugendtage und anderen Glaubensspektakel, mit denen der Papst äusserst erfolgreich den Zeitgeist bediente. Kaum eine andere Figur hat im 20. Jahrhundert so grosse Massen mobilisiert wie Johannes Paul II.

Der neokonservative Journalist Jan Ross spricht denn auch von einem «XXL-Pontifikat», von der «Kingsize-Dimension eines planetarischen Pontifikats». In der Tat: Johannes Paul hatte in 27 Jahren 128 Länder bereist, 247'613 Kilometer zurückgelegt, 1800 Menschen selig- und heiliggesprochen, 14 Enzykliken und 42 Apostolische Briefe verfasst – das alles mit dem Ziel, die gottlose Welt und das postkommunistische Europa zu verchristlichen. Seine Armada im Dienste der Neuevangelisierung waren dabei nicht die traditionellen Orden, sondern die neuen Bewegungen wie Legionäre Christi, Focolarini oder das Opus Dei. Wojtyla hatte immer gehofft, der Kommunismus würde dereinst von einer sozialen Demokratie christlicher Inspiration abgelöst, von jenem dritten Modell jenseits von Kommunismus und Liberalismus, welches die katholische Soziallehre propagiert. Doch der unbändig freiheitliche Westen, den er dauernd ins Gebet nahm, machte seinen messianischen Traum zunichte. Verhängnisvoll war, dass der Papst nicht zwischen den Spielarten des Marxismus differenzieren wollte. Er reduzierte sie alle auf das real existierende Sowjetmodell. So wurde er auch in der Mittelamerika-Politik zum Komplizen Reagans, der die sandinistisch-sozialistische Regierung Nicaraguas mit der Contra-Armee stürzen wollte. Beiden, dem Papst wie dem Präsidenten, waren die Befreiungstheologen ein Dorn im Auge.

Keine Plattform für Politik

Johannes Paul II. verlangte von den Geistlichen in der sandinistischen Regierung, allen voran vom Trappistenmönch im Amt des Kulturministers, Ernesto Cardenal, dass sie ihre Funktionen niederlegten. Die Kirche dürfe nicht als politische Plattform missbraucht werden, donnerte Wojtyla – ausgerechnet er, der seine eigene politische Mission als pastorales Programm ausgab.

Noch ein Widerspruch kennzeichnete sein Pontifikat: Den Diktatoren dieser Welt von Fidel Castro bis Saddam Hussein predigte er gerne die Menschenrechte, welche er in den eigenen Reihen einfach überging. Ohne Prozess verurteilte er missliebige Theologen, von Küng bis Boff, von Gaillot bis Drewermann. Bei der kirchlichen Frauenförderung machte Marienverehrer Wojtyla Tabula rasa und verbot das Frauenpriestertum ein für alle Mal.

Die Kultur des Todes

Sein gebrochenes Verhältnis zu Freiheit und Selbstbestimmung zeigte sich ausgeprägt in seiner Sexualmoral, namentlich im unbarmherzigen Umgang mit Homosexuellen, «Autoeroten» oder Wiederverheiratet-Geschiedenen. Trotz Bevölkerungsexplosion und Aids verurteilte der Pontifex die Abtreibung, die Benützung von Kondom und Pille als Todsünden. Er, der sich als oberster Hüter des Glaubens und der Moral verstand, geisselte 1995 in der Enzyklika «Evangelium vitae» die Kultur des Todes als Ausgeburt des westlichen Konsumismus und Hedonismus.

Noch kurz vor seinem Tod im April 2005 beklagte Johannes Paul II. die «stille Apostasie», den lautlosen Abfall vom Glauben des einst christlichen Europa.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2011, 20:56 Uhr

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12 Kommentare

René Schumacher

20.04.2011, 09:34 Uhr
Melden 14 Empfehlung

Diese Seligsprechung ist nur ein weiterer Mosaikstein zur Zuzementierung der katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI unterlässt nichts, um so rasch wie möglich ins Mittelalter zurückzukehren. Die Liste der konservativen Bestrebungen ist unendlich. Hoffnung auf eine weltoffene Kirche, mit Blick auf eine der Moderne angepassten Zukunft, können wir begraben. Antworten


Peter Steiner

20.04.2011, 09:55 Uhr
Melden 10 Empfehlung

Ein Vorbild für uns alle! Antworten



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