Der Mythos vom ältesten Gewerbe

Dass die Prostitution das älteste Gewerbe der Menschheit sein soll, ist unwahrscheinlich. Erste schriftliche Quellen stammen aus dem antiken Griechenland und sind rund 2500 Jahre alt.

Erotische Szene auf einem Fresko der römischen Stadt Pompeji, die 79 n. Chr. unterging.<br />Foto: Erich Lessing (Culture and Fine Arts Archives)

Erotische Szene auf einem Fresko der römischen Stadt Pompeji, die 79 n. Chr. unterging.
Foto: Erich Lessing (Culture and Fine Arts Archives)

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Die Frage, wie eine Gesellschaft mit der Prostitution umzugehen habe, treibt zurzeit halb Europa um. Soll man den Frauen zu bestmöglichen Arbeitsbedingungen verhelfen, soll man die Freier bestrafen, soll man Bordelle oder den Strassenstrich oder gleich beides verbieten? Und regelmässig wird bei diesen Diskussionen darauf hingewiesen, dass es sich bei der Prostitution um ein uraltes Geschäft handelt, um das sprichwörtlich «älteste Gewerbe», und ebenso gern verweist man auf die angebliche Entwicklung der heutigen Prostitution aus der antiken Tempelprostitution.

Beides, sowohl das hohe Alter wie der Hinweis auf den sakralen Ursprung, weisen unterschwellig darauf hin, dass es die Prostitution schon immer gab, dass sie sozusagen zum Menschsein gehört und deshalb unabänderlich ist und sogar einen sakral-religiösen Aspekt hat. Womit sie quasi legitimiert ist.

«Die Aussage des ‹ältesten Gewerbes› ist ein Allgemeinplatz, der von der heutigen Situation ablenken soll», sagt die Historikerin Caroline Arni von der Universität Basel. Denn offensichtlich gibt es ältere Gewerbe als die Prostitution, die in Europa erstmals im 6. Jahrhundert v. Chr. schriftlich nachgewiesen wurde. «Es war der Staatsmann Solon, der in Athen das erste Bordell einrichtete», sagt die Althistorikerin Tanja Scheer von der Universität Göttingen. In diesem Bordell arbeiteten allerdings nur Sklavinnen; undenkbar, dass sich eine Frau aus dem athenischen Bürgerstand prostituierte.

Geduldet und verachtet

Die Prostitution ist aber wohl älter. Es ist zu vermuten, dass die Anfänge mit der Sklaverei in Zusammenhang stehen. Sklavinnen waren rechtlose Frauen und Eigentum ihres Besitzers, der sie nach Belieben verwenden konnte. Er konnte sie selber «gebrauchen» oder gegen Geld oder Naturalien an andere Männer ausleihen. Sie rekrutierten sich als Kriegsbeute aus den unterworfenen Völkern, waren ausgesetzte bürgerliche Mädchen oder Töchter von Sklavinnen.

Ältere Erwähnungen von Prostitution sind nicht gesichert. Die Nennung der Dirne Schamchat im Gilgamesch-Epos aus dem mesopotamischen Raum, das ins 2., vielleicht gar 3. Jahrtausend vor Christus zurückgeht, wird in der modernen Forschung als Übersetzungsfehler aus dem 19. Jahrhundert betrachtet, als die Forscher den Orient noch als den Ursprung alles Exotisch-Perversen betrachteten.

In Athen galten Prostituierte in den Augen der Stadtbürger als verachtenswert, der Umgang mit ihnen war aber geduldet, weil er die Ehefrauen «entlastete» und den jungen Männern sexuelle Erfahrungen ermöglichte, was mit einer freien Bürgerin nicht möglich war. Prostituierte waren billig, so billig, dass sich sogar Sklaven ihre Dienste kaufen konnten. Viel teurer waren die Dienstleistungen der sogenannten Hetären, die auch tanzen und musizieren konnten. Von der älteren Forschung wurden sie euphemistisch zu Gefährtinnen hochstilisiert, die weniger Sex als intelligente Unterhaltung verkauften. Die moderne Forschung sieht das nüchterner: «Auch sie waren meist Sklavinnen, die einen Körper verkauften, der ihnen nicht gehörte», gibt Scheer zu bedenken. Und als Sklavinnen waren auch sie rechtlos und auf den Schutz ihrer «Gönner» angewiesen.

Ebenfalls aufgeräumt hat die neuere Forschung mit der Tempelprostitution. Wie Tanja Scheer aufzeigen konnte, gibt es keine stichfesten Beweise dafür, dass sich Frauen in einem religiösen Kontext prostituierten. Selbst was genau unter diesem Begriff zu verstehen ist, bleibt laut Scheer diffus. Ist damit einmal der Geschlechtsverkehr gegen Entgelt in einem Tempel gemeint, so stellt man sich in anderen Fällen Prostitution mit Priestern oder zwischen Priester und Priesterin vor, oder auch eine von Priestern organisierte Prostitution zu Ehren einer Gottheit. Lediglich in Indien können – noch heute – Strukturen beobachtet werden, die einer Tempelprostitution nahekommen. In der europäischen Antike hingegen existierte sie nicht. Es handelt sich vielmehr um ein Anfang des 20. Jahrhunderts konstruiertes Fantasiegebilde, vielleicht ein männlicher Wunschtraum?

Dirnen zahlten Steuern

Die Prostitution in Rom ähnelte in vielem derjenigen in Griechenland. Auch hier arbeiteten in der Regel Sklavinnen, deren Besitzer als Zuhälter fungierten. Der Gang zur Dirne, die in Bordellen, Gasthäusern oder auf der Strasse arbeitete, war gesellschaftlich akzeptiert, alltäglich und hatte keinen schlechten Ruf; die Frau hingegen, die diese Dienste anbot, galt als ehrlos und schmutzig. Sie musste sich registrieren lassen und Steuern bezahlen. Da die römische Ehe in erster Linie zur Produktion von Erben und nicht zwecks Lustgewinn geschlossen wurde, wurde es als normal empfunden, dass Männer, auch Sklaven, ins Freudenhaus gingen. Der Verkehr mit einer Prostituierten galt nicht als einklagbarer Ehebruch. Vermögende Römer hingegen leisteten sich für den Hausgebrauch eine oder gleich mehrere Maitressen. Eine Maitresse konnte aber bei aller Zuneigung ihres Liebhabers nie hoffen, dass er sie heiraten würde; eine Heirat zwischen einem römischen Bürger und einer Sklavin oder Freigelassenen war undenkbar.

Dank vielen literarischen Quellen und bildlichen Darstellungen, zum Beispiel in Pompeji, ist man heute über die Prostitution und deren Praktiken im römischen Imperium gut unterrichtet. Allerdings stammen alle Schriftquellen – und wohl auch die Bilder – von Männern einer strikt patriarchalischen Gesellschaft; was die Frauen von den «Freuden» der Prostitution hielten, ist nicht bekannt. Die überlieferten abschätzigen Bezeichnungen der Bordelle und der dort arbeitenden Frauen zeugen jedenfalls von wenig Respekt und viel Verachtung. Erst in der Spätantike, unter dem Einfluss des Christentums, gab es Versuche, die Prostitution einzudämmen, was aber nicht gelang.

Fazit: Die Ursprünge der Prostitution liegen im Dunkeln. Sie als «ältestes Gewerbe» zu bezeichnen, ist unkorrekt und verharmlosend. Vermutlich verläuft ihre Entwicklung parallel zur Sklaverei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.12.2013, 11:54 Uhr)

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