Der lange Kampf, bis die Schweizer es schnallten
Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 14.07.2011 75 Kommentare
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Hätte der schwedische Tüftler und Volvo-Ingenieur Nils Bohlin als Wissenschaftler gearbeitet, wäre ihm ein Nobelpreis wohl gewiss gewesen. Mehr als einer Million Menschen, grob geschätzt, hat seine Erfindung das Leben gerettet: ein Gurt aus mehreren Einzelsträngen, die das Becken umschliessen und diagonal über den Oberkörper laufen, fixiert an drei Stellen – der Drei-Punkt-Gurt also, der schon im August des Jahres 1959 mit einem Volvo-Modell in Serie ging.
Ganz neu war die Idee, Autofahrer mit einem Gurt zu sichern, schon damals nicht. Und doch sollte es noch viele Jahre dauern, bis die Schweizer Automobilisten von Amts wegen verpflichtet wurden, sich auf dem Vordersitz ihres Gefährts anzuschnallen – nicht zuletzt wegen einer hartnäckigen Oppositionsbewegung, deren Erfolg aus heutiger Sicht fast irrational erscheint.
Wegen einer Busse vor die höchsten Richter
Ein Zeitzeuge des Streits um die Gurtpflicht war Raphael Huguenin, der seinerzeit bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) für die Kampagne zugunsten des neuen Sicherheitselements zuständig war. In der Radiosendung «Zeitblende» auf dem Sender DRS 4 erinnerte er sich kürzlich im Gespräch mit dem Moderator an den Meinungskampf, der dem endgültigen Entscheid für die Anschnallpflicht ab dem 1. Juli 1981 vorausging.
Freiheit oder Zwängerei – frei nach diesem Motto wurde die Schlacht seinerzeit ausgetragen. Nachdem der Bundesrat das «Gurten-Obligatorium» zunächst per Verordnungserlass eingeführt hatte, provozierte ein hartnäckiger Walliser wegen einer Busse in Höhe von 20 Franken einen Rechtsstreit, der schliesslich das Bundesgericht beschäftigte. Und die höchsten Richter entschieden, dass die Regierung die Anschnallpflicht nicht per Verordnung hätte einführen dürfen.
Ein knapper Sieg für die Befürworter
So wurde anno 1979 das Strassenverkehrsgesetz entsprechend geändert – und zwangsläufig folgte ein Referendum, begleitet von einem harten Abstimmungskampf. Auf der einen Seite die Befürworter wie der damalige Bundesrat Kurt Furgler, der in einer Rede, die von den DRS-Mitarbeitern in den Archiven aufgestöbert wurde, leidenschaftlich über «vorgefasste Meinungen» klagte. «Höchst bedauerlich» sei dieser Streit, erregte sich der CVP-Politiker.
Auf der anderen Seite gingen die Gurt-Gegner ebenso bissig zu Werke – mit Argumenten zu technischen Risiken, zu medizinischen Gefahren und zu psychologischen Aspekten, die teils freilich vorgeschoben waren und allesamt im Dienste der Ablehnung standen, wie Huguenin in der Radiosendung erzählte. Am Ende waren sie allesamt nutzlos: Die Abstimmung ging zugunsten der Ja-Fraktion aus, mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,5 Prozent. Bald darauf hatte sich die Quote der angeschnallten Autofahrer verdoppelt – ein Anzeichen, dass die demokratischen Verfahren damals einen Konsens produzierten.
Tief sitzende Ängste auch in Deutschland
Heftigen Widerstand gab es nicht nur in der Schweiz. Obwohl die Autofabrikanten schon seit 1974 verpflichtet waren, Sicherheitsgurte einzubauen, schnallten sich die Autofahrer nur ausnahmsweise an. Und obwohl im Jahr 1971 mehr als 21'300 Menschen auf deutschen Strassen tödlich verunglückt waren, blieb die Skepsis weit verbreitet und tief verwurzelt – wohl wegen der unangenehmen Vorstellung, dem Automobil durch den Gurt ausgeliefert zu sein. Ein Titelbild des «Spiegels» vom Dezember 1975 dokumentierte die Ängste drastisch: Es zeigte eine Frau mit blutendem Gesicht und der Schlagzeile «Gefesselt ans Auto – Anschnall-Pflicht ab Januar».
Die deutschen Autofahrer, sonst als obrigkeitsgläubig verschrien, blieben freilich bei ihrem passiven Widerstand. Im Stadtverkehr schnallte sich laut Zeitungsberichten auch drei Jahre später weniger als die Hälfte von ihnen an. Die Quoten stiegen erst dann deutlich, als der Gesetzgeber Ernst machte und ein lange angedrohtes Bussgeld verhängte – in der Höhe von immerhin 40 Mark.
Immer mehr gesetzestreue Automobilisten
Mittlerweile liegt der Anteil Angeschnallter auf deutschen Strassen bei bis zu 95 Prozent. In der Schweiz dagegen waren es im Jahr 2000 nur 77 Prozent und 2003 dann 86 Prozent – wobei die Tessiner und Romands mit 63 beziehungsweise 73 Prozent noch immer weniger gesetzestreu erschienen. Und so verwundert nicht, dass der Bund noch bis 2009 für den Sicherheitsgurt warb – mit der Kampagne «Ein Band fürs Leben», die laut der BfU «bewusst auch Emotionen wecken» sollte.
Der Erfolg der Aktion war freilich begrenzt, wie die BfU bei einer repräsentativen Zählung im vergangenen Jahr feststellte. Schweizweit schnallen sich demnach 88 Prozent der Fahrer und 89 Prozent der Beifahrer an – weniger also als beim nördlichen Nachbarn, doch jeweils ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Auch auf den hinteren Rängen scheint sich der Gurt nach 30 Jahren allmählich durchzusetzen: Auf Rücksitzen erhöhte sich die Quote laut BfU von 68 auf 74 Prozent. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.07.2011, 13:08 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
75 Kommentare
Viele politische Auseinandersetzung wirken, nach einer gewissen Zeit und mit einer emotionalen Distanz, absurd. Aktuelles Beispiel welches auch in diese Kategorie fallen wird: Es gibt tatsächlich noch Personen die gegen einen Atomausstieg sind. Antworten
20 Jahre bin ich ohne Sicherheitsgurte gefahren, einfach weil sie mich störrte und weil ich überzeugt war mit meiner Fahrweise hätte ich "es" im Griff. Vor einigen Jahren sass ich im Stau, als mich ein Auto von hinten an das vordere Auto rammte....... Mein Auto erlitt Totalschaden, ich einen 10cm langen Schwartenriss am Kopf, blutüberströmt im Spital. Seither fahre ich nicht mehr oben ohne..... Antworten

Bitte warten





