Die Botschaft des Geheimordens ans Schweizer Volk
Von David Vonplon. Aktualisiert am 04.12.2009
Die Rosenkreuzer
In den Geschichtsbüchern tauchen die Rosenkreuzer erstmals im Jahr 1614 auf. In drei Manifesten stellt sich die Bruderschaft der «Rosicrucianer» vor und spricht darin von ihrem Gründer mit den Initialen C.R; es ist die esoterische Figur Christian Rosenkreuz, der von 1378 – 1484 gelebt und den Orden der Legende nach gegründet haben soll. Die Heilslehre des Geheimbunds, ein Gebräu aus alchemistischen, okkulten, hermetischen und kabbalistischen Weisheiten, werde die Welt erleuchten, heisst es in den Schriften, und den Regierenden die Wege der Weisheit und Güte aufzeigen. Allein, worin genau die Heilslehre bestand, das verrieten die Verfasser der Manifeste nicht. Das änderte aber nichts daran, dass sich die Manifeste wie ein Lauffeuer in ganz Europa verbreiteten. Nicht weniger als 400 Drucke erscheinen von 1614-1625, welche die Lehre und Existenz der Rosenkreuzer behandelten.
Im 18. Jahrhundert erleben die Rosenkreuzer eine neuerliche Blüte. Britische Astrologen und Alchemisten liessen den Orden in anderer Gestalt wieder aufleben und nahmen Einfluss auf die damals entstehende Freimaurerei. Zu dieser Zeit standen sich Freimaurer und Rosenkreuzer sehr nahe, was erklärt, weshalb einer der höchsten Freimaurergrade der eines Ritter vom Rosenkreuz ist. Heute gibt es keine Verbindungen mehr zwischen den beiden Organisationen. In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts begannen verschiedenste esoterische Gruppierungen, den Begriff Rosenkreuzer für sich in Anspruch zu nehmen sowie das Wissen des geheimen Ordens. Eine davon ist die Vereinigung AMORC, die heute als grösste heutige Rosenkreuzer-Gemeinschaft gilt.
Laut Relinfo, der Website des Sektenexperten Georg Schmid, zählt der Bund in 80 Ländern Mitglieder. Wie stark der Orden in der Schweiz verbreitet ist, bleibt weitgehend im Dunklen. Schätzungen gehen von 250 Mitgliedern aus. Zusammenkünfte von AMORC-Rosenkreuzer gibt es in den Städten Basel, Bern, St. Gallen, Winterthur und Zürich.
«Wenn du dies beherzigst, wird man Dich als Weisen bezeichnen, denn Weisheit ist gleichbedeutend mit der Anwendung dieser Tugenden…». In der «Neuen Zürcher Zeitung» wie auch in der Gratiszeitung «20 Minuten» fanden sich in den letzten Wochen mehrere rätselhafte ganzseitige Anzeigen. Darin propagiert eine Vereinigung namens «Rosenkreuzer AMORC» ihre ethischen Grundsätze. Sie wollen «gegen das weltweit vorhandene Ungleichgewicht zwischen den Rechten und Pflichten des Menschen» ein Zeichen setzen.
Den Lesern der Romane von Dan Brown dürfte die geheimnisvolle Gefolgschaft bekannt vorkommen: Dort treten die Rosenkreuzer im Dunstkreis der Tempelritter und Illuminati auf; und um sie ranken allerhand Verschwörungstheorien. Wahlweise sollen sie im Besitz des Kelchs des ewigen Lebens gewesen sein, im Mittelalter zentnerweise Gold produziert haben, gar die römische Kirche soll von ihnen die Rose als Figur der Erlösermutter übernommen haben. Aber eine Werbeoffensive der Rosenkreuzer? Das klingt auf den ersten Blick in etwa so, wie wenn die Vatikanbank freiwillig alle ihre Konten offenlegen würde.
Nicht mehr als Allerweltsweisheiten
Was also treibt die selbsternannten Nachkommen dieses höchst geheimen Zirkels an, sich nun so prominent in Szene zu setzen? «Die Zeiten haben sich geändert, wir stehen nicht mehr im Spätmittelalter», sagt eine Vertreterin der Vereinigung Rosenkreuzerin der Vereinigung «Antiquus Mysticusque Ordo Rosae Cruciam», kurz AMORC, am Telefon. Im Gegensatz zu früher ist der Initiationsorden leicht zu erreichen. Auf der Einstiegsseite der Website des Ordens, welche im Inserat genannt wird, werden Adresse und Telefon-Nummer des deutschen Zentrums der Rosenkreuzer angegeben.
Einst war das ganz anders: Einem Phantom gleich geisterte die Bruderschaft im 17.Jahrhundert durch ganz Europa. In allen namhaften Städten lieferten sich die Gelehrten heftige Debatten über die geheimnisvolle Lehre der Rosenkreuzer. Nur schon die Frage, ob es die Rosenkreuzer überhaupt gebe, erhitzte die Gemüter. Bis heute wird darüber gerätselt, ob Gelehrte wie Francis Bacon, René Descartes, Baruch Spinoza, Johannes Kepler und Dutzende andere der Geheimgesellschaft angehört haben.
Heute jedoch wollen sich die Rosenkreuzer nicht mehr im Dunkeln bewegen: Man beabsichtige mit der Kampagne zu ereichen, dass eine breite Mehrheit die Schriften kennenlerne, erklärt die AMORC-Vertreterin. Immerhin dürfte die Anzeige ihrer Vereinigung den Lesern mehr Fragen aufwerfen als Antworten liefern. «Habe Mut, denn im täglichen Leben ist Mut aufbauend und gibt Kraft bei Widrigkeiten», heisst es da etwa, oder: «Sei wohlwollend, denn Wohlwollen erfreut das Herz». Allerweltsweisheiten, die wohl kaum dazu geeignet sind, eine Weltrevolution hervorzurufen.
Das indes ist auch nicht die Absicht der AMORC-Rosenkreuzer, auch wenn sie sich als Nachfolger der Geheimbunds aus dem 17. Jahrhundert sehen und sich auf uralte Quellen aus dem alten Ägypten beziehen. Entstanden ist die AMORC-Gruppierung in Tat und Wahrheit erst vor hundert Jahren. Dabei vermitteln die Meister den Schülern im Laufe einer Vielzahl von Initiationsstufen «alle Instruktionen, die erforderlich sind, um durch die Geheime Pforte in die mystisch esoterischen Bereiche einzudringen, die jenseits allen Verstehens liegen». In diesem werden sie auf die letzten Geheimnisse der «Höheren Ordnung» vorbereitet. Von der Faszination der ursprünglichen Rosenkreuzer, der angeblich neuen Herren der Welt, ist bei AMORC nicht viel mehr übrig geblieben als der schillernde Namen.
Sektenspezialist geht auf Distanz
Versteckt sich hinter den harmlosen Traktaten aber allenfalls eine gefährliche Psychosekte? Schliesslich gehörte auch Joseph Di Mambro, Gründer des Sonnentempler-Ordens in früheren Jahren zur AMORC. Di Mambro war es, der für einen Massen(selbst)mord massgeblich für den Massen(selbst)mord seiner Sektenmitglieder in Kanada und der Westschweiz verantwortlich war, bei dem 53 Menschen starben. So weit würde Sektenspezialist Hugo Stamm indessen nicht gehen. Er pflege ein Verhältnis der «grossen kritischen Distanz» zu AMORC, erklärt Stamm. «Die Heilslehre ist sehr elitär und abgehoben. Der Inititationsweg verlangt von den Mitgliedern einen enormen Einsatz», so Stamm. Im Gegensatz zu den Freimaurern sei die Lehre der Rosenkreuzer AMORC in sich geschlossen, man glaube an einzelne spirituelle Lehrer.
Bleibt noch die Frage, woher die Rosenkreuzer über das nötige Kleingeld verfügen, um eine so breit angelegte Werbekampagen zu finanzieren. Die ganzseitigen Anzeigen erscheinen nicht nur drei Mal in «NZZ» und «20 Minuten», auch in Deutschland und Österreich finden sie sich in den grössten Tageszeitungen. Laut AMORC beruht die millionenschwere Werbeoffensive auf dem Sponsoring einzelner Mitglieder. Aber wer weiss, vielleicht ist es den Rosenkreuzern doch gelungen, künstlich nach Belieben Gold herzustellen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.12.2009, 15:09 Uhr







