Die Tagebuch-Märchen vom guten Duce
Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 22.06.2011 3 Kommentare
Ein Diktator mit menschlichem Antlitz: Das angebliche Tagebuch von Benito Mussolini.
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Ein Bücherfreund und Senator mit zweifelhaftem Ruf: Marcello Dell'Utri.
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Seit Jahrzehnten tauchen in Italien Aufzeichnungen auf, die aus der Feder des faschistischen Diktators Benito Mussolini (1883–1945) stammen sollen. Bisher handelte es sich um teils schlecht gemachte Fälschungen. Nicht anders ist dies bei der jüngsten vermeintlichen Sensation: Der Verlag Bompiani begann im letzten Herbst mit der Veröffentlichung eines fünfbändigen Duce-Tagebuchs. Seit ein paar Wochen ist in den italienischen Buchhandlungen der zweite Band erhältlich: «Die Tagebücher von Mussolini (die echten oder die angeblichen). 1935.» Schon die Klammerbemerkung zum Titel – «die echten oder die angeblichen» – macht klar, dass selbst der Verlag nicht von der Authentizität der Tagebuchaufzeichnungen überzeugt ist. Der Bompiani-Verlag gehört zur RCS Media Group, der grössten Verlagsgruppe Italiens.
Neu auf dem Markt ist auch eine Studie des Historikers Mimmo Franzinelli, die sich mit den Tagebüchern des Diktators auseinandersetzt. Im Buch «Autopsie einer Fälschung» kommt Franzinelli zum Schluss, dass die Tagebücher mehr mit Realitätskonstruktion als mit Realität zu tun haben. So sollen nach dem Zweiten Weltkrieg neofaschistische Gruppierungen, um das Bild eines Duce mit menschlichem Antlitz zu zeichnen, entsprechende Dokumente in Umlauf gebracht haben.
«Die Deutschen, diese Hunde, sie wollen nichts als den Krieg»
In den Tagebüchern tritt ein historisch unbekannter Mussolini zum Vorschein, der den Krieg nicht gewollt und die Deutschen sogar gehasst haben soll. Beispielsweise ist im Eintrag vom 31. August 1939 folgender Satz zu lesen. «Die Deutschen, diese Hunde, sie wollen nichts als den Krieg und basta.» Der Duce aus den Tagebüchern ist ein väterlicher und friedliebender Politiker, auch ein Freund der Juden.
Die Verharmlosung des Faschismus und der Gräueltaten unter Mussolini hat Tradition in Italien. Gerade seit dem Rechtsrutsch, der mit dem Politikeintritt von Silvio Berlusconi einherging, hat sich die Tendenz verstärkt, unangenehme Fakten zu verleugnen – zum Beispiel dass das faschistische Italien mit Terror, Konzentrationslagern und Massenvernichtungswaffen mindestens eine Million Menschen auf dem Gewissen hat. Gemäss dem Zürcher Historiker Carlo Moos war die kriminelle Energie im Mussolini-Italien nicht viel weniger hoch als im Hitler-Deutschland. Italien tut sich schwer mit der Vergangenheitsbewältigung.
Marcello Dell’Utri, Berlusconi und die Mafia
Die Zweifel an der Echtheit der Duce-Tagebücher hatte es schon kurz nach der Bekanntgabe des vermeintlich spektakulären Fundes im Winter 2006/07 gegeben. Beispielsweise stellte der international anerkannte Faschismusforscher Emilio Gentile fest, dass der Inhalt zu grossen Teilen mit Zeitungsberichten identisch sei. Zudem gebe es eklatante Fehler. So habe der angebliche Duce in einer Passage sein eigenes Geburtsdatum falsch angegeben. Es gebe auch andere peinliche Fehler.
Trotz allem: Der Mann, der die Tagebücher publik machte, ist nach wie vor von der Echtheit überzeugt. Dabei beruft er sich auf nicht namentlich genannte Experten. Dieser Mann ist in Italien als schillernde Figur bekannt. Marcello Dell’Utri gilt nicht nur als Bücherfreund, der eine der grössten Privatbibliotheken Italiens besitzt. Der aus Sizilien stammende Senator ist auch ein sehr enger Freund von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Dell’Utri war massgeblich am Aufbau und Erfolg von Forza Italia beteiligt, der Vorgängerpartei des heutigen Popolo della Libertà von Berlusconi. Schon beim Aufstieg zum Medienzar war der Sizilianer seinem Mailänder Freund tatkräftig zur Seite gestanden. Wie Berlusconi steht auch Dell'Utri im Visier der Justiz: Vor einem Jahr wurde er bei einem Berufungsprozess in Palermo zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt – wegen Verbindungen zur Mafia.
Sohn eines Partisanen soll Tagebücher aufbewahrt haben
Gemäss eigenen Angaben hatte Dell'Utri die Duce-Tagebücher bei einem Notar im Kanton Tessin besorgt. Der Besitzer der scheinbar wertvollen Aufzeichnungen war angeblich der Sohn eines italienischen Widerstandskämpfers, der bei der Festnahme Mussolinis dabei gewesen sein soll. Gegen Kriegsende, im April 1945, hatten Partisanen am Comer See den Diktator beim Fluchtversuch in die Schweiz erwischt. Anschliessend erschossen sie den Duce und seine Lebensgefährtin Clara Petacci. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.06.2011, 15:25 Uhr
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3 Kommentare
Ueberall, wo Dell'Utri die Hände im Spiel hat, wird gelogen und betrogen ! Der Mann ist längst als Chef-Mafioso von Berlusconi entlarvt und verurteilt. Der 'saubere' Duce, die 'saubere' Wehrmacht', Oestereich will das erste 'Opfer' von Hitler gewesen sein, alle Franzosen waren in der Résistance - die Geschichtsklitterer haben Hochkonjunktur ! Antworten
Italien hat sich beim Ende des Krieges einfach der Zukunft zugwandt und hat so getan als existiere seine faschistische Vergangenheit einfach nicht. Keine Aufarbeitung, kein Pardon, kein Bedauern. So sind sie heute noch gefangen in einer Banalität zwischen Berlusconi und Mode. Sie sind stehen geblieben. Antworten

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