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Johannes Calvin: Ein Religionsterrorist?

Von Michael Meier. Aktualisiert am 11.06.2009 5 Kommentare

Die Veranstalter des Jubiläums zum 500. Geburtstags des Reformators zeichnen ein Weichbild dieses Zuchtmeisters. Durch die Weltliteratur zieht er als religiöser Robespierre.

Calvin-Denkmal in Genf: Der Reformator, der streng über die Stadt herrscht.

Calvin-Denkmal in Genf: Der Reformator, der streng über die Stadt herrscht.

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Johannes Calvin, der von Genf adoptierte Franzose, gilt als der «Schweizer» mit der grössten Wirkungsgeschichte. Er hat die Reformation globalisiert und exportiert – nach Frankreich, Polen, Ungarn und über die Seemächte Niederlande und England auch in die Neue Welt der US-Puritaner. Entsprechend aufwendig wird das 500-Jahr-Jubiläum für den am 9. Juli 1509 in Noyon geborenen Calvin begangen. Der nationale Festakt vom kommenden Sonntag in Genf mit Bundesrat Moritz Leuenberger ist nur ein Highlight im bunten Veranstaltungsreigen.

Gottesfürchtiges Epizentrum

Gefeiert wird ein Glaubensflüchtling, der in Paris wegen lutherischer Ketzerei angeklagt, 1536 nach Genf kam und aus dem Stadtstaat als Pfarrer binnen zweier Jahrzehnte ein «leuchtendes Beispiel einer christlich erneuerten Republik» machte. Der schottische Reformator John Knox nannte Genf «die perfekteste Schule Christi seit den Tagen der Apostel». Die gottesfürchtigen, sittenstrengen Menschen der Modellgemeinschaft liessen in Genf ein wirtschaftlich florierendes Zentrum erblühen, das auf fast ganz Europa ausstrahlte.

Durch die Weltliteratur allerdings geistert der Reformator als «Theokrat» und «Religionsterrorist». Für Honoré de Balzac war «Calvins wütende religiöse Intoleranz moralisch geschlossener und unbarmherziger als die politische Intoleranz Robespierres». Stefan Zweig verglich ihn 1936 in «Ein Gewissen gegen die Gewalt. Castellio gegen Calvin» mit dem Despoten Hitler: «Nie hat Genf so viele Bluturteile, Strafen, Foltern und Exile gekannt, als seitdem dort Calvin im Namen Gottes herrscht.»

Nieder mit den Miesmachern

Bis in unsere Tage treibt der Zuchtmeister religiös sensible Seelen um. Für den Romancier der Sehnsucht, den Büchner-Preisträger Arnold Stadler, ist Calvin «eine der abscheulichsten Figuren», von denen er weiss. «Er kommandierte einen frühen Religionsterrorstaat und nannte sich christlich, als hätte es den Jesus Christus der Evangelien nie gegeben», heisst es in Stadlers neuem Roman «Salvatore».

«Nieder mit den Miesmachern», ruft demgegenüber Serge Fornerod, Leiter des Projektes Calvin 09 im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, der Festgemeinde zu. Sie solle Calvin «trotz allem feiern und ehren, ohne Lärm und Getöse, aber auch ohne falsche Bescheidenheit und gespielte Schuldgefühle». So geht der Streit in die nächste Runde: Wer war Johannes Calvin? Die Jubiläumsmacher versichern, seine Ecken und Kanten durchaus wahrzunehmen, jenseits der Dämonisierung allerdings.

Calvin: Süss wie Schockolade

Der Verdacht drängt sich auf, dass das Jubiläum uns die widerborstige Figur des Reformators versüssen soll. Mit der eigens kreierten Schokolade Calvin 09, einer «harmonischen Verbindung aus bolivianischer Grand-Cru-Sauvage-Schokolade und speziellen Gewürzen». Und mit verschiedenen Weinen – «In calvino veritas.»

Wein zu Ehren Calvins, der 1546 alle Wirtshäuser Genfs zugunsten von Abteien schliessen liess, in denen das Volk der Bibellektüre frönte. Schokolade, süss und sinnlich, für den Zuchtmeister, der selbstbeherrscht und gramgebeugt alle irdischen Genüsse verachtete – Tanz, Musik, Gastmähler, Geselligkeiten. Zeitlebens von Kopf bis Fuss in Schwarz gekleidet, zelebrierte er den Sieg des Geistes über seinen ausgezehrten Körper. Seine kurze Ehe mit Idelette halten Experten für ein blosses Experiment der Rundumbetreuung.

Scharfsinniger Denker

Dafür war Johannes Calvin «einer der scharfsinnigsten theologischen Denker in der Geschichte der Theologie», so Thomas Wipf vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund. Sein Hauptwerk, die «Institutio Christianae Religionis» («Unterricht in der christlichen Religion»), wurde zum massgebenden Lehr- und Regelwerk der Reformierten. Seine Akademie in Genf zur tonangebenden Hochschule für Theologen.

Auf einem anderen Blatt steht, wie Calvin die reine reformierte Lehre im neuen Jerusalem durchsetzte. Das aus Pastoren und Ältesten zusammengesetzte oberste geistliche Sittengericht, das Konsistorium, war mit der Inquisition vergleichbar. Ein Apparat zur Überwachung und Disziplinierung aller Lebensbereiche. Er arbeitete mit Bespitzelung, Denunziation, Verhören und Visitationen. Selbst ein Ratsmitglied wie den Spielkartenhersteller Pierre Ameaux schickte er, nur mit einem Hemd bekleidet und einer Fackel in der Hand, zum Bussgang durch die Stadt.

Hinrichtungsstatistiken

Im Genf Calvins waren Hinrichtungen und Verbannungen an der Tagesordnung. Der Reformator verteidigte die Todesstrafe als Gewaltmittel gegen Ketzer und Urheber falscher Lehren. Die eigentliche Strafgewalt aber lag beim Rat. Als 1544 ein paar schulpflichtige Knaben miteinander «widerwärtige und hassenswerte Dinge» trieben, begnügte sich der Rat damit, ihre Bildnisse zu verbrennen. Calvin selber hatte für die Knaben den Tod durch Ertränken für angemessen gehalten.

Allein zwischen 1541 und 1546 hatte die Genfer Justiz 76 Verbannungsdekrete und 58 Todesurteile verhängt, 10 Menschen geköpft, 13 gehenkt, 35 verbrannt. Das Folterrepertoire reichte von Daumenschrauben übers Streckseil bis zum Chauffement de pieds, der Röstung der Fusssohlen. In den Pestjahren wurden sogenannte Pestsäer gefoltert, die im irrationalen Verdacht standen, den schwarzen Tod willentlich zu verbreiten. Das alles ist in der «Kriminalgeschichte des Christentums» von Karlheinz Deschner nachzulesen. In der Jubiläumsliteratur finden sich keine Hinrichtungsstatistiken.

Vom Satan besessen

Als Zürich 2004 das 500-Jahr-Jubiläum für den Reformator Heinrich Bullinger ausrichtete, liessen Stadt und Kirchenrat an der Limmat eine Gedenktafel für die sechs in der Reformationszeit ersäuften Täufer anbringen. Die Veranstalter des Calvin-Jubiläums jedoch sind bemüht, selbst den Feuertod von Michel Servet, der 1553 europaweit Aufsehen erregte, aus der Zeit heraus zu verstehen. Der spanische Theologe und Mediziner, der den kleinen Blutkreislauf des Menschen entdeckt hatte, geisselte die Trinität als Vielgötterei. «Servet wäre wohl in jeder Stadt Europas hingerichtet worden. Auf die Leugnung der Trinitätslehre stand die Todesstrafe», so die Jubiläumsbroschüre. Calvin (der Servet vom Satan besessen hielt) habe ihm statt des Scheiterhaufens eine weniger grausame Hinrichtungsart gegönnt.

Ernüchterndes Calvin-Bild

«Es wird eine wichtige Aufgabe des Jubiläumsjahres sein, ein differenziertes und historisch zutreffendes Bild Calvins und seiner Zeit zu fördern», schreibt der Theologe Georg Plasger. Das Calvin-Bild aber zeichnen vor allem Theologen wie er. Bücher von Historikern wie Volker Reinhardt, der mit nüchternen Recherchen zu einem ernüchternden Calvin-Bild gelangt, figurieren auf keiner offiziellen Liste. Nur in Reinhardts Werk «Die Tyrannei der Tugend» erfährt man, dass Calvin auch innenpolitisch Kapital aus dem Fall Servet schlug, indem er der Opposition in Genf unterstellte, sie habe mit Michel Servet gemeinsame Sache gemacht.

1555 konnte sich Calvin in der Stadt endgültig durchsetzen, indem er den Aufstand einer Gruppe von alteingesessenen Genfern mit Hinrichtungen und Verbannungen niederschlagen liess. Das Genfer Patriziat hatte sich von Anfang an gegen Calvin und die aus Frankreich geflohenen Zuchtmeister gewehrt. 1538 wies es Calvin aus, weil er es mit der Verweigerung des Abendmahls bestrafen wollte. Zwei Jahre später holte es ihn zurück.

Verbitterung auf dem Totenbett

Noch auf dem Totenbett (er starb 1564) nannte Calvin Genf eine «perverse und unglückselige Nation, die unheilbar zum Bösen neigt». Durchdrungen von einem negativen Menschenbild, schimpfte er seine Opponenten «Schlangen», «wütende Bestien», «Galgenschwengel», «Wahnwitzige» – und die Papstkirche «einen stinkenden Sumpf aller Laster und Bosheit». Das habe der damals kultivierten Rhetorik und ihrem Hang zu Überzeichnungen entsprochen, wissen die Jubiläumsmacher.

Wer also war Johannes Calvin? So genau will man es gar nicht wissen. Mit Verweis auf Calvins Bemühen, hinter seiner Botschaft zurückzutreten, sieht man gern über die historische Gestalt hinweg und widmet sich lieber seiner phänomenalen Wirkungsgeschichte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2009, 08:49 Uhr

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5 Kommentare

Hanspeter Müller

11.06.2009, 10:00 Uhr
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Nicht umsonst hat Nietzsche, der Pastorensohn, geschrieben: "...sie haben (auch) die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheilbarste, die unwiderlegbarste, denn Protestantismus auf dem Gewissen...". Antworten


Max Wacker

11.06.2009, 07:43 Uhr
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Calvin verkoerpert in einer Figur den ganzen Wahnsinn des spaeten Mittelalters. Die Genfer sollten sich schaemen diese finstere Gestalt zu feiern. Antworten



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