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Kostete Höflichkeit die Engländer auf der Titanic das Leben?

Von Ralph Pöhner. Aktualisiert am 22.01.2009 9 Kommentare

Eine Schweizer Studie über den Untergang der «Titanic» gibt in England und Amerika zu reden: Aus Höflichkeit starben besonders viele Briten.

Rettung für Frauen und Drängler: Beiboote der «Titanic» nach dem Untergang.

Rettung für Frauen und Drängler: Beiboote der «Titanic» nach dem Untergang.

Ewiger Stoff für Heldensagen: James Camerons Film «Titanic», 1997.

Ewiger Stoff für Heldensagen: James Camerons Film «Titanic», 1997. (Bild: Keystone)

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Gute Manieren können tödlich sein: Zu diesem Fazit kam der «Daily Telegraph» in London. Er spielte damit aufs Ergebnis einer Studie an, die Ökonomen der Universitäten Zürich und Queensland erarbeitet hatten. Sie untersuchten den Untergang der «Titanic» und fanden heraus, dass Briten bei der legendären Schiffskatastrophe eher ums Leben kamen als Amerikaner. Ihre Erklärung: Die Briten standen brav Schlange vor den Rettungsbooten – die Amerikaner drängelten sich vor.

«Uns interessierte die Frage, wie sich Menschen verhalten, wenn es um Leben und Tod geht», sagt Bruno S. Frey, Ökonomieprofessor an der Universität Zürich und Mit-Autor der Studie: «Bricht die wahre Natur durch, kämpft jeder ums Überleben? Oder gelten auch hier moralische Normen?» Die Untersuchung der Schiffskatastrophe von 1912 bekräftigt nun eine tröstliche Annahme: Anstand und moralische Regeln sind sogar im Angesicht des Eiswassers noch wirksam.

Waren die Normen nicht bekannt?

Bruno S. Frey studierte mit David Savage und Benno Torgler von der Queensland University Berichte von Überlebenden und wertete die Statistiken aus: Wer wurde gerettet? Wie alt waren die Überlebenden, welches Geschlecht hatten sie, welche Nationalität, in welcher Klasse waren sie gefahren? Dabei fiel auf, dass unter britischen Staatsbürgern überdurchschnittlich viele Opfer zu beklagen waren. Konkret: Die statistische Überlebenschance eines Briten lag 15 Prozent tiefer als die eines Amerikaners. Die Autoren interpretieren den Befund diplomatisch: Die Amerikaner hätten einfach «individualistischer» gehandelt.

«Zwei Erklärungen sind denkbar», sagt Bruno S. Frey: «Die Amerikaner verhielten sich rücksichtsloser – oder aber sie wussten nicht recht, wie man sich benehmen soll: Ihnen waren die Normen weniger bekannt.» Insgesamt jedoch bestätigen die Ergebnisse ein berühmtes Klischee: nämlich dass der legendäre Untergang, bei dem über 1500 Menschen ums Leben kamen, auch ein Paradebeispiel menschlicher Unerschütterlichkeit vor dem Tod war. Dass das Schiffsorchester tapfer «Näher mein Gott zu dir» spielte, bis ihm das Wasser zum Hals stand, sei zwar ein Klischee, so Frey. Andererseits herrschte Ordnung statt Panik, und eindeutig hielten sich die Passagiere an die Seemannsregel «Frauen und Kinder zuerst»: Die Überlebenschance der Frauen – so die Studie – lag gut 50 Prozent höher als bei den Männern.

Ob dies typisch britisch war? Englische wie amerikanische Medien thematisierten die helvetisch-australische Studie gestern und heute prominent, und so wird auch diese Frage jetzt wieder heftig debattiert. Noch so gern erinnern die Engländer dabei an die berühmten Worte von Kapitän Edward John Smith: «Be British, boys, be British!», rief der übers Deck des sinkenden Schiffs. Was man übersetzen könnte mit: Wir sind lieber tot als unanständig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2009, 17:19 Uhr

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9 Kommentare

Marcel Kohl

22.01.2009, 14:48 Uhr
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Und heute, da auch die Amerikaner die damals überlebten wohl tod sind stellt sich die Frage, vor wem wir mehr Achtung und Ehrfurcht haben, vor jenen, die damals wie Kavaliere ihre Würde bewahrten oder vor denen, die ihr eigenes Leben auf Kosten anderer retteten. Tot sind sie nun beide, jetzt kann man sie vergleichen... Antworten


Peter Kunze

22.01.2009, 14:14 Uhr
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Kaum mehr vorstellbar, dass in der heutigen von Postheroismus und Individualismus gekennzeichneten Gesellschaft ein solcher Ausgang der 'Titanic'-Katastrophe möglich wäre. Lieber tot als unhöflich mag zwar dramatisch klingen und ein simples lieber höflich als unhöflich würde reichen, ist aber leider in der Schweiz - beim Betrachten eines x-beliebigen Verkaufsstands wirds schnell klar - unmöglich. Antworten



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