Lucys Vater

Donald Johanson hat in Äthiopien die Überreste eines aufrecht gehenden Affenweibchens entdeckt, das vor 3,2 Millionen Jahren lebte. Er nannte sie Lucy.

Donald Johanson mit einer Rekonstruktion von Lucy, dem Fund seines Lebens. Foto: Richard Drew (AP, Keystone)

Donald Johanson mit einer Rekonstruktion von Lucy, dem Fund seines Lebens. Foto: Richard Drew (AP, Keystone)

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Donald Johanson ist müde und erkältet. Er ist am Vorabend erst von einer Anthropologenkonferenz in Gibraltar nach San Francisco zurückgekehrt und soll am nächsten Tag bereits zur nächsten Tagung in Toronto reisen. Johanson ist ein gefragter Mann. Am 24. November 1974 hat er Lucy in einer glühend-­heissen Tiefebene in Äthiopien gefunden. Die Knochenreste zeigten zum ersten Mal schlüssig, dass die Vorfahren des Menschen aufrecht gingen, lange bevor auch ihr Hirn zu wachsen begann. «Lucy ist das elementare Bindeglied der menschlichen Evolution», erklärt Jo­hanson. «Wir konnten mit ihrem Fund zeigen, dass alle Menschen auf der Welt den gleichen Ursprung haben. Im Grunde sind wir alle Afrikaner.»

Er hat null Verständnis dafür, dass diese Erkenntnisse in den USA angezweifelt und die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich genommen wird. «Ich erwarte nicht, dass die Amerikaner das Vertrauen in die Wissenschaft auf dem Dollar festschreiben. Mindestens aber sollten sie den Namen Gottes nicht mehr auf ihrem Geld erwähnen», bemerkt Johanson spitz.

Obwohl er heiser ist, nimmt sich der 71-Jährige fast zwei Stunden Zeit, um zu erklären, warum die Überreste eines aufrecht gehenden Affenweibchens für das Verständnis der menschlichen Entwicklung so wichtig sind – und wie sie entdeckt wurden. In einer Region im nordöstlichen Äthiopien, die in prähistorischer Zeit besiedelt war, hatten Forscher verschiedenste Fossilien von Tieren gefunden, die vor 3,2 Millionen Jahren umgekommen waren. Es lag nahe, hier auch nach Überresten von Vor­fahren des Menschen zu suchen. Ein Geologe, der Johansons Team angehörte, fand 1973 einen riesigen Schädel. «Ein wunderbarer Kopf, aber er gehörte einem Schwein. Weil uns die Zeit für eingehendere Nachforschungen fehlte, markierten wir die Fundstelle, um dort später weiterzusuchen.»

Zwei Fünftel eines Skeletts

An Selbstvertrauen mangelte es dem damals 31-jährigen Wissenschafter nicht. «Ich war zwar das erste Mal in der Region, aber ich hatte mich ein Leben lang auf die Suche nach einem Vorfahren des Menschen vorbereitet», sagt Donald Johanson. «Als 13-Jähriger schon las ich Aldous Huxley und das ‹National Geographic Magazin›. Ich wusste alles, was man über den Australopithecus wissen konnte.» Dennoch war auch Glück im Spiel an jenem Novembertag vor 40 Jahren. Ermüdet von der anstrengenden Feldarbeit in grosser Hitze wollte er sich in den Landrover setzen und ins Camp zurückzufahren. «Als ich über meine rechte Schulter blickte, sah diesen hellen Knochen in einem Gebiet, das schon zweimal abgesucht worden war.»

Es war das Stück eines Ellbogens. Johanson fand in der Umgebung in kurzer Zeit weitere Fossilien. Zusammen machten sie 40 Prozent eines Skeletts aus. «Knochen menschlicher Vorfahren waren so unglaublich selten. Ich wusste sofort, dass ich etwas Aussergewöhnliches entdeckt hatte.» Entscheidend war, dass Teile des Fussgelenks, des Knies und des Hüftknochens unter den Fundstücken waren. Dies liess den Rückschluss zu, dass die Kreatur sich nicht wie ein Affe auf allen vieren, sondern aufrechten Ganges fortbewegt hatte. «Diese Fossilien waren das Bindeglied zwischen dem Schimpansen und dem späteren Homo sapiens», sagt Johanson. «Der Fund ­meines Lebens.» Es handelte sich buchstäblich um einen Vormenschen, einen Primaten auf dem Weg zur Mensch­werdung – aufrecht gehend und mit einem leicht grösseren Gehirn als ein Schimpanse ausgestattet.

Johanson untersuchte die Knochenreste fünf Jahre lang eingehend. Sein Schluss: Es handelte sich um ein Weibchen, das rund 25 Jahre alt war, als es verstarb, knapp 30 Kilo wog und lediglich 110 Zentimeter mass. Der junge Forscher war etwas betriebsblind: Er realisierte nicht, welch immense Wirkung die Entdeckung ausserhalb seines Fachgebietes entfalten würde. «Ich war so besessen von meinem Fund, dass ich völlig fixiert auf ihn war – als trüge ich Scheuklappen.» Zum Glück war er auch ein Fan der Beatles und untermalte einen Diavortrag über die Entdeckung mit Songs der Band. Als «Lucy in the Sky with Diamonds» ertönte, schlug eine Studentin vor, den Fund nach dem Song zu nennen.

Ein hinreissender Name

Der verbissene Entdecker war zunächst wenig begeistert. «Erst später ging mir auf, wie genial der Name war. Stellen Sie sich vor, wir hätten sie Gertrud genannt. Was für ein Debakel. Lucy aber klingt in allen Sprachen gut und macht den Fund sympathisch. Lucy wurde als Mutter der Menschheit sofort allen vertraut.» Sie fasziniert aber nicht nur wegen des Namens, sondern auch weil Kinder sich leicht mit ihr identifizieren. «Schüler ­lieben sie. Sie wollen noch heute wissen, ob Lucy Kinder hatte, wie sie sich ernährte und wie sie lebte.»

Der Fund hat längst nicht alle Fragen der menschlichen Evolution beantwortet. Johanson musste sich in gewissen Punkten auch eines Besseren belehren lassen. Die grösste Überraschung für ihn war die Erkenntnis, dass die Neander­taler und der Mensch, wie er sich heute präsentiert, mindestens 10'000 Jahre lang parallel existierten und sich auch vermischten. «Sie und ich tragen etwas Erbgut des Neandertalers in uns. Entgegen unserer Annahmen hatten die Neander­taler und der Homo sapiens miteinander Sex, und dies, obwohl beide Gattungen körperlich recht unterschiedlich waren.» So hatte Ötzi noch mehr Genmaterial des Neandertalers in sich als der moderne Mensch.

Warum der Neandertaler vor etwa 40'000 Jahren ausstarb, ist nicht völlig geklärt. Zu vermuten ist, dass der Homo sapiens überlegen war und sie aus den fruchtbaren Regionen Europas verdrängte. Das gleiche passierte in Asien, wie Johanson betont: «Überall, wo der Mensch auftauchte, mussten die Frühmenschen weichen.»

Was den Homo sapiens zur über­legenen Spezies machte, ist nur in Umrissen bekannt. «Das grosse Rätsel, das ich noch gern lösen würde, betrifft die Zeit vor 3,0 bis 2,4 Millionen Jahren. In dieser Spanne tauchen die ersten aus Stein gefertigten Werkzeuge auf», sagt Johanson. «Das legt die Vermutung nahe, dass das Gehirn der Vormenschen in dieser Periode stark gewachsen ist. Lucys Gehirn war nur wenig grösser als dasjenige eines Schimpansen, es hätte in eine Kaffeetasse gepasst.» In den letzten 600'000 Jahren erst hat die Evolution laut Johanson den entscheidenden Sprung gemacht. Lucy frass noch ­Pflanzen, ihre Nachkommen vertilgten Fleisch. Das lieferte ihnen Protein – und liess das Gehirn wachsen.

Das Rätsel der Sprache

Dem aktuellen Wissensstand zufolge ist der Sprung vom aufrecht gehenden Vormenschen wie Lucy zum Frühmenschen mit einem Rückkopplungseffekt zu erklären. «Frühmenschen haben Werkzeuge und Waffen geschaffen. Sie konnten Tiere töten und teilen», er­läutert Donald Johanson. Die neue Nahrungsquelle machte die Frühmenschen zu sozialen Wesen. «Anders als die Affen haben wir eine kumulative Kultur ent­wickelt. Vor 200'000 Jahren haben wir noch Höhlen bemalt; heute fliegen wir zum Mond.»

Ein weiteres Rätsel, das Lucy stellte, aber nicht beantwortete: Wie und wann kam die Sprache eigentlich zum Menschen? «Wir haben gelernt, die Welt in Worte zu fassen. Wir sprechen über gestern und morgen. Affen hingegen kommunizieren nur über das, was im Augenblick passiert.» Johanson vermutet, dass die Sprachentwicklung erst nach Lucy einsetzte. «Wenn ein Affe in eine fremde Herde eindrang, wurde er zu Lucys Zeit getötet und gefressen. Das hat sich geändert, als die Herden zu kooperieren begannen.» Die Kommunikation und die Kooperation machten den Menschen aus und unterschieden ihn von den Primaten, betont der Wissen­schafter. «Lucy stand am Anfang dieser Entwicklung.»

Johanson rief viele Neider und viele Skeptiker auf den Plan. Seine Theorien hielten bis heute im wesentlichen stand. Es gibt allerdings einige Indizien dafür, dass vor Lucy ein anderes Geschöpf mit ähnlichen Merkmalen lebte. Schlüssig bewiesen sei dies noch nicht, sagt er. «Sollte diese Spezies vor etwa vier Millio­nen Jahren existiert haben, wird mein Stammbaum der Menschheit halt gefällt. Das werde ich hinnehmen ­müssen.» ­Womit er sich nie anfreunden wird, ist hingegen die amerikanische Frage: Warum fällt es vielen seiner Landsleute so schwer, zu unterscheiden zwischen der 6000 Jahre zurück­reichen­den biblischen Geschichte und den sechs Millionen Jahren der mensch­lichen Evolution? «Amerika wurde von sehr religiösen Menschen gegründet. Sie haben Gott sogar in die Verfassung geschrieben. Gott ist so wichtig, dass nicht religiöse Menschen wie ich als böse hingestellt werden.» Er könne damit leben, sagt Donald Johanson. «Ich bin Atheist und zu­frieden damit.»

Johanson zeigt auf eine Lampe: «Mein Lieblingsstück. Fällt es bei einem Erd­beben zu Boden, ist die Schwerkraft schuld. Das hat mit dem Glauben nichts zu tun. Doch wenn es um die Evolution geht, kommt der Glaube in die Quere.» Johanson zitiert den britischen Anthropologen Ashley Montagu: «Die Wissenschaft hat Beweise ohne Sicherheit. Doch die Kreationisten haben nur ihre Sicherheit ohne Beweise.» Die Tatsache, dass Amerika seine Währung mit einem Glaubensbekenntnis versehen hat, «in God we trust», sagt Johanson zufolge alles, «Geld ist die wahre Religion, die das Land zusammenhält».

«Die Wunderbare»

Johanson packt einige Dinge für die anstehende Reise zusammen. Dann hält er inne und sagt: «Vielleicht gehe ich besser nicht nach Toronto. Ich brauche ­etwas Ruhe. Wissen Sie: Meine grosse Hoffnung ist, dass irgendjemand die ­losen Teile noch zusammenfügt, bevor ich sterbe. Es wäre schön zu wissen, wie es Lucys Nachfahren gelang, eine Sprache und Werkzeuge zu entwickeln, und wie dies mit dem grösser werdenden Gehirn und der Ernährung durch Fleisch zusammenhing.»

In Äthiopien ist Lucy als «Dinknesh», die Wunderbare, bekannt. Als sie 2013 nach jahrelanger Tournee rund um den Globus in ihre alte Heimat zurückkehrte, wurde dies in Addis Abeba wie ein Staatsakt gefeiert. Die Erkenntnis, dass die Menschheit ihre Wurzeln in Afrika hat, empfanden viele als überfällige Aufwertung des geschundenen Kontinents. «Lucy ist der Beweis, dass alle Menschen auf der Welt den gleichen Ursprung ­haben. Sie kann als Mutter von uns allen gelten», hält der Anthropologe fest. Ihre Überreste ruhen im Nationalmuseum von Addis Abeba.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2014, 18:38 Uhr

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