Marignano der SVP, der Zweite Weltkrieg der SP

Jedem seinen Krieg: Vor dem Jubiläumsjahr 2015 ist ein Streit über die Deutungshoheit der Schweizer Geschichte entbrannt. Der Bundesrat hat sich bereits für eine Seite entschieden.

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Rebekka Wyler, SP-Gemeinderätin in der Stadt Zürich, möchte gerne einen Baum pflanzen. Eine «Friedenslinde», irgendwo in der Zürcher Innenstadt. Gepflanzt werden soll das Bäumchen am 8. Mai 2015, exakt 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wyler, so ist es in ihrem diese Woche eingereichten Postulat an den Stadtrat nachzulesen, geht es darum, ein «nachhaltiges Zeichen für den Frieden» zu setzen und Dankbarkeit gegenüber all jenen auszudrücken, die Europa und die Welt vom Faschismus befreit haben.

Die kleine Linde ist Teil eines grösseren Plans der Sozialdemokraten. Des Plans, endlich wieder über die Schweizer Geschichte mitreden zu können; den Konservativen die Deutungshoheit über die eigene Herkunft zu entreissen. «Wir müssen den Sonderfall dekonstruieren», sagt SP-Nationalrat Cédric Wermuth (AG). Auch im Hinblick auf die kommenden zwei Jahre, in denen die Schweiz über ihre Zukunft in Europa abstimmen wird. Flavia Wasserfallen, Co-Generalsekretärin der SP, sagt es so: «Es geht um zwei konkurrierende Konzepte: den national-konservativen Glauben an die Abschottung gegen unseren Glauben an die Öffnung.»

Mythen und Sagen

Die Friedenslinden, die nach dem Willen der SP in möglichst vielen Städten und Gemeinden gepflanzt werden sollen, sind ein Versuch, dem Geschichtsbild der Rechten etwas entgegenzuhalten. «Ein verschobenes Geschichtsbild führt zu einer verschobenen Gegenwartswahrnehmung und damit zu falschen Entscheidungen für die Zukunft», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr (ZH), die beim Bundesrat kürzlich angeregt hat, dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit dem Anfang der längsten Friedensphase des Kontinents national zu gedenken. Man müsse aufhören, Mythen und Sagen zu huldigen, und wieder einen realistischeren Blick auf die Schweiz und die Grundlagen ihres Wohlstands gewinnen, sagt Fehr. Sie gehöre zur ersten Müttergeneration, die nie daran habe denken müssen, dass ihre Söhne in den Krieg ziehen könnten: «Wie wichtig das Friedensprojekt Europa ist für unseren Wohlstand und unser Wohlergehen, ist vielen zu wenig bewusst.»

Der Zeitpunkt der sozialdemokratischen Intervention ist bewusst gewählt: In einem Jahr finden die Jubiläen der Schlacht von Morgarten 1315 (von der man nicht weiss, ob sie tatsächlich stattgefunden hat) und der Schlacht von Marignano 1515 statt. Die blutige Niederlage der Eidgenossen gegen die Franzosen in der Gegend von Mailand ist für die Konservativen von grösster Bedeutung. Sie ist Chiffre für die aktuelle Politik: Eigenständigkeit statt Öffnung; Besinnung auf das Kleine statt Hang zum Grossen.

Im Geist von Marignano wird die SVP die nächsten Abstimmungen bestreiten. Egal, ob es um die Zukunft in Europa oder um die Bekämpfung des Völkerrechts geht: Mit der blutigen Schlacht kann die SVP so gut wie alles begründen.

Historiker Blocher

«Marignano ist die Wurzel der Schweizer Neutralität und die wichtigste Schlacht der Schweiz: Die Niederlage hat Grossmachtsträume beendet», sagt SVP-Stratege Christoph Blocher, der schon vor fünfzig Jahren als Sekretär des Komitees für die 450-Jahr-Feier in Marignano dabei war. Auch jetzt ist er Teil eines prominent und ausschliesslich bürgerlich besetzten Patronatskomitees, das die Festivitäten im nächsten Jahr organisiert. Geplant sind Gottesdienste, Ansprachen, Wettschiessen. Ein Blick zurück, der den Ton für die Schweizer Politik der Zukunft setzen soll.

Das möchte die Linke auf jeden Fall verhindern. Ihr Widerstand beginnt im Internet: Auf Marignano.ch schreiben Künstler, Politiker und Historiker gegen den Mythos Marignano an. «Man muss diese Feierlichkeiten frontal angreifen. Mit der modernen Schweiz hat Mari- gnano nichts, aber auch gar nichts zu tun», sagt Nationalrat Wermuth.

Einen ersten Sieg im Kampf um die richtige Geschichte hat die SP bereits errungen. Der Bundesrat empfiehlt die Motion von Jacqueline Fehr zur Annahme. «Der Bundesrat begrüsst Aktivitäten zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges als einer der grössten Tragödien in der Geschichte der Menschheit», heisst es in der Antwort. Weniger gnädig reagierte die Regierung auf zwei Vorstösse aus dem bürgerlichen Lager zur Schlachtenfeier von Marignano. Die Niederla- ge vor 500 Jahren spiele für die Schweizer Identität nur eine «untergeordnete Rolle», schrieb der Bundesrat und lehnte eine Unterstützung des Anlasses ab.

Für Christoph Blocher hat die Ablehnung politische Gründe. «Der Bundesrat erhofft sich von den Linken eine Geschichtsdeutung für den EU-Beitritt und gegen die Unabhängigkeit des Landes.» Das Ausmerzen der Geschichte habe den Zweck, die «moderne Grossmachtsfantasie ‹Schweiz ohne Grenzen› wieder aufleben zu lassen».

Totschweigen

Das ist schwere Kost: die Unterstützung einer Motion als Beweis für die angeblich dunklen Absichten der Landesregierung. Aber es ist eben nicht nur die Rechte, die beim Thema Erinnerungskultur im roten Bereich dreht. Auch bei der SP geht es um mehr als um Friedenslinden, wie eine interne Analyse aus der Parteizentrale der SP zeigt. Man habe die Abstimmung vom 9. Februar über die Zuwanderungsinitiative auch verloren, weil die Erinnerungskultur der Schweiz ausserhalb der europäischen Erinnerungskultur stehe, heisst es im Papier. Um den «Sonderfall Schweiz zu überwinden», müsse man künftig an das Friedenswerk Europa erinnern.

Der Gedenkanlass zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 2015 sei auch im Hinblick auf die Schlachtenfeier in Marignano wichtig: «Wenn wir uns am 8. Mai als Teil der europäischen Wertegemeinschaft präsentieren, profitieren wir davon während des Wahljahres und geraten am 13. September weniger in die Defensive.» An jenem 13. September findet der grosse Gedenktag zur Schlacht bei Marignano statt, ein Anlass, den die SP «möglichst ignorieren» und «totschweigen» solle, wie es im Papier heisst. «Die ewig gestrigen Neutralitäts-Sektenbrüder sollen doch machen, was sie wollen – aber ohne die moderne, offene und soziale Schweiz, welche wir wollen und wir repräsentieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2014, 07:37 Uhr

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