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Napoleon: Beherrscher, Modernisierer und Schlächter

Von Martin Ebel, Bonn. Aktualisiert am 11.01.2011 12 Kommentare

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt eine grandiose Auseinandersetzung mit dem Strategen und Staatsmann– und seinen Opfern.

1/9 Bonaparte als Erster Konsul im Park von Malmaison (um 1800). Kupferstich, punktiert und koloriert (Aquarell- und Gouachefaben).
Bild: Napoleonmuseum Thurgau

   

Napoleon im Krönungsornat auf dem Kaiserthron (1806): Ölbild von Jean-Auguste-Dominique Ingres. (Bild: Musée de l’Armée)

Ausstellung

Napoleon und Europa, Traum und Trauma. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. Bis 25. April, danach im Musée de l’Armée, Paris. Katalog: Prestel, 380 S., ca. 75 Fr.

Stichworte

Schweizer Besucher seien gewarnt: Ihr Land steht nicht im Zentrum der Ausstellung. Es stand eben auch nicht im Zentrum des napoleonischen Weltbildes. Allerdings war dem Herrscher der Franzosen sehr wohl daran gelegen, Ruhe an seiner Ostgrenze zu haben. Deshalb bestellte er die politische Elite der Schweiz, in der sich die Zentralisten und die Föderalisten gerade heftig bekriegten, Ende 1802 nach Paris und verordnete ihnen dort eine neue Verfassung – auch wenn mit dem Namen des Dokuments, «Mediationsakte», suggeriert wurde, er habe bloss vermittelt. Immerhin hatte sich Napoleon nachweislich tief in die Schweizer Verhältnisse eingearbeitet und ging auf Vorschläge und Einwände der anwesenden Eidgenossen so detailliert ein, dass die ebenso tief beeindruckt waren.

Die Schweizer kämpften – und fielen

Nun trägt die von der Französin Bénédicte Savoy, Kunstprofessorin an der TU Berlin, kuratierte Ausstellung den Titel «Napoleon in Europa», und als Europäer waren die Schweizer, ob sie sich als solche fühlen mochten oder nicht, beteiligt an der grossen Umwälzung, die der Kontinent von den Revolutionskriegen bis zum Wiener Kongress erlebte. Etwa als Soldaten: Die Schweiz musste Truppen stellen für die napoleonischen Feldzüge. 9000 Eidgenossen marschierten mit der Grande Armée nach Moskau, nur 700 kamen nach Hause zurück.

Einige liegen womöglich in dem Massengrab, das vor wenigen Jahren im heute litauischen Vilnius entdeckt wurde und in der Ausstellung dokumentiert ist. Andere wurden vielleicht in einer der neuen fahrbaren Ambulanzen vom Schlachtfeld geholt, damit man ihnen schnell den zerschossenen Arm, das zerfetzte Bein abnehmen konnte (ein gnädiges Wort für einen grausamen Vorgang!). Ambulanzmodell und originales Arztbesteck sind in Vitrinen zu sehen, daneben ein Block aus ballistischer Vaseline, der die Wirkung von Geschossen nachvollziehbar macht. Auf ihrem Weg in die Weichteile riss eine Gewehrkugel tiefe Wunden, schleppte Textilreste mit ein, schuf Infektionsherde, die sich entzündeten und an denen die Verwundeten elendiglich starben.

Fünf Millionen Tote

Amputation war das Mittel der Stunde (Antibiotika waren noch nicht erfunden, Anästhesie auch noch nicht). Aber sie verursachte oft Sekundärinfektionen, sodass der arme Mann erst den Arm und dann doch das Leben verlor. Wenn man die originale Knochensäge in Augenschein nimmt, die Lehrzeichnungen oder die Darstellungen verletzter Kriegsopfer, wenn man auf den interaktiven Schlachtdiagrammen die Zahl der Gefallenen anklickt (Völkerschlacht von Leipzig: 100'000), wenn man sich die Gesamtzahl von fünf Millionen Toten zu Gemüte führt: Dann schaudert es einen, und es verschwindet jede Neigung, noch die geringste Faszination zuzulassen für diesen Reiter der Kriegsfurie, der Europas Erde umgepflügt und mit Blut getränkt hat, wie dies seit dem 30-jährigen Krieg nicht mehr geschehen war und erst in den Weltkriegen des 20.Jahrhunderts wieder geschehen würde. Begriffen hat Napoleon Europa nie: Statt ein Nebeneinander der Vielfalt zu fördern, wollte er die Einheit von oben erzwingen, eine technokratische Hegemonie.

Die Ausstellung mit dem Untertitel «Traum und Trauma» ist meilen- und vor allem Jahrzehnte entfernt von den verehrungsvollen Verrenkungen, die die Franzosen zum Jubiläumsjahr 1969 veranstalteten. Bénédicte Savoy und ihrem Wissenschaftlerteam (deren Kompetenz sich vollends in dem opulenten Katalog zeigt) geht es weniger um den Kaiser selbst als um die Konsequenzen seiner imperialen Pläne für die, wie wir heute sagen würden, Betroffenen (damals hiess es schlicht und verachtungsvoll: Untertanen).

Tod und Verstümmelung sind nur die radikalsten Formen des Betroffenseins. Die Opfer kommen in der Geschichtsschreibung immer zu kurz; dass die Ausstellung sich ihnen so anschaulich und drastisch widmet, gehört zu ihren grossen Verdiensten. Ein eher intellektueller Trumpf ist die Darstellung des komplexen Verhältnisses von Modernität und Rückschrittlichkeit. Napoleon war, als er noch B(u)onaparte hiess, ein Kind der Französischen Revolution, die er beendete und fortentwickelte. Seine Verdienste um die Zivilisation Europas sind unbestreitbar: Strassenbau und Telegrafennetz, Vereinheitlichung von Massen und Gewichten, Judenemanzipation und natürlich das legendäre Gesetzbuch, der «Code civil», der zum Vorbild für unzählige Länder wurde und in dem Stendhal angeblich täglich las, um seinen Stil zu bilden. Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des deutschen Verfassungsgerichts, hat ihrer Hymne auf den «Code» im Katalog den Titel «Warum ich Napoleon liebe» gegeben.

Erst modern, dann reaktionär

Aber gerade der «Code» zeigt auch die Ambivalenz: In einer späteren Fassung nahm Napoleon, nun Kaiser, einiges Fortschrittliche zurück und führte Reaktionäres ein: etwa Privilegien für den neuen Adel, den er gerade aus der Taufe gehoben hatte. Eine ganze Abteilung (zwölf Themenkreise sind es insgesamt) gilt dem erstaunlich anachronistischen dynastischen Ehrgeiz des korsischen Parvenüs, der seine Brüder zu Königen machte und Europa zu einer Familienangelegenheit. (Stieftochter Hortense, mit einem Bruder verheiratet und Mutter Napoleons III., kaufte später das Schloss Arenenberg im Thurgau, das heute ein Napoleon-Museum beherbergt und etliche Exponate zur Ausstellung beigesteuert hat).

Unter den 380 Schaustücken sind viele Gemälde. Mit gutem Grund: Napoleon war ein genialer Inszenator und Propagandist, er kannte und nutzte die Macht der Bilder (seine Gegner übrigens auch; er war der meistkarikierte Mann seiner Zeit). Schon als General gab er Reiterporträts in Auftrag, später ein ganzes Arsenal von Insignien und Symbolen: eine frühe Form von Corporate Identity.

Die in die Weste gesteckte Hand

Die Künstler, die für ihn arbeiteten, fuhren in einer Spur, die ihre Vorgänger im alten Rom gelegt hatten, und gaben dem neuen Kaiser die bildliche Legitimität der alten: Napoleon in Augustus-Pose. Selbst die in die Weste gesteckte Hand, die erstmals 1803 von Ingres festgehalten wurde und die noch heute jeder mit dem Franzosenherrscher assoziiert, findet sich schon bei antiken Statuen. Sie symbolisiert, so der Katalog, die Tugend der Sophrosyne, der besonnenen Selbstbeherrschung – ein schlechter Witz für einen Mann, der, um seine Kriegsbeute festzuhalten, immer neue Kriege führen musste und sich damit um das Gewonnene und schliesslich um alles brachte.

Stichwort Beute: «modern» in einem zweifelhaften Sinn war Napoleon als Sammler. Nach Ägypten nahm er etliche Wissenschaftler mit, von dort Kunstobjekte und auch den «Stein von Rosette» (mit dem dann die Entzifferung der Hieroglyphen gelang). Später brachten seine Kunstexperten ganze Wagenkolonnen mit Bildern und Archivalien nach Paris, der grösste Kunstraub vor Hitler.

Wer Geschichte gern in Form von konkreten, auch persönlichen Objekten verdichtet sieht, kommt in der Ausstellung sehr auf seine Kosten: Sie zeigt einen von Napoleons grauen Gehröcken, sein Taschenfernrohr, den obligaten Zweispitz, Reisemöbel, sein Feldbett, die Gärtnerschürze von St. Helena, alles original. Aber auch einen Brustpanzer, der von einer Kanonenkugel durchschlagen wurde. Vorne und hinten. Dazwischen war einmal ein Mensch. Der hiess François-Antoine Faveau und fiel am 18. Juni 1815 in der Schlacht von Waterloo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2011, 06:10 Uhr

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12 Kommentare

Robert Minder

11.01.2011, 09:04 Uhr
Melden

Es ist immer wieder belustigend zu sehen, wie unsere Nationalkonservativen jedes, aber auch wirklich jedes Thema zu einem Rundumschlag gegen die verhasste EU umbiegen können. Antworten


Andreas D. Meier

11.01.2011, 08:06 Uhr
Melden

Nicht nur Napoleon war ein "Schlächter", auch andere historische Figuren wie "Friedrich der Grosse" oder "Alexander der Grosse" , "Peter der Grosse", die Span. Entdecker usw. gingen mit ihren Untertanen im eigenen Reiche bzw. in den eroberten Gebieten nicht eben pfleglich um, nur war die Kriegsmaschinerie von Napoleon weiter fortgeschritten und "effizienter" im Töten, als frühere "Feldherren"! Antworten



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