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Rütligeist im Dorngebüsch

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 24.07.2010

Am 25. Juli vor siebzig Jahren fand der Rütlirapport statt. Er begründete General Guisans Ruhm und wurde zu einem Mythos der Nation. Auch dank einem Foto des Reporters Theo Frey.

1/4 Lauschen den Worten des Generals: Offiziere auf dem Rütli, 25. Juli 1940.
Bild: Keystone

   

Die Mission war eigentlich geheim. Die ganze Armeespitze auf einem Dampfer, der mit 26 km/h über den Vierwaldstättersee bummelt: ein Anschlag, und die Schweiz wäre am Ende gewesen. «Mein Chef machte mir die grösste Verschwiegenheit zur Pflicht», erinnerte sich später Theo Frey. Er war im Aktivdienst Reporter, uniformierter Fotograf im Pressebüro des Armeestabs. Doch als er am Vorabend des 25. Juli 1940 in Luzern eintraf, mit einem Handorgelfutteral, in dem er die Fotoausrüstung transportierte, sein Zimmer im Hotel Mostrose bezog und sich dann an den Tisch zum Essen setzte, da wusste die Serviertochter schon Bescheid: «Dann werden Sie wohl morgen aufs Rütli fahren?»

Von ihr erfuhr Frey alles, was er für sich behalten sollte. Zum Beispiel, dass das Schiff die «Stadt Luzern» war. Und wann sie ablegte. Anderntags war es mit dem Geheimnis erst recht vorbei. Fast fünfhundert Offiziere vom Major an aufwärts, die sich zu einer Seefahrt trafen – Theo Frey bahnte sich durch die Schaulustigen seinen Weg zum Quai. An Bord erkannte er einen Detektiv in Zivil, der ihm schon im Bahnhofbuffet aufgefallen war. Bewaffnete Motorboote begleiteten das Dampfschiff bis zum Rütli. Und bevor es dort eintraf, bekam Frey eine Aufmunterung vom General: «Mached Sis guet!»

Foto wurde zur Ikone

Das tat er. Frey hatte einen Exklusivauftrag, als offizieller und einziger Fotograf an diesem Tag, und er trug dazu bei, dass der Rütlirapport Geschichte machte – als leuchtendes Symbol nationaler Einigkeit. Und als Höhepunkt von Guisans Karriere. Doch das brauchte seine Zeit: «Der Rapport wurde erst später zum Mythos», so Freys Eindruck. Tatsächlich bekam er seine ganze Bedeutung erst im Licht des Kriegsausgangs.

«In seiner Zeit unterschied sich das Ereignis nicht so sehr von einer Vielzahl anderer militärischer Angelegenheiten, über die die Presse berichtete», schreibt Sabine Münzenmaier von der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. In einem Aufsatz hat sie rekonstruiert, wie Theo Frey seine Mission erfüllte. Und wie eines seiner Fotos zur Ikone wurde – eines, auf dem der General gar nicht zu erkennen ist.

Ein später PR-Erfolg der Armee

Im Juni 1940 hatte Frankreich kapituliert, die Schweiz war eingeschlossen, und eingeschüchtert war sie auch. Mit einer zweideutigen Radiorede hatte Bundespräsident Pilet-Golaz die Befürchtungen geschürt, das Land könnte sich ergeben. Einen Monat später versammelte der General die Truppenkommandanten auf der Seelenwiese der Nation, erklärte ihnen die prekäre Lage und den Rückzug in die Alpen und beschwor den Glauben an Widerstand und Unabhängigkeit. «Ich hatte den Auftrag, den Anlass gut zu dokumentieren, damit via Presse das ganze Land vom neuen Verteidigungskonzept erfahre», so Theo Frey. Dass aus diesem Anlass für Offiziere ein identitätsstiftender nationaler Mythos werden konnte, ist auch ein später PR-Erfolg der Armee.

Als am 29. Juli 1940 die ersten Berichte erschienen – die Pressezensur musste erst noch ihre Arbeit machen –, verzichteten die Redaktionen auf eigene Berichte und druckten das Communiqué des Armeestabs ab, eine Zusammenfassung der Rede Guisans und seines Befehls an die Armee. So erschien derselbe Artikel mit demselben Titel im «Bund», im Zürcher «Tages-Anzeiger» und in der Basler «National-Zeitung»: «Ein ‚Armee-Rapport auf dem Rütli».

Einen Tag später sah man dann auch die ersten Bilder Freys. Die Zeitungen publizierten sie mit einem weiteren Communiqué, einem Text in Briefform, in dem sich ein «Schweizeroffizier» an den «Schweizersoldaten» richtete. Er war emotionaler als der vergleichsweise prosaische Guisan, und er gab dem Ereignis bereits die symbolische Richtung, mit der es dann zum Mythos wurde. «Warum hat der General ausgerechnet das Rütli für die Besammlung vorgesehen?», heisst es da. «Weil er ganz genau wusste, dass dort noch andere Dinge zu unseren Herzen reden: die Landschaft, der Ort, die Erde.»

«Block ohne Riss»

Diese Wiese war richtig, denn hier wohnte der Geist der drei Eidgenossen, der Geist von Freiheit und Unabhängigkeit, der die Nation jetzt nochmals beseelen sollte. «Standhalten, als einziges ruhiges Schweizervolk», heisst es denn auch im Brief des Offiziers: «Ein Block ohne Riss. Ein einziger, unabhängiger Wille zur Verteidigung des Landes, so unermesslich mächtig, wenn das Volk als Hüter des Gotthards aufsteht. Wie soll auf dem Gotthard eine andere Flagge wehen als die Schweizerfahne: das strahlend weisse Kreuz auf blutigrotem Grund.»

Egal, dass man nichts Rotes sieht auf den Schwarzweissfotos von Theo Frey: Eines seiner Sujets war die ideale Projektionsfläche für diese Botschaft. Da sieht man den «Block ohne Riss», der auf der Wiese steht, aus erhöhter Distanz von hinten aufgenommen, vor der Kulisse von Vierwaldstättersee und Alpen (Bild oben). Diese Szene ist ins kollektive Gedächtnis eingegangen – und keines der Fotos, die der Armeereporter an diesem Tag auch noch machte: der General bei der Begrüssung der Wirtsleute vor dem Rütlihaus, die Offiziere auf dem Ausflugsdeck der «Stadt Luzern» oder die Sicherheitsbeamten in ihren Regenmänteln.

In diesen Fotos steckt konkrete Information über das Ereignis und die Beteiligten. In der berühmt gewordenen Szene dagegen zeigt sich sogar das Militärische der Veranstaltung erst auf den zweiten Blick. «Jegliche politische Brisanz ist aus der Szene gewichen», so Münzenmaier: Das Zeitdokument wirkt seltsam zeitlos. Dafür sorgt vor allem der archaische Schopf, den Frey links prominent ins Bild rückte; einzige Spur der Moderne ist die Fahnenstange rechts am Rand. Möglicherweise wurde sie eben darum in vielen Publikationen aus dem Bild geschnitten.

Der Wille der Natur

Kurzum: Das berühmteste Zeugnis eines historischen Moments ist eigentlich ein Landschaftsbild. Doch was ihm als Dokument abgeht, wiegt es als Sinnbild auf. Und gerade das Sinnbildliche macht Ikonen aus. Tatsächlich ist die Landschaft hier nicht nur Kulisse, sondern eine Botschaft. Theo Frey bettet die Versammlung der Offiziere in die Bergwelt ein; im Schoss der Alpen findet eine bedrängte Gemeinschaft zu Einigkeit nach innen und Widerstand nach aussen. Damit hat Frey nichts anderes komponiert als die Urszene der Eidgenossenschaft. Und damit rechtfertigt dieses Bild auch die neue militärische Strategie, die Guisan an diesem Tag verkündete – die Alpen als natürliche Festung, die der Nation die Freiheit garantieren soll. Seinerzeit nicht unumstritten, erscheint der Entscheid fürs Réduit hier wie der Wille der Natur. Oder, in den Worten des «Schweizeroffiziers», als Weisheit von «Landschaft», «Ort» und «Erde».

Wahrscheinlich hatten die Offiziellen diese visuelle Pointe bereits vor Augen, als sie Frey aufs Rütli schickten. «Meine Aufgabe war es jetzt, Gesamtbilder dieser feldgrauen Landsgemeinde zu machen», schrieb er jedenfalls später, «und zwar unter Einbezug des grossartigen, beim herrschenden Südwestwetter dramatisch belebten Alpenpanoramas.» Die Qualitäten seines famosen Bilds zeigen sich erst recht im Vergleich mit einer heute nicht mehr bekannten Variante des Sujets, die die NZZ seinerzeit abdruckte, zusammen mit dem Brief des Offiziers (kleines Bild oben): In der flacheren, parkähnlichen Situation verliert die Bergwelt an Präsenz – und damit auch an symbolischer Bedeutung.

Zaungast am Waldrand

Wann wird ein Foto zur Ikone? Das Potenzial dazu hatte das berühmt gewordene Bild von Anfang an. Doch es dauerte drei Jahrzehnte, bis es sich durchsetzte. Zunächst wurden in Büchern und Artikeln verschiedene Bilder Freys verwendet, auch mehrere Versionen der «feldgrauen Landsgemeinde». Das änderte sich laut Münzenmaier ums Jahr 1989. Damals begann die Wiederentdeckung von Freys Werk, zunächst mit dem Bildband «Rückblende», den er selber zusammenstellte. Und gleichzeitig rückte die Kriegszeit ins öffentliche Interesse, mit den «Diamant»-Feiern zum Jahrestag des Kriegsausbruchs. Beide Erinnerungsmomente machten Freys Bild endgültig zur Ikone: Seither gibt es praktisch nur noch diesen Blick auf den 25. Juli 1940.

Der Fotograf musste ihn sich erarbeiten an jenem Tag. Freys Objektiv rückte die Dinge heran; um das ganze Panorama einzufangen, brauchte er mehr Abstand, und den gewann er mit den Füssen auf dem abschüssigen Gelände. «Ich musste mich an die rückwärtigen Halden zurückziehen, wo ich bis an den Waldsaum aufstieg. Hier stiess ich auf Schwarzdornsträucher, Brombeerstauden und Heerespolizisten.» Kein Weiterkommen in den Wald – hier entstand das Bild, das Geschichte machte. Den Fotografen machte es zum «Zaungast», wie Frey es selber nannte: Die Ansprache des Generals hörte er hier oben nicht.

Sabine Münzenmaiers Aufsatz ist erschienen im Sammelband: Bilder, leicht verschoben. Hrsg. von Ulrich Binder/Matthias Vogel. Limmat, Zürich 2009. – Weitere Quellen: Theo Frey, Fotografien. Hrsg. von Peter Pfrunder. Limmat, Zürich 2008; Theo Frey: Rückblende. Fünfzig Jahre Bildberichte. Offizin, Zürich 1989. (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2010, 16:41 Uhr

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