Schweizer Pfahlbauern sollen zu spätem Weltruhm kommen
Unter Federführung der Schweiz reichen Deutschland, Italien, Frankreich, Österreich und Slowenien am Dienstag in Paris die Kandidatur ein. In all diesen Ländern wurden entlang der Alpen Siedlungsreste von Pfahlbauern gefunden. Sie stammen aus der Stein- und Bronzezeit und datieren von 4300 bis 800 vor unserer Zeitrechnung und überdauerten unter Wasser oder in feuchten Böden bis heute.
Wie der Direktor des Bundesamts für Kultur, Jean-Frédéric Jauslin, am Montag vor den Medien sagte, wollen die Alpen-Länder mit der Kandidatur das Interesse für die Geschichte dieser Siedlungsspuren fördern.
Siedlungsreste besser schützen
Sollten die Pfahlbauer-Siedlungen das Welterbe-Label erhalten, führt dies laut Jauslin zu einem besseren Schutz der Spuren. Ausserdem kann so die Forschung gestärkt und das Wissen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Oft stelle man die Alpen als Barriere zwischen Nord- und Südeuropa dar. Die über 1000 Siedlungen, die in den Alpenländern bei Seen oder in Moorgebieten entdeckt wurden, beweisen laut Jauslin das Gegenteil. Sehr früh sei es zu einem Austausch zwischen Völkern rund um die Alpen gekommen.
Intensiv zusammengearbeitet haben die Länder auch bei der Weltkulturerbe-Kandidatur. In den sechs Ländern waren 130 Forscher aus 30 archäologischen Instituten oder Amtsstellen an der Ausarbeitung des Dossiers beteiligt. Der Lead lag dabei in der Schweiz, die seit den ersten Funden Mitte des 19. Jahrhunderts in der Drei-Seen-Region in der Pfahlbau-Forschung führend ist.
Gestärkte Forschung
Kernstück ist das erste länderübergreifende Inventar aller bekannten Pfahlbau-Fundstätten. Darin werden die Fundstellen kartographisch dargestellt und beschrieben. Das Inventar gibt Auskunft über Datierung, den historischen Wert, den Zustand und mögliche Bedrohungen.
Allein durch diese Arbeiten wurde die Pfahlbauer-Archäologie bereits deutlich gestärkt. Die Forscher erhoffen sich aber weitere Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung früher Agrargesellschaften um die Alpen.
«Vieles lässt sich nur im Zusammenhang mit allen andern Siedlungen verstehen», sagte Helmut Schliechtherle, vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Das Forschungs-Potenzial sei noch gross, denn insgesamt sei von der wissenschaftlichen Substanz der Pfahlbau-Siedlungen erst 2 bis 5 Prozent erforscht.
Tourismus-Interessen zweitrangig
Laut dem österreichischen Botschafter in Bern, Hans Peter Manz, ist bei dieser Kandidatur nicht der Tourismus der Treiber. Im Vordergrund steht neben der Erforschung der Schutz dieses Kulturerbes.
Dazu enthält die Kandidatur einen Management-Plan, in dem Massnahmen zum Schutz und zur Erforschung zusammengefasst sind. Droht etwa die Zerstörung von Siedlungsspuren durch Austrocknung von Böden, können diese Gebiete wieder befeuchtet werden. An Fundstellen in Ufernähe könnten auch Tauchverbote erlassen werden.
Nach der Einreichung des 1300 Seiten starken Kandidaten-Dossiers werden sich nun die UNESCO-Experten über das Dossier beugen und eine Empfehlung an den UNESCO-Rat abgeben, der voraussichtlich im Juni 2011 entscheiden wird.
Es handelt sich um die letzte Kandidatur, die der Bundesrat 2004 auf eine Liste möglicher UNESCO-Welterbe-Kandidaturen gesetzt hatte. Jauslin tönte an, dass der Bund nun eine Pause einlegen will. Die Schweiz sei mit mittlerweile 10 Welterbe-Stätten im internationalen Vergleich gut vertreten, sagte er. (tan/sda)
Erstellt: 25.01.2010, 16:13 Uhr







