Sensationsfund: Ur-Tante des Menschen
Das Skelett des katzenartigen Tieres mit auffallend langem Schwanz könnte neues Licht auf die Vorgeschichte werfen: Nach Ansicht von Forschern gibt das Tier Hinweise darauf, wie ein weit entfernter Vorfahre von Affe und Mensch ausgesehen haben könnte. Andere sind skeptischer. Nach ihrer Meinung kann man bei dem Fund nicht von einem Durchbruch sprechen, der Rätsel der frühen Evolution löst.
Das Fossil wurde 1983 von einem privaten Sammler in der Grube Messel entdeckt. Bis 2007 blieb es in Privatbesitz, dann wurde das versteinerte Skelett an die Universität von Oslo verkauft. Der norwegische Paläontologe Jörn Hurum stellte den Fund am Dienstag auf einer Pressekonferenz in New York vor. Es sei das besterhaltene Primaten-Fossil, das je gefunden worden sei, schwärmt Hurum. Er hat das Tier nach seiner sechs Jahre alten Tochter Ida benannt. Der wissenschaftliche Namen des Fossils lautet Darwinius masillae, zu Ehren des Naturforschers Charles Darwin und des Fundortes Messel.
Kein direkter Vorfahre von Mensch und Affe
In evolutionärem Sinne sei «Ida» so etwas wie eine Tante, die vor vielen Generation gelebt habe, erklärt Jens Franzen vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main. Keiner der Forscher spricht von einem direkten Vorfahren von Mensch und Affe.
Bei «Ida» handelt es sich nach Angaben von Hurum und seiner Kollegen um ein neun bis zehn Monate altes Weibchen. Das Fossil ist zu 95 Prozent vollständig, sogar Pfotenspitzen mit Krallen sind zu sehen. Lediglich ein Unterschenkel fehle, sagte Hurum. Selbst der Darminhalt blieb erhalten und zeigt, dass sich «Ida» von Blättern und Früchten aus dem Regenwald ernährt hat.
Experten, die nicht mit dem Fund verbunden sind, sprachen zwar von einem bemerkenswert gut erhaltenen Fossil, bezweifelten aber die Schlussfolgerung Hurums und seiner Kollegen, dass «Ida» eine relativ nahe Verwandte von Mensch und Affe sei. «Ich denke, es stellt den weitest möglichen Punkt vor, den man in der Entwicklungsgeschichte gehen kann und an dem man immer noch von einem Primaten sprechen kann», erklärte K. Christopher Beard vom Carnegie-Museum für Naturgeschichte in Pittsburgh. Bei «Ida» handele es sich weniger um eine Tante aus grauer Vorzeit, sondern vielmehr um eine Art von Grosscousine dritten Grades. Das Fossil aus Südhessen habe mit den Vorgängern in der Ahnenreihe des Menschen nur «sehr periphere» Ähnlichkeiten, sagte Beard.
Ausserdem verfüge die Wissenschaft bereits über ein Fossil aus China, das aus etwa der gleichen Zeit stamme und weitgehend als Mitglied der Ahnenreihe von Mensch und Affe akzeptiert sei, sagte Beard weiter. Das Tier sei weitaus kleiner als sein Pendant aus Messel und habe sich auch anders ernährt.
«Ziemlich schwaches Bindeglied»
Noch skeptischer äussert sich John Fleagle von der State University of New York. «Offen gesagt, erzählt uns das neue Fossil nicht viel über die Ursprünge der Anthropoiden», sagte er. Die Forscher hätten nur ein «ziemlich schwaches Bindeglied» zwischen der Kreatur und den höheren Primaten aufzeigen können. Allerdings hätten die Wissenschaftler bei der Entschlüsselung von Informationen aus dem Fossil hervorragend gearbeitet.
«Ida» soll nach ihrer Präsentation im New Yorker Museum für Naturgeschichte als Nachbildung Teil einer neuen Säugetier-Ausstellung werden. Die Werbetrommel für den neuen Fossilienfund hat der Kabel-TV-Sender History Channel gerührt, der von einem «revolutionären wissenschaftlichen Fund, der alles verändern wird» sprach. Hurum sagte, es sei nichts gegen die grosse öffentliche Aufmerksamkeit einzuwenden. «Das gehört dazu, wenn man Wissenschaft in die Öffentlichkeit bringen und Aufmerksamkeit erhalten will. Das kann so falsch nicht sein», sagte der Norweger. (mbr/ap)
Erstellt: 20.05.2009, 11:01 Uhr










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