So lebte Genfs wichtigster Banker

Wer war Jean Calvin? Wie hat er gelebt? Dank moderner Informationstechnologie kann das Publikum im Reformationsmuseum von Genf acht Stationen im Tag des Reformators miterleben.

Animiert: So stellen sich die Forscher Calvin vor.

Müsse de la Reforme

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Die Besucher haben es natürlich geahnt. Der beflissene und gestrenge Reformator von Genf war ein Morgenmensch. Doch dass Jean Calvin gleich um vier Uhr in der Frühe aufsteht ? Sein Tag beginnt mit einem Gebet, einem Dank an «meinen Gott, Vater und Retter» für das Geschenk einer Nacht und eines neuen Tags. Dass sich Calvin dieses Geschenk hart verdienen muss, wird in der Ausstellung «Ein Tag im Leben von Calvin » schnell klar : Von Bauchschmerzen gepeinigt, legt er sich erneut ins Bett, bevor er um fünf Uhr seinen Sekretär zur gemeinsamen Arbeit ruft.

Dass Jean Calvin 500 Jahre nach seiner Geburt im französischen Noyon im reformierten Genf zu neuem Leben erweckt wird, ist dem Team des Informatiklabors Miralab der Universität Genf zu verdanken. In Zusammenarbeit mit dem Internationalen Reformationsmuseum wurde der Reformator mithilfe von Gemälden, Stichen und Dokumenten, in denen Calvin beschrieben wird, animiert. So erscheint er dem Publikum in vier von acht kleinen Pavillons als dreidimensionale Figur, bewegt sich und spricht, als wäre im Mittelalter ein Dokumentarfilm über ihn gedreht worden. Dahinter stecken Schauspieler, die beim Bewegen und Sprechen gefilmt wurden, sowie eine Menge moderner Informationstechnologie. So erfahren die Besucher etwa, dass Calvin leidend war. Fast ständig hatte er Migräne, und wegen seines empfindlichen Magens hielt er Diät. Beispielsweise verzichtete er ganz auf Fisch, obwohl er diesen gerne gegessen hätte, wie er in einem Brief an einen Freund schreibt.

Calvin als Networker

Freunde und Bekannte hatte Calvin viele; in der heutigen Sprache würde man ihn einen ausgezeichneten «Networker» nennen. In ganz Europa unterhielt er Briefkontakte, über 4500 Briefe sind bekannt, ebenso viele vielleicht verloren gegangen. In seinem Briefkontakt, dem ein eigener Pavillon gewidmet ist, zeigt Calvin seine private, sensible Seite, behandelt aber auch ausführlich ethische und theologische Fragen. So rechtfertigt Calvin, der vielen als Wegbereiter des Genfer Finanzplatzes gilt, in einem Brief aus dem Jahr 1545 das Zinsgeschäft.

Calvin brauchte seine Freunde umso mehr, als er früh Frau und Kind verloren hatte. 1540 heiratete der damals 31-Jährige bei einem Aufenthalt in Strassburg Idelette de Bure, die zwei Jahre später einen Sohn zur Welt bringt. Jacques überlebt nicht, und sieben Jahre später stirbt auch Idelette. «Grausam» habe ihn der Verlust getroffen, schreibt Calvin in einem Brief, doch versuche er, auch dank der Hilfe seiner Freunde, so gut wie möglich seinen Kummer zu bezwingen.

Entschärfter Hardliner

Der Blick zurück erlaubt den Ausstellungsmachern, speziell auf Eigenschaften einzugehen, die der umstrittenen und komplexen Person aus heutiger Sicht zugeschrieben werden – und bei denen der historische Kontext vielfach vergessen geht, wie Museumsdirektorin Isabelle Graesslé feststellt. So bekräftigt Calvin bei seinem Auftritt vor dem Konsistorium seinen Ruf als gestrenger Sittenwächter, als er Françoise Favre scharf attackiert, weil sie in ihrem Haus einen Ball organisiert hat. Denn wer im mittelalterlichen Genf gegen das Tanzverbot verstösst, wird mit drei Tagen Gefängnis bestraft. Umgekehrt entschärft eine Szene vor dem Kleinen Rat das Bild, das Calvin neben der Bewunderung für sein Wirken heute noch Abscheu einträgt : Calvin erscheint nicht als die treibende Kraft bei der Verurteilung von Michel Servet zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Vielmehr hätte er persönlich dem spanischen Arzt und Theologen die Todesstrafe gerne erspart.

Calvin predigt, schreibt, übersetzt, lehrt: Sein Tag ist randvoll mit Arbeit, beschliessen wird er ihn abends um 21 Uhr mit Lesen und Beten. Was er dabei für die Gesellschaft geleistet hat, hofft Museumsdirektorin Graesslé mit der Ausstellung aufzuzeigen. «Im damaligen kulturellen Kontext brach Calvin mit dem alten Religionsmodell, das auf Angst und Aberglauben aufbaute, zugunsten von Humanismus und gegen jegliche Form der Dominanz». Vielleicht lernen auch die Genfer, die ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Calvin pflegen, in der Ausstellung neue Facetten ihres «Übervaters» kennen. Zeit und Konzentration sind dafür trotz der Kleinräumigkeit der Ausstellung und der lebendigen Form der Vermittlung erforderlich.

Die Ausstellung «Ein Tag im Leben von Calvin» im Internationalen Reformationsmuseum in Genf an der Rue de Cloître 4 dauert bis zum 1. November und ist von Dienstag bis Sonntag von 10–17 Uhr geöffnet.

www.musee-reforme.ch (Der Bund)

(Erstellt: 02.06.2009, 07:47 Uhr)

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