Weltuntergang muss verschoben werden

Nach dem Maya-Kalender droht im Dezember 2012 Schlimmes, so glauben Esoteriker. Doch sie gehen von falschen Annahmen aus. Das zeigen unter anderem Computerberechnungen.

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In den Buchhandlungen stapeln sich bereits die Bücher mit der Zahl 2012 auf dem Umschlag. Sie beschreiben «geheimes Wissen» um «die Rückkehr der gefiederten Schlange», «das Ende aller Tage» oder den «planmässigen Eintritt der Erde in das Paralleluniversum». Ursache für die Prophezeiung der Endzeit ist ein über 5000-jähriger Zyklus im Maya-Kalender, der in gut drei Jahren ausläuft. Auch für Erich von Däniken ist das ein Anlass, im Mystery Park in Interlaken Vorträge über das Thema zu halten.

Im Dezember 2012 gehe die Welt unter, titelte denn auch bereits die Boulevardpresse. «Ein Schwachsinn, der nicht von mir stammt», wehrt sich von Däniken und meint, man wisse beispielsweise nicht, ob der Maya-Kalender wirklich im Jahr 2012 auslaufe. «Wir sind gar nicht sicher, ob dieses Datum stimmt.» Tatsächlich ist die Umrechnung des Maya-Kalenders in unseren keineswegs trivial. Das Problem fängt beim Beginn der Zeitrechnung des mittelamerikanisches Volkes an.

Maya-Chronologie verschoben

Die Mehrheit der Archäologen geht heute davon aus, dass die Zählung der Maya am 11. oder 13. August 3114 v. Chr. begonnen hat. Diese Datierung beruht unter anderem auf dem Vergleich von Kalenderangaben im Maya-Kalender und in der christlichen Zeitrechnung, die zusammen auf kolonialzeitlichen Dokumenten zu finden sind. Stimmt dieses Startdatum, endet der Maya-Zyklus nach genau 5125 Jahren tatsächlich am 21. oder 23. Dezember 2012. Doch der deutsche Vermessungsingenieur Andreas Fuls und der kanadische Archäologe Bryan Wells kommen zu einem anderen Resultat.

«Ich habe alte astronomische Daten mit modernen Berechnungen verglichen», erklärt Fuls. Er wählte vier astronomische Ereignisse, welche die Maya im Lauf von Jahrhunderten aufgezeichnet hatten, darunter eine Venusfinsternis. Dann rechnete er mit dem Computer nach, wann eine derartige Abfolge von Himmelsphänomenen in der Vergangenheit stattgefunden hatte. «Es gab nur eine einzige Lösung», erzählt Fuls.

Die Konsequenz: «Die bisherige Maya-Chronologie muss um 208 Jahre verschoben werden.» Das heisst, die klassische Maya-Kultur datiert nicht von 300 bis 900 n. Chr. wie bis anhin angenommen, sondern von 500 bis 1100 n. Chr. «Das Jahr 2012 verschiebt sich ins Jahr 2220», so Fuls. Der Weltuntergang lässt also auf sich warten.

«Gemeint ist die Präzession der Erdachse»

Allerdings konnte der Ingenieur die Archäologen bisher kaum von seiner These überzeugen. Und auch in der Esoterik-Szene glaubt man weiterhin, dass sich schon bald Unheil anbahnt. Dem 21. oder 23. Dezember 2012 kommt angeblich eine kosmische Bedeutung zu, was die Endzeitfantasien besonders anregt. In einem Film auf Youtube erwähnt Erich von Däniken, an diesem Datum zeige die Erdachse zum ersten Mal seit 25 800 Jahren wieder exakt ins Zentrum der Milchstrasse. «Auch das ist Blödsinn», sagt der Bestsellerautor. «Gemeint ist die Präzession der Erdachse.» Im sogenannten Dresdner Codex, einer von nur vier erhaltenen Handschriften der Maya, würden sich Hinweise auf dieses Phänomen finden.

Unter der Präzession versteht man die Taumelbewegung, welche die Erdachse im Laufe von etwa 26 000 Jahren ausführt – einen Effekt, den man auch bei einem Kinderkreisel beobachten kann. Die Ursache dafür: Die Erde ist abgeplattet und hat am Äquator einen Wulst. Zudem steht die Erdachse nicht senkrecht zur Ebene, auf der die Erde um die Sonne läuft, der sogenannten Ekliptik. Sonne und Mond zerren deshalb am Äquatorwulst und möchten die Erdachse aufrichten. Diese weicht – wie die Achse des Kinderkreisels – rechtwinklig aus.

Düstere Fantasien

Aufgrund der Präzession zeigt die Erdachse nicht immer in Richtung Polarstern, wie jetzt – und auch noch im Dezember 2012. Es gehe aber nicht um die Nordrichtung, präzisieren Esoteriker, sondern um den Punkt der Wintersonnenwende, jenen Zeitpunkt, in dem die Sonne auf der Nordhalbkugel ihre geringste Mittagshöhe über dem Horizont erreicht.

Tatsächlich ist die Präzession auch die Ursache dafür, dass dieser Punkt im Laufe der Zeit durch die Tierkreissternbilder wandert. Bei der Wintersonnenwende im Jahr 2012 stehe die Sonne auf einer Linie mit dem Zentrum unserer Galaxis, so die Behauptung. Dies könnte einen magnetischen Polsprung zur Folge haben, wird fantasiert. «Seit der Geschichtsschreibung wird die Menschheit zum ersten Mal Zeuge dieses astronomischen Ereignisses», liest man im Internet.

Wintersonnenwendepunkt Ende 2225 erreicht

Dieter Koch, Softwareentwickler und Experte für Archäoastronomie, hat nachgerechnet. Am 23. Dezember 2012 liegt das Zentrum der Milchstrasse auf 27 Grad Schütze im Tierkreis der Astrologen und nicht auf 0 Grad Steinbock, dem Wintersonnenwendepunkt, wie behauptet. So lautet das Ergebnis des präzisen Computerprogramms. «Das galaktische Zentrum wird erst Ende 2225 den Wintersonnenwendepunkt erreichen», sagt Koch.

Ein anderer bedeutsamer Punkt könnte der Schnittpunkt der galaktischen Ebene mit der Ekliptik sein. Dieser steht tatsächlich sehr nahe am Wintersonnenwendepunkt. «Allerdings hat er ihn bereits im Jahr 1994 überschritten», so Koch. Ende 2012 werde dieser Schnittpunkt infolge der Präzession bereits 15 Bogenminuten über den Wintersonnenwendepunkt hinausgewandert sein. Auch damit lässt sich also keine Übereinstimmung mit dem Ablauf des Maya-Kalenders konstruieren.

Quatsch in der Presse

Es sei «völliger Blödsinn», dass im Dresdner Codex etwas über die Präzession der Erdachse stehe, urteilt Nikolai Grube, Professor an der Universität Bonn und einer der weltweit renommiertesten Kenner der Maya-Kultur. Eigentlich sei alles, was über das Jahr 2012 in der Presse geschrieben werde, völliger Quatsch: «Keine Inschrift und kein Codex der Maya enthalten Angaben über die Bedeutung dieses Datums, und keine Prophezeiung lässt sich finden, welche die Behauptungen über ein angekündigtes Weltenende stützen könnte.»

Die Apokalypse 2012 sei eine moderne Erfindung, die den Maya zugeschrieben werde, so Grube. «Ganz offensichtlich eignen sich wenig bekannte und exotische Völker wie die Maya ganz besonders gut als Projektionsfläche für die Wünsche und Ängste von Menschen aus der kapitalistischen Welt.» Für die Maya bedeute das Datum nicht mehr als das Ende eines Kalenderzyklus, nach dem ein weiterer beginnen werde. Und selbst Erich von Däniken meint, im Dezember 2012 werde gar nichts passieren: «Es fängt einfach wieder von vorne an.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.08.2009, 20:53 Uhr)

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