Wie die Gladiatoren lebten – und starben
Von Daniel Bächtold. Aktualisiert am 20.01.2009
Zwischen einer gepflasterten Strasse und dem Prozessionsweg zum Artemistempel haben sie ihre letzte Ruhestätte gefunden. 300 Meter östlich des Stadions von Ephesos, dem wahrscheinlichen Ort ihres finalen Gefechts. Dicht gedrängt wurden hier vor 1800 Jahren 67 Männer und eine Frau beerdigt. Von drei Gräbern sind Reliefs erhalten geblieben. Eines davon zeigt Palumbus, einen bärtigen Gladiatoren mit Schild und Helm, das einfache Grabmal hatte Hymnis errichtet, seine Ehefrau.
Die Männer waren zum Zeitpunkt ihres Todes auch für damalige Verhältnisse jung, lediglich zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ihre knöchernen Überreste weisen Hieb- und Stichwunden auf, einige Schädel sind zertrümmert. Die Männer von Ephesos sind eines gewaltsamen Todes gestorben.
Vieles ist aus dem Leben und Sterben von Gladiatoren in Bild und Wort überliefert. Auch einige Waffen, Helme und Schutzschilde sind erhalten geblieben. Sterbliche Überreste dieser Kämpfer aber gibt es kaum. Mit einer Ausnahme: «Der Gladiatorenfriedhof in Ephesos ist weltweit einzigartig», erklärt Karl Grossschmidt von der Medizinischen Universität Wien. Der Anthropologe untersucht bereits seit einigen Jahren zusammen mit Kollegen die Knochen und Schädel der Gladiatoren von Ephesos. Anhand der sterblichen Überreste rekonstruieren die Forscher deren Leben.
Sprechende Skelette
Auch wenn wir unser Skelett als fest erleben, Knochen sind ein äusserst dynamisches Gewebe. Körperliche Arbeit zeigt sich nicht nur in der Ausbildung von Muskeln, sondern auch in spezifischen Veränderungen am Knochen. Jene Stellen, an denen Muskeln, Bänder und Sehnen befestigt sind, werden bei Belastungen verbreitert. Oder es bilden sich kleine knöcherne Höcker aus. Anhand solcher morphologischer Veränderungen konnte Grossschmidt beispielsweise die Helmträger unter den Toten von Ephesos identifizieren. «Der Gladiatorenhelm war sehr schwer. Das hatte Auswirkungen auf die Nackenmuskulatur und deren Ansatzstellen am Hinterkopf», erklärt der Anthropologe.
Am Fussgelenk wiederum zeigt sich, dass die Gladiatoren barfuss gekämpft haben. Beim Barfusslaufen werde der Fuss breiter und weise auch andere Merkmale auf, so Grossschmidt. Momentan suchen die österreichischen Forscher an den Fussgelenken der Kämpfer nach spezifischen Auswirkungen des harten Trainings. «Wir machen eine Vergleichsstudie mit römischen Legionären, die feste Sandalen trugen», erklärt Grossschmidt.
Unsere Vorstellung vom Leben der Gladiatoren ist geprägt von Sandalenfilmen wie «Gladiator» von Ridley Scott aus dem Jahr 2000. Russell Crowe tritt da in festem Schuhwerk gegen mehrere, übermächtig erscheinende Gegner an. Ein anderer Kampf wird als wüstes Gemetzel dargestellt, als Schlacht ohne Struktur.
Auf Fairness wurde geachtet
Dabei könnte die Realität nicht weiter davon entfernt sein. Zwar wurden dem römischen Volk gelegentlich Massenkämpfe geboten. Normalerweise aber traten immer zwei Gladiatoren gegeneinander an. Deren Waffen und Rüstungen waren zudem so gestaltet, dass keiner der Kämpfer einen offensichtlichen Vorteil hatte.
Die vor allem in der Spätphase des Römischen Reiches beliebteste Gladiatorenpaarung war Retiarius und Secutor. Retiarius war der Netzkämpfer, der einzige helmlose Gladiator, bewehrt mit Dreizack, Kurzschwert und Netz. Sein Gegner Secutor war schwer bewaffnet, trug einen grossen Schild, einen Helm mit kleinen Gucklöchern, Beinschiene und Kurzschwert. Trotz der unterschiedlichen Ausrüstung herrschte zwischen den beiden Kontrahenten Chancengleichheit, wie neuere Experimente belegen konnten.
Beim Kampf achteten Schiedsrichter peinlich auf das Einhalten der Regeln. Dass sich die Gladiatoren nicht gegenseitig blindwütig abschlachteten, belegen auch die Knochen von Ephesos. «Wir fanden viele Individuen mit mehreren Schädelverletzungen, die aber alle mehrere Jahre alt und beim Eintritt des Todes gut verheilt waren», sagt Grossschmidt. Kein einziger Gladiator aus dem Friedhof hatte mehrere potenziell tödliche Verletzungen.
Gekämpft wurde meist bis zum bitteren Ende. Selten endete der Kampf unentschieden. Ob der Spielleiter tatsächlich mit dem nach unten gedrehten Daumen signalisierte, der Unterlegene sei hinzurichten, ist unter Experten umstritten, wie der deutsche Experimentalarchäologe Marcus Junkelmann in seinem Standardwerk «Gladiatoren - Das Spiel mit dem Tod» schreibt.
Einigkeit herrscht hingegen darüber, wie der Verlierer den Todesstreich zu empfangen hatte: Fand er noch die Kraft, musste er kniend dem Gewinner den blossen Hals darbieten. Dieser stiess ihm sein Schwert durch die Kehle bis ins Herz. War der Todgeweihte zu sehr geschwächt, wurde er am Boden liegend vom Sieger erstochen. Für beide überlieferten Hinrichtungsarten fand Grossschmidt erstmals die «knöcherne Evidenz», wie er sagt. Sowohl an Halswirbeln als auch an mehreren Schulterblättern sahen die Forscher eindeutige Spuren dieses schaurigen Spektakels.
Was uns heute abstösst, war in den Augen der Römer die Essenz des epischen Kampfes Mann gegen Mann. Immer wieder hoben Cicero und andere römische Philosophen lobend den Gleichmut hervor, mit dem ein Gladiator seinen Todesstoss empfing. Cicero sah im Verhalten der Gladiatoren sogar Vorbildcharakter für das ganze Volk: «... was tapfere Gladiatoren zeigen, indem sie mit Würde untergehen, das lasst auch uns tun (...) lieber wollen wir in Ehren fallen als in Schande das Leben von Sklaven führen.» Cicero schrieb diese Zeilen kurz vor seiner eigenen Ermordung, bei der er seinen Häschern einem Gladiator gleich seinen freien Hals dargeboten haben soll.
Sie waren die Stars der Antike
Siegreiche Gladiatoren waren die Sexsymbole und Popstars ihrer Zeit. Auf Gladiatoren wurde im grossen Stil gewettet, vom gemeinen Volk wurden sie verehrt. Und in den gehobenen Kreisen galt es als chic, sich in ihrer Fechtkunst zu üben. Selbst Kaiser haben sich in der Arena im Gladiatorenkampf gemessen. Wenn auch wahrscheinlich nur mit Holzschwertern und im Vorprogramm der eigentlichen Kämpfe um Leben und Tod.
Doch trotz dieser Verehrung standen Gladiatoren, zusammen mit Huren oder Schauspielern, ausserhalb der römischen Gesellschaft. Sie hatten keine Rechte und wurden dafür verachtet. Später wurde dieser offensichtliche Widerspruch vor allem von christlichen Autoren kritisiert. Tertullian schrieb im 2. Jahrhundert: «Männer geben ihre Herzen hin, Frauen auch ihre Körper (...) Zu gleicher Zeit rühmt man sie, wertet sie ab und erniedrigt sie, in der Tat verurteilt man sie ganz offen zu einer verächtlichen Stellung (...) Wie pervers das alles ist!»
Gehegt wie Spitzensportler
Doch wie auch immer ihre Stellung innerhalb der römischen Gesellschaft war, den Gladiatoren mangelte es an nichts. So genossen sie beispielsweise eine ausgezeichnete medizinische Versorgung. Galen, der berühmteste Arzt des römischen Imperiums, arbeitete mehrere Jahre an einer Gladiatorenschule.
Wie die Untersuchungen aus Ephesos belegen, waren die Gladiatoren zudem gut genährt. Der hohe Strontium-Anteil der Knochen zeigt auch, dass sie vor allem pflanzliche Nahrung zu sich nahmen. Den resultierenden Calciummangel kompensierten sie mit einem Aschetrunk, den sie jeweils nach dem Training einnahmen. «Die Römer hatten wahrscheinlich keine Kenntnis von Mangelernährung, aber sie wussten aus Erfahrung, was es brauchte, um diese Leistung zu erbringen», meint Grossschmidt.
Und noch etwas offenbart Ephesos: Vier Schädel hatten ein einzelnes, rundes bis quadratisches Loch in der Schläfe, das möglicherweise von einem gezielten Hammerschlag herrührte. Tatsächlich gab es in der Arena die Figur des Totengotts Dis Pater, der mit einem Hammer auftrat. Vielleicht war der Hammerschlag bei Schwerstverletzten eine Art Gnadenakt. Oder aber, wie Grossschmidt vermutet, stellte Dis Pater sicher, dass der zum Tod verurteilte Verlierer auch wirklich tot war. «Es gibt Hinweise dafür, dass man so groben Wettbetrug vermeiden wollte», erklärt Grossschmidt.
Marcus Junkelmann: Gladiatoren. Verlag Philipp von Zabern, Mainz, 270 S., ca. 71 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.01.2009, 08:39 Uhr







