Wissenschaftliche Detektivarbeit im überlebensgrossen Massstab
Von Michael Zick. Aktualisiert am 11.03.2011 4 Kommentare
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Am Freitag ist es zehn Jahre her, dass die Taliban die riesenhaften Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan-Tal sprengten. In den vergangenen Jahren gab es vielfältige Bemühungen zu retten, was noch vorhanden ist: Rund 9000 Blöcke der gesprengten Figuren konnten gesichert werden. Vergangene Woche berieten Experten der UNO-Kulturorganisation Unesco über die Möglichkeiten einer Rekonstruktion der Statuen. Das Gremium beschloss, zum jetzigen Zeitpunkt von einem vollständigen Wiederaufbau abzusehen.
55 Meter hoch und 12 Meter tief war der Grosse Buddha, immerhin 38 Meter hoch und 2 Meter dick der Kleine Buddha – damit entspricht er der New Yorker Freiheitsstatue vom Fuss bis zum Strahlenkranz. Der Grosse Buddha leuchtete in Rot, das kleine Pendant war in ein weisses Gewand gehüllt, die Innenseiten der Roben kontrastierten in Hellblau. Beide Figuren waren im Lauf der Jahrhunderte mehrfach übermalt worden, mit raffinierten Zumischungen wurde der bis zu acht Zentimeter dicke Lehmputz elastisch gehalten und mit einer «Armierung» aus Seilen am Abrutschen vom Felsuntergrund gehindert.
Virtuelle Rekonstruktion
Vor knapp 1500 Jahren meisselten buddhistische Mönche die beiden Buddha-Bildnisse in die poröse Sandsteinwand des Bamiyan-Tals, 230 Kilometer nordöstlich Kabuls. Die Taliban waren nicht die Ersten, denen die Buddha-Grotten ein Dorn im Auge waren. Vor rund 1000 Jahren zerstörte der türkische Eroberer Mahmud von Ghazni die Gesichter der Figuren. 1919 liess der als «Vater des modernen Afghanistan» gefeierte Amir Amanullah die Statuen mit Kanonen beschiessen. Aber erst die radikalen Islamisten vernichteten die Symbole des vorislamischen «Unglaubens» gänzlich.
Erste Rettungsversuche setzten 2002 nach dem Sturz der Taliban ein. Danach entfalteten sich auf Betreiben des Internationalen Rats für Denkmalpflege Icomos (International Council on Monuments and Sites) umfangreiche Aktivitäten mit modernsten Methoden und raffinierter Technik. Die ersten Schritte zur Bestandsaufnahme und Sicherung wurden an der ETH Zürich getan. Armin Grün, Pionier in der Anwendung fotogrammetrischer Methoden in der Archäologie, gelang eine Rekonstruktion des Grossen Buddha – allerdings nur im Computer. Das Glück spielte mit: Grün trieb zwei Fotografien aus den Siebzigerjahren auf, bei denen Kameraeinstellung und Fotografenstandort bekannt waren. Aus solchen Daten kann der Computer ein dreidimensionales Modell kreieren. Das kann man drehen und kippen, hintergehen oder heranzoomen, selbst die kleinsten Falten der Kleidung oder Risse im Lehmputz sind erkennbar.
Vom Kleinen Buddha waren zunächst keine Fotografien aufzufinden. Nach einem öffentlichen Appell tauchten doch noch brauchbare Bilder auf. Seit 2007 kann der emeritierte Zürcher Professor den Kleinen Buddha ebenfalls virtuell rekonstruieren. «Die Daten liegen vor, bisher hat sich niemand bei mir gemeldet», sagt Armin Grün.
Nischen ebenfalls beschädigt
Schwieriger würde die tatsächliche Wiederherstellung der Figuren. Zum einen hat die Explosion nicht nur die Statuen, sondern auch die Nischenwände stark in Mitleidenschaft gezogen. Zum andern bleiben Zuordnung und Platzierung der vorhandenen Fragmente bei dieser fotogrammetrischen Methode völlig offen. Beide Probleme ging ein Team um Michael Jansen an. Der archäologisch versierte Professor für Stadtbaugeschichte an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen dokumentierte mit Laserscannern ab 2004 die Wände der Nischen und hat daraus ein begehbares 3-D-Modell erstellt.
Das ist so präzise, dass die einzelnen Schichten des in Jahrmillionen gepressten Sedimentgesteins zu unterscheiden sind: In Farbe und Zusammensetzung weichen sie erkennbar voneinander ab. Diese Unterschiede finden sich ebenfalls in den Bruchstücken der Buddhas, sodass die Zuordnung der einzelnen Fragmente zu bestimmten Schichten der Felswand möglich ist. «Rein technisch wäre ein Wiederaufbau möglich», sagt Jansen. Zumindest beim Kleinen Buddha hält auch der Münchner Restaurator Erwin Emmerling eine Wiederherstellung für möglich. Das Hauptproblem für den Konservierungswissenschaftler liegt in der chemischen Stabilisierung der Gesteinsbrocken. Herkömmliche Verfahren würden dem afghanischen Klima nicht standhalten. Vor allem aber: Für die Konservierung müssten Tausende von Steinen nach Deutschland gebracht werden – kaum vorstellbar. Oder im Bamiyan-Tal müsste eine Fabrik dafür gebaut werden – ebenfalls unrealistisch. Für die Kosten eventueller Restaurierungsarbeiten gibt es nur vage Schätzungen, die sich im Millionen-Franken-Bereich bewegen. Laut dem Schweizer Experten Armin Grün ist der Wiederaufbau heute nur noch eine politische Frage. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2011, 21:26 Uhr
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