Die neue «Kleine Eiszeit»

Schweizer Forscher rekonstruierten Sommertemperaturen im Altai-Gebirge und entdeckten, dass extreme Abkühlungen in der Spätantike auffällig zu Völkerwanderungen passen.

Vulkane verändern die Welt: Der Cotopaxi in Ecuador.

Vulkane verändern die Welt: Der Cotopaxi in Ecuador. Bild: Rodrigo Buendia/AFP

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Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull vor wenigen Jahren hat gezeigt, wie anfällig die moderne Zivilisation sein kann. Tagelang war der Flugverkehr lahmgelegt. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 kühlte die Erde ab. Auch die Schweiz litt unter den Missernten der folgenden Jahre. Geschwächt durch den wirtschaftlichen und politischen Umbruch, starben Tausende Menschen an Hunger oder sie wanderten aus.

Das sind nur zwei Episoden. Doch Vulkanausbrüche können Weltregionen für Jahrzehnte, sogar für Jahrhunderte klimatisch verändern, wie eine internationale Studie zeigt. Unter der Leitung des Geografen Ulf Büntgen von der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf rekonstruierten Wissenschaftler erstmals die Klimageschichte des russischen Altai-Gebirges der vergangenen 2000 Jahre. Sie wurden dabei überrascht: «Der Verlauf der Sommertemperaturen ist erstaunlich ähnlich mit dem der europäischen Alpen», sagt Ulf Büntgen. Besonders auffällig ist die ­extreme Abkühlung in beiden Regionen ab dem Jahr 536 bis etwa 660 nach Christus.

Die kältesten Jahrzehnte

Die Forscher sind sich gemäss dem gestern publizierten Bericht in «Nature Geoscience» sicher, dass es sich um eine Periode handelt, die kälter und grossräumiger war als die Kälteeinbrüche während der «Kleinen Eiszeit» vom 15. bis 19. Jahrhundert. Darauf hatte sich die Klimaforschung bisher vor allem konzentriert. Die mächtigen Moränenwälle in grossen Gletschertälern sind heute noch Zeugen der letzten Kaltzeit.

Für die Spätantike im 6. und 7. Jahrhundert allerdings gibt es keine sicht­baren natürlichen Überreste mehr. Die Forscher analysierten dafür die Jahrringbreiten von 660 lebenden und toten sibirischen Lärchen und zeichneten indirekt die Schwankungen der Sommertemperaturen auf. Das Auf und Ab der Kurve entspricht der Breite der Jahrringe, deren Wachstum primär von der Wärme abhängig ist. Die Methode der Dendroklimatologie wendeten sie vor wenigen Jahren auch in den Alpen an. «Nun haben wir zwei vollkommen un­abhängige Datensätze, das gibt uns das Gefühl, das wir richtig liegen», sagt Büntgen. Die «Spätantike Kleine Eiszeit», wie die Forscher die Kaltzeit erstmals nennen, sei die kälteste Periode der letzten 2000 Jahre gewesen.

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Alpen und Altai: Die beiden Gebirge liegen ungefähr 7600 Kilometer entfernt voneinander und dennoch ist deren ­Klimaverlauf so ähnlich. Die sommer­lichen Abkühlungen nach 536 sind im zentralasiatischen Altai-Gebirge allerdings stärker als in Europa, wo der Atlantik grundsätzlich einen mildernden Effekt auf das Klima hat. Die klimatische Ähnlichkeit interpretieren die Forscher mit grossskaligen Strömungsmustern, die das Wetter grossräumig bestimmen.

Doch was macht die Wissenschaftler so sicher, die «spätantike Kleine Eiszeit» für ganz Eurasien auszurufen? Es sind die zahlreichen bekannten Naturarchive auf der Nordhemisphäre, welche die Wissenschaftler sammelten und prüften. Klimaforscher rekonstruieren heute Temperaturentwicklungen nicht nur mithilfe von Jahrringen, auch See- und Meeres­sedimente, Tropfsteine, Gletschermessungen und Eisbohrkerne ­liefern zuverlässige Daten. In all diesen ­Klimaarchiven war die Abkühlung ­ebenfalls erkennbar.

Die Ursache der Kaltzeit entdeckten die Forscher in Sulfat-Messungen von Eisbohrkernen aus der Antarktis und Grönland. Die Schwefelpartikel stammten hauptsächlich von drei Mega-­Vulkanausbrüchen in den Jahren 536, 540 und 547. «Massgebend war schliesslich die Wirkung mehrerer Vulkane», sagt WSL-Forscher Ulf Büntgen.

Welche Vulkane es namentlich waren, darüber lässt sich laut den Wissenschaftlern nur spekulieren. Aus Eisbohrkernen lässt sich jedenfalls ablesen, dass die Eruption im Jahr 540 vermutlich grösser war als jene des Tambora im April 1815. Die Sommertemperatur sank dabei um 1,5 bis 2,5 Grad Celsius im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt von 1961 bis 1990. «Für eine landwirtschaftlich ausgerichtete Bevölkerung war das schlimm», sagt Büntgen.

Millionen starben an der Pest

Für Historiker haben die neuen Klima­daten einen enorm hohen Wert. Eine der grossen Fragen ist, ob Klima- und Umweltveränderungen letztlich für die globalen Wanderbewegungen und Epidemien mitverantwortlich waren. Die Autoren der Klimastudie reihen eine Vielzahl von politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen auf, die in dieser Kaltperiode angestossen wurden. So brach in Eurasien nach Hungers­nöten zwischen den Jahren 541 und 543 die ­Justinianische Pest aus, an der Millionen Menschen starben und die ver­mutlich auch zum Ende des oströmischen Reiches mitbeitrug.

In den von den Römern verlassenen Gebieten im Osten des heutigen Europas wanderten Slawen aus den Karpaten ein. Völker aus Zentralasien, so schreiben die Forscher, seien Richtung China gezogen, weil es in ihren Stammlanden vermutlich an Weideland mangelte. Es kam später auch zu Konflikten zwischen den Nomaden und den Mächtigen in Nordchina.

Auch wenn die Klimaveränderungen verblüffend gut mit der Kulurgeschichte zusammenpassen: Der Historiker John Haldon von der Princeton University warnt in «Nature Geoscience», geschichtliche Entwicklungen allein grossräumigen Umweltveränderungen zu­zuschreiben. Haldon nennt das Beispiel der Wikinger, die Grönland wegen des Klimawandels verliessen. Heute sei ­bekannt, dass das Klima damals nur eine kleine Rolle spielte.

Auch Ulf Büntgen zieht seine Lehren aus der Arbeit: «Nur mit Fallbeispielen, bei denen zuverlässige historische und klimatische Daten vorhanden sind, kann Kulturgeschichte letztlich wahrheits­getreu erzählt werden».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.02.2016, 23:28 Uhr)

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Meeresspiegel

Drastischer Anstieg

Anhaltende Treibhausgasemissionen könnten massive Langzeitfolgen haben, die nicht rückgängig zu machen sind und über mehr als 10 000 Jahre andauern. Dies ist das Ergebnis einer internationalen Studie unter Beteiligung der Universität Bern, wie die Hochschule gestern mitteilte. Selbst wenn es gelingt, die Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht, wird der langfristige Anstieg der Meere gemäss den Berechnungen immer noch etwa 25 Meter betragen. Ganze Mega-Citys müssten in diesem Fall umziehen, so die Autoren. Es sei höchste Zeit, dass die Politiker die enorme Langfristigkeit der Klimaproblematik erkennen würden, sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Kleinere und kurzzeitige Reduktionen der Emissionen genügten nicht. ( SDA )

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