Geschichte von unten

Das Soldbuch eines Nazis, das Tagebuch eines Staatsrechtlers, Dokumente aus der Industrialisierung: Seit fünfzig Jahren sammelt das Archiv für Zeitgeschichte privates Quellenmaterial.

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Am Anfang steht die Neugier eines Studenten an der Uni Zürich. Klaus Urner will im Jahr 1965 über deutsche Nazi-Organisationen in der Schweiz eine Seminararbeit schreiben. Er realisiert aber bald, wie schwierig es ist, an Quellenmaterial aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs heranzukommen. Mitte der 60er-Jahre stehen die relevanten Akten unter Langzeit-Sperrfristen, die 50 bis 100 Jahre oder sogar noch länger dauern.

Das will Urner nicht hinnehmen. Mit seinem Mitstudenten Hans Rudolf Humm gründet der 24-Jährige darum 1966 die «Arbeitsgruppe für Zeitgeschichte». Das Ziel der Studenten: ein eigenes Archiv, basierend auf Akten und Aussagen von Zeitzeugen. Dass die zeitgeschichtliche Forschung in der Schweiz im internationalen Vergleich weit zurückgeblieben sei, beruhe nicht zuletzt auf dem Fehlen eines solchen Archivs, schreiben die beiden in ihrem Exposé. Aufgrund dieser studentischen Initiative ist das Archiv für Zeitgeschichte (AFZ) entstanden, ein modernes Informationszentrum mit heute 20 Mitarbeitenden, das dem Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften (D-Gess) an der ETH in Zürich angegliedert ist. Heuer feiert es das 50-Jahr-Jubiläum.

Renoviert und digitalisiert

Staub angesetzt hat das Archiv in dieser Zeit nicht. Das Gebäude ist frisch renoviert, und über 10 Prozent der knapp 4000 Laufmeter Schriftgut sowie rund die Hälfte aller Film- und Tondokumente sind digitalisiert. Heute ist der Hirschengraben 62 eine «unerlässliche Adresse für alle, die sich mit der Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert beschäftigen», so die NZZ.

Über 500 Nachlässe und Archive von Institutionen und Einzelpersonen gehören zum Bestand. Versammelt sind Geschichten von Menschen ganz unterschiedlicher Gesinnung: hier der Fröntler Benno Schäppi, der 1943 aus der Schweiz ausgebürgert wurde, weil er 1941 freiwillig zur Waffen-SS gegangen war, wo er sich bis zum Untersturmführer hochdiente (sein Soldbuch ist im Archiv zu besichtigen). Da der evangelische Pfarrer Paul Vogt, Flüchtlingspfarrer von 1943 bis 1947, der unermüdlich die «furchtbare Wahrheit» über die Judenverfolgung verbreitete. Er gründete die Freiplatzaktion, die versuchte, Flüchtlinge bei Privaten statt in Arbeitslagern unterzubringen.

In dieser grossen Sammlung gibt es viele Archive im Archiv.

Die jüdische Zeitgeschichte, für welche die ETH 1995 eine Stiftung gründete, bildet neben Politik und Wirtschaft einen der Schwerpunkte des Archivs. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) schenkte dem Archiv in den 80er-Jahren Dokumente zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Auch das Archiv des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) lagert hier. Diese Quellen helfen etwa dabei, Fluchtrouten jüdischer Flüchtlinge durch die Schweiz nachzuvollziehen. Es seien Nachkommen und Interessierte aus der ganzen Welt, die hier Unterlagen bestellten, erzählt Archivleiter Gregor Spuhler, der Klaus Urner 2007 ablöste.

In dieser grossen Sammlung gibt es viele Archive im Archiv, in die man sich vertiefen könnte. Das Ecopop-Archiv beispielsweise oder das Archiv des Schweizerischen Handels- und Industrievereins, genannt Vorort, heute Economiesuisse. Auch das Firmenarchiv der Stromzählerproduzentin Landis & Gyr wird hier aufbewahrt.

Doch zurück zu den jungen Forschern, die damals voller Elan loslegten. Im September 1967 vermietet die ETH der Gruppe für monatlich 50 Franken zwei Mansardenzimmer an der Weinbergstrasse 58, in denen sich schon bald das Material stapelt. Mit freiwilligen Helfern tragen die Studenten Nachlässe zusammen, schneiden Zeitungsartikel aus und fahren nach Deutschland. Dort gibt es dank den Alliierten Regeln zur Offenlegungspflicht. Die Studenten finden Akten zu deutsch-schweizerischen Beziehungen im Dritten Reich und lassen Mikrofilme anfertigen.

Das Interesse bleibt nicht unbemerkt – und stösst auf Gegenwehr. Urner spricht heute von «Skepsis und teilweise Ablehnung durch etablierte Institutionen» und von «Abwürgungsversuchen, die insgeheim erfolgten». Als die Gruppe 1968 im «Zürcher Student» per Inserat nach weiteren Helfern sucht, wird die Bundespolizei auf sie aufmerksam. Gemäss Ficheneintrag beurteilt sie die Studenten als politisch harmlos, findet ihr Engagement aber unverständlich.

Historische Pionierarbeit

Die Studenten haben aber auch prominente Förderer. Karl Schmid, renommierter Literaturprofessor und ehemaliger ETH-Rektor, unterstützt das Archiv und stellt den Kontakt zu Jean-François Bergier her, damals Geschichtsprofessor an der ETH, Jahrzehnte später Mitverfasser des Bergier-Berichts. 1973 wird Urner dessen Assistent und führt, nachdem sein Kollege ausgestiegen ist, das Archiv allein. Als 1974 an der ETH das Institut für Geschichte entsteht, wird ihm das Archiv angegliedert. Es wird von zwei auf sechs Zimmer vergrössert.

Seit den späten 60er-Jahren dabei ist Georg Kreis, inzwischen emeritierter Geschichtsprofessor und bis 2011 Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. «Wir konnten uns als Pioniere vorkommen», sagt Kreis heute, «die Sicherung und der Einbezug von Privatnachlässen in die zeitgeschichtliche Forschung waren damals etwas Neues.» Man habe sich nicht mit Staatsakten begnügt, sondern die Quellen mit mündlichen und schriftlichen Überlieferungen von Zeitzeugen erweitert.

«Der Einbezug von Nachlässen in die Forschung war damals neu.»Georg Kreis, Historiker

Kreis nutzt die Bestände bis heute regelmässig. Besonders lieb sei ihm das Tagebuch des Basler Staatsrechtlers Max Imboden, auf das er zurückgriff, als er dessen berühmtes Buch «Helvetisches Malaise» von 1964 vor fünf Jahren neu herausgab und kommentierte. Doch die Digitalisierung stellt das Archiv vor Herausforderungen: Welche Papiere und Bilder sollen digitalisiert werden? Müsste das Archiv auch Whatsapp-Nachrichten oder Facebook-Profile archivieren? Schliesslich möchte das Archiv für Zeitgeschichte seit seinen Anfängen die biografische Dimension der Geschichte überliefern. Dazu kann manchmal durchaus auch ein Tweet gehören.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.11.2016, 18:40 Uhr)

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